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SILVERCHAIR - The lighter side of life

Als sich zu Hochzeiten des Grunge ein junges Trio mit frischen Kompositionen und unbändigem Willen in die Herzen der Teenies spielte, hätte wohl niemand erwartet, dass die gleiche Band im neuen Millenium eines der Aushängeschilder der australischen Rockszene ist. Nun erschien mit „Diorama“ der vierte Studiostreich von Daniel Johns, Ben Gillies und Chris Joannou und man darf sicherlich sagen, das man ihnen das erwachsen werden a) gönnt und vor allem b) anhört. Drummer Ben stand Westzeit Rede und Antwort.

Nach dem 99er Output „Neon Ballroom“, mit dem sich die Abkehr der Band von wütendem Grunge hin zu orchestralem Hardrock steigerte, folgte nun, drei lange Jahre später die logische Weiterführung dieses Konzeptes. „Eigentlich haben wir für „Diorama“ nur knapp ein Jahr gebraucht. Die beiden Jahre zuvor haben wir eigentlich nicht viel getan. Es war an der Zeit, unsere bisherige Arbeit als Band zu reflektieren und uns einfach mal zurückzulehnen und zu erholen. Natürlich gab es immer Pausen zwischen unseren vorherigen Alben, aber das hat nie lange angehalten und wir hatten keine wirkliche Chance, mal richtig den Kopf frei zu bekommen und unsere Passion für diese Band wieder neu zu entdecken.“ Und genau das hört man deutlich raus, wenn man einen direkten Vergleich der beiden letzten Outputs anstrebt. „Ja, ich denke schon, dass man die Tatsache, dass wir unsere Musik lieben und die daraus resultierende Erregung spüren kann.“ Klingt aufregend. „Das Material ist wesentlich erbauter, farbenprächtiger und positiver ausgefallen. Daniel hat alle Songs geschrieben und bewusst die Entscheidung getroffen, ein wenig mehr Abstand von seiner dunklen Seite, nenn es ein stimmungsvolles Grau, hin zu einem farbenfrohen Charakter zu zeigen. Einfach viel fröhlicher.“
Dies stellt einen großen Unterschied zum aggressiven Sound der Anfangstage dar. „Und den spiele ich immer noch gerne, aber momentan stehe ich mehr auf Sachen, die mir ein gutes Gefühl vermitteln anstatt mich in nachdenkliche Stimmung zu versetzen. Ist es nicht eines jeden Ziel, glücklich zu sein und sich gut zu fühlen? Düstere Musik muss nicht unbedingt diesen Effekt erzielen, aber Musik ist kraftvoller als viele Leute vielleicht realisieren.“ Somit wäre auch der rege Einsatz des Orchesters zu erklären, welcher das hervorragende Songwriting dezent bis bombastisch ausschmückt und unterstützt. „Die Idee entstand schon bei den ersten Songs, die Daniel geschrieben hatte, bei den ersten Proben. Es hat sich mit der Zeit zu einem gewissen Markenzeichen entwickelt, eben um ein gewisses Extra dem jeweiligen Song beizufügen. Leider haben wir nicht das Geld, um eine String-Section mit auf Tour zu nehmen, darum nehmen wir zwei Keyboarder mit, die sich die Streicher- und Pianoparts teilen. Dennoch ist das nicht so, als würde ich zu einem Click-Track spielen, sondern es ist wesentlich dynamischer und lebendiger und klingt sehr authentisch.“ Die Originalumsetzung auf Konserve funktioniert hörbar gut . Bleibt abzuwarten, wie die Live-Umsetzung geschehen wird. Womit wir zum Albumtitel kommen: Diorama - ein plastisch wirkendes Schaubild. „Es war nicht einfach, einen Titel zu finden. Wir wollten ein Wort finden, das alles, worum es hier geht, erklärt. Wir finden, dass man sich beim Anhören dieser Tracks wirklich fallen lassen kann, gänzlich abschalten und den Alltag für eine Stunde vergessen. Es ist eine farbenfrohe Welt in einer anderen. Nicht mehr und nicht weniger.“ Zielsetzungen für die kommenden Jahre? „Da denken wir nicht wirklich viel drüber nach und haben dies bisher eigentlich auch nicht gemacht. Als wir jünger waren, wollten wir eigentlich nur Musik machen und ein wenig herumkommen. Die finanzielle Seite wirkt auch nicht wirklich attraktiv auf uns, das ist nicht der Grund, warum wir dies hier tun. Wir sind nun an einem Punkt angelangt, wo es darum geht, die Situation zu geniessen. Eine gute Show spielen, diesen einen magischen Moment mit dem Publikum zu erleben, zählt wesentlich mehr als sich mit Plattenverkäufen und Kontoständen zu befassen. Sonst könnte dich die Industrie in etwas verwandeln, das du gar nicht bist. Wir wissen, dass diese Periode unseres Lebens nicht ewig anhalten wird und geniessen sie deshalb. Und irgendwie gibt es nichts Negatives an dieser Band. Das ist wohl der Schlüssel zu unserem Erfolg.“ Und dieser Erfolg spiegelt sich nicht nur in millionenfach verkauften Alben wieder, sondern resultiert auch aus den hervorragenden Performances. „Wir spielen zwar nicht so oft live wie andere Bands, aber ich denke, wir sind eine gute Live-Band.“ Wovon man sich wohl in naher Zukunft leider nicht mehr überzeugen kann. Etwa eine Woche nach diesem Interview erreichte uns die Hiobsbotschaft, dass die geplante Europatour Mitte August aufgrund der Arthritis-Erkrankung von Sänger und Gitarrist Daniel Johns platzen musste. Auch das schon vorher entstandene Gerücht, Page Hamilton würde als Tour-Gitarrero einspringen, erwies sich als falsch. Bis die Zeit des hoffentlich vermehrten Tourens auch hierzulande Einzug hält, ergötzen wir uns an einem Album, das genauso komplex wie kompakt ist, vollkommen anmutet und hoffentlich nicht nur ein weiterer Höhepunkt des Schaffens von Silverchair sein wird.
Aktuelles Album: Diorama (Atlantic/eastwest)
Weitere Infos: www.chairpage.com
© 03. August 2002  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen ||| Foto: Andrzej Liguz
August 2002

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