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INFADELS - Gemeinsam auf den Kopf gestellt

Manche Bands spielen ewig und drei Tage ihren Stiefel herunter. Album für Album der gleiche Schuh – und man kann es ihnen noch nicht einmal verdenken! Denn frisst die hörige Gemeinde erstmal vor der Bühne und aus dem Regal im Plattenladen, reicht man der Einfachheit halber immer dasselbe Futter. Der sympathische, redselige Sänger Bnann erzählt am Telefon, warum die Infadels solch einen Fraß mit ihrem zweiten Album nicht auftischen, sondern sich selbst einer Frischzellenkur unterzogen haben, die sich gewaschen und so manches auf den Kopf gestellt hat.

Anfang des neuen Jahrtausends kam ein bestimmter Trend auf und war plötzlich in aller Munde, Stereoanlage und Kleiderschrank. Ranzige Punk-Ästhetik, geschmacksfreie Rock-Grobschlechtigkeit und sterile Elektro-Infantilität wurden vereint und sollten sich gernhaben: Electroclash nannte man den Bastard. Rock, Punk und New Wave der späten 70er und frühen 80er Jahre wurden auf Ravebarkeit getrimmt und mit einem Hang zum Dilettantismus verziert. Aber Electroclash war immer auch nur insoweit ein musikalischer Modebegriff, als dass er sich wie nahezu jeder Fashionstyle nicht länger als eine paar Saisons halten würde. Haben die Infadels gewusst, dass sich die Fusion aus Elektro-Sauberkeit und Rock-Morast auslutschen könnte? Vielleicht. Ganz sicher aber haben sie darüber gar nicht nachgedacht. Dies hat weniger etwas mit Gedankenlosigkeit zu tun, als mit den eigenen Lebensumständen. Das Leben der fünf Briten hat sich innerhalb kürzester Zeit schlagartig verändert. 2003 war es, als sich nach diversem musikalischen Ausgetobe und Partygetümmel in Hackney, London, aus dem kurzzeitigem Dreiergespann Bnann Watts (Gesang), Matt Gooderson (Gitarre, Programming) und Alex Bruford (Schlagzeug) mit Wag Marshall-Page (Bass) und Richie Vernon (Keyboard) ein Quintett zusammengefunden hatte. Nur nebensächlich, aber doch interessant ist, dass Schlagzeuger Alex der Sohn des (zumindest den etwas älteren Musikhörern) bekannten Bill Bruford ist, welcher für Genesis, King Crimson und Yes wildes Zeug trommelte. Ob dieses familiäre Band für Alex’ Spiel respektive die Musik der Infadels ausschlaggebend war, ist schwer zu sagen. Mit Leichtigkeit zu bestimmen ist hingegen, dass kurz nach dem Zusammenschluss dieser fünf Herren schnell klar war, dass mit Infadels ein heißes Eisen im Wall Of Sound-Feuer brutzelte und bald schon von der Insel seinen Lauf nehmen würde.

2006 war es dann so weit, als der Fünfer nach großen Vorschusslorbeeren sein Debüt „We Are Not The Infadels“ vorlegte. Elektronik, Rock und Noise paarten sich hier in einer infektiösen Zusammensetzung, lösten so Einiges aus und zogen einen schönen Rattenschwanz hinter sich her, an dem die Infadels sich in hunderten von Konzerten um die Welt ziehen ließen. Infadels gingen von Null auf Hundert und durch die Decke. Weil sie den eh schon so hippen Clash aus allen möglichen musikalischen Elementen gekonnt umsetzten und bestens bedienten? Natürlich. Sie haben bunt gemischt und Vermischtes smart vereint. In ihrem Innersten sind die Infadels in ihren Anfängen grob gesprochen eine Form von Electroclash mit kleinem Rockanteil, also eine Mixtur aus Rock, Punk, New Wave, Elektronik und Pop. Wenn man ehrlich ist, klingt solch eine Beschreibung nicht wirklich interessant, sondern fast schon nach dem besten Mix aus den 70ern, 80ern, 90ern und den Hits von heute. Aber Radiomusik für Biedermänner klingt anders. Und geht man ins Eingemachte, also tiefer in die handgemachten Indie-Zutaten und ihre Zusammensetzung, wird man merken, dass Infadels keine bloße Eintagsfliege des Electroclash-Gebaren sind. Fundort dieser Ingredienzien ist: „Universe In Reverse“, das zweite Album der Band und damit das, was es zu beweisen galt.

Die Infadels haben nun ihren eigenen Cocktail in Frage gestellt und dessen Zutaten ausgesiebt. Das bedarf erstens Mut, zweitens Weitsicht und drittens Fähigkeiten. Mut deshalb, denn sie hätten auf Nummer sicher gehen und den Hörigen ihren gewohnten Fraß liefern können. „We Are Not The Infadels“ war ein erfolgreiches Debüt - warum sollte man also nicht auf dieser Schiene weiterfahren? Um nicht zwangsläufig so weiterzumachen, bedarf es der erwähnten Weitsicht. Denn die Grenzen, die den eigenen Tellerrand abstecken, werden naturgemäß enger, wenn man mit dem Altbewährten so gut gefahren ist. Drittens braucht man – so obsolet das in den heutigen Zeiten auch klingen mag – Fähigkeiten, um neue Ideen auszuprobieren, Ziele auszuloten und neue Ufer zu erreichen. Die Infadels haben alle drei Aspekte mit ihrem zweiten Album an den Tag gelegt. Weniger raviges, clubbig-steriles Abgespacke um seiner selbst willen, dafür mehr Pop, mehr Rock und mehr Dynamisches. Es kracht und atmet mehr, wenn auch der Grund noch der Boden des Tanzflurs ist. Gitarren gretschen zwischen die kreisenden Synthi-Hooks und man wird Richie auch nach wie vor noch schreiend, zappelnd, schlagend hinter dem wackligen Keyboard randalieren sehen. Dazu gesellt sich aber eine seltsame Mischung aus Songwriter- und Stadionrockpop-Elementen, die eine Diversität an den Tag legt, mit der die Infadels im eigenen Haus Wände einreißen und anderen Ebene einziehen. The Rapture? Justice, Bob Dylan? Spiritulized? Brian Eno? Hard-Fi? Doves? David Bowie? Daft Punk? Steve Reich? Robbie Williams? Talking Heads? Mika? Es wird immer verrückter!

„Ja, irgendwie ist das alles drin. Aber es fühlt sich gleichzeitig auch so an, dass wir mit diesem Album an einem ganz bestimmten Punkt angekommen sind. Einem Punkt, der näher an dem liegt, was uns als Band im Kern ausmacht.“

Dem Namen des Debütalbums so eine neue, prospektive Bedeutungsdimension beizumessen, wäre zu viel des Guten, aber man kann unterstreichen, dass die Infadels bei der ersten Platte noch auf der Suche waren.

„Wir haben damals nicht wirklich als eine Band dieses Album gemacht. Es war eine Platte, auf der jeder seine Instrumente gespielt hat, aber das gemeinsame Bandgefüge sich noch nicht voll entfaltet hatte. Das wir eine Band sind, haben wir eigentlich erst danach realisiert, als wir so lang auf Tour waren.“

Es kristallisierte sich heraus, dass für jeden einzelnen Song, den man spielt und macht, das Bandgefühl immens wichtig ist. Mit dieser Erkenntnis und diesem Gefühl machten sie sich während des endlosen Tourens um den Globus daran, neue Songs zu schreiben. So sind die meisten Grundideen und Gerüste der Songs mit der Akustikgitarre im Tourbus entstanden. Gemeinsam und offen für alles.

„Das war ein riesiges Vergnügen für uns! Vermutlich auch deshalb, weil wir dieses neue Gemeinschaftsgefühl hatten und merkten, dass alles auch anders geht.“

Ergebnis dieses Prozesses ist, dass sich die Verhältnisse der Ingredienzien freilich völlig veränderten.

„Früher waren es 80% Elektronik und 20% Indierock. Nach unserer Vorproduktion haben wir viel rausgeschmissen und versucht, uns auf das Wesentliche zu reduzieren. Rausgekommen sind dann eben 80% Indierock und 20% Elektronik. Das hat ganz klar auch etwas damit zu tun, dass wir beim Songwriting immer unsere Live-Energie als Maß der Dinge nahmen.“

Die Gewichtsverlagerung im eigenen Hause zeigt, dass den Infadels das mancherorts übergestülpte Elektroclash-Rocker-Sonstewas-Korsett rein gar nicht passt. Sie sind sich näher gekommen und haben dies in „Universe In Reverse“, als der Ausdruck dessen, dass die Welt der Infadels irgendwie auf dem Kopf steht, vertont.

„Wir haben keine normalen 9to5-Jobs, wie die meisten unserer Freunde. Stattdessen sind uns verdammt viele verrückte Sachen in den letzten Monaten und Jahren untergekommen und es passieren ständig neue aufregende Dinge in dem Leben dieser Band. Dieser Lifestyle ist wie ein paradoxes Universum für uns. Und all das färbt natürlich auch auf die Musik ab.“

Es bleibt abzuwarten, was den Infadels in den nächsten zwei Jahren alles widerfahren wird, aber vielleicht liegt 2010 schon das dritte Album der Briten auf dem Tisch.

„Ich hoffe, dass wir die Möglichkeit haben, ein weiteres Album zu machen. Wenn wir das machen, hoffe ich, dass es eine weitere Reise wird, die uns weiterführt, die uns an neue Orte bringt und Verrücktes offen legt.“

Möglicher Titel dieser Selbstfindung in spe: „We Are The Infadels“.



Infadels live:

07.06. Rock am Ring

13.06. Doornroosje Nijmegen (NL)



Aktuelles Album:

Universe In Reverse (Wall Of Sound / PIAS)
© 03. Juni 2008  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister
Juni 2008

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