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MYSTERY JETS - Ohne Papa, aber mit Phil Collins

Man kann es sich kaum vorstellen, wie es ist, mit Papa im Proberaum Bier zu trinken und zu qualmen, mit Papa auf Tour zu gehen und in seiner ständigen Begleitung die Vor- und Nachteile der Rock´n´Roll-Klischees zu durchleben? Blaine Harrison und William Rees von den Mystery Jets sagen, dass das durchaus gut gehen kann. Nun steht den Bürschchen aber ein Leben ohne Papa bevor – und der Loser Phil Collins steht ihnen dabei Pate.

„Wir mussten den Stier bei den Hörnern packen und endlich auf eigenen Füßen stehen. Denn wie sollen wir unsere eigenen Erfahrungen und Fehler machen, wenn stets ein erfahrener Erwachsener dabei ist?“

Wovon Sänger und Gitarrist Blaine Harrison hier spricht, ist die elementare Veränderung, die sich für ihn und seine Band Mystery Jets in der jüngsten Vergangenheit ereignet hat: sie sind nun Papa-los. Die jungen Briten sind seit kurzer Zeit auf sich allein gestellt, denn Blaines Vater (sic!) Henry hat sich aus der Band zurückgezogen – zumindest aus den Liveaktivitäten der Band.

„Henry ist ein cooler Typ und mehr Freund als Vater“, so sein Sohn. „Deshalb haben wir diesen Alterunterschied auch nie bewusst wahrgenommen.“

Kein Wunder, denn eigentlich kannten es die Bengel auch nicht anders. Die Band startete bereits, als Blaine noch im einstelligen Bereich seines Alters war. Nach einer EP und diversen Line-Up-Veränderungen erschien Anfang 2006 dann das Debüt „Making Dens“ auf 679 Recordings und es folgten viele Tourwochen – selbstverständlich an der Seite von Papa.

Aber nun ist Schluss damit, die Kinder sind flügge und Vater Henry macht fortan Platz im Tourbus, stand seinen Sprösslingen aber für das neue, zweite Album noch als kreativer, musikalisch- weiser Kopf mit Rat und Tat zur Seite. Vielleicht liegt darin auch der Grund dafür, dass „Twenty One“ erwachsen und jugendlich zugleich klingt. Erwachsen (im positiven Sinne), weil es ein smartes, mit allen Wassern gewaschenes Songwriting in sich trägt, aber zu jeder Zeit auch völlig jugendlich, jungfräulich und mit reichlich Grün hinter den Ohren aufspielt. Gitarrist William, wie auch Blaine ein Anfang Zwanziger, mit ausgeblichenem Micky Mouse-Sweater und waschechtem Raucherhusten ausgestattet, beschreibt die neu entdeckte Jugendlichkeit der Mystery Jets so:

„Die größte Veränderung ist für mich, dass die Songs und speziell auch die Lyrics aus einer viel jüngeren Perspektive geschrieben sind und auch genauso auf mich wirken. Die meisten Texte des vorigen Albums wurden von Henry geschrieben und der ist nun mal Mitte 50. Wir sind zwischen den Alben naturgemäß älter und erwachsener geworden, die Musik aber irgendwie bedeutend jünger. Deshalb würde ich sagen, dass der größte Unterschied zwischen der alten und der neuen Platte der ist, dass wir jünger geworden sind. Klingt komisch, nicht wahr!?“

Ja, aber er trifft damit den Nagel auf den Kopf.

Schuld an jener Entwicklung sind nicht zuletzt zwei Personen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: DJ-Legende Erol Alkan und Ü-40-Popbarde Phil Collins. Ersterer hat sich nämlich für die Produktion dieses Albums ins Zeug gelegt. Akribisch, unaufhaltsam und mit ganz viel Input hat er „eine Vision gemeinsam mit uns verfolgt. Und er hat uns damit nicht gespalten, sondern noch stärker zusammengeschweißt. Das können nur wenige Produzenten.“

Herausgekommen ist eine Art Postpop, der dem britischen Indierock anhaftet. Bleibt nur zu klären, welchen Beitrag Phil Collins in diesem Zusammenhang geleistet haben soll.

„Ich weiß, dass das kaum jemand versteht“, so Blaine, „aber Phil Collins ist vermutlich der größte Loser ever. In dem Sinne, dass all seine Songs eine Geschichte aus der Perspektive eines Verlierers geschrieben sind und von diesem Standpunkt aus erzählen. Und wenn man das schmalzige Image von Phil Collins, sein Gesicht, seine Vergangenheit und alles wegnimmt, dann bleibt ein unglaublich guter Musiker und sagenhaft guter Texter. Ich finde, dass er hoffnungslos unterschätzt wird. Mich inspirieren seine Musik und seine Texte in jedem Fall sehr.“

Ohne Frage: Manches ist eben doch eine Frage des Alters.

Aktuelles Album: Twenty One (Rough Trade / Beggars Group / Indigo)
© 01. Juni 2008  WESTZEIT
Juni 2008

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