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TORTOISE - Alles fließt

Drei Jahre nach ihrem sperrigen Werk "Standards" sind Tortoise, die Band die Post-Rock Mitte der 90er gesellschaftsfähig gemacht hatte, zurück. Zum ersten Mal hat es keinen Besetzungswechsel im fünfköpfigen Klangkollektiv gegeben. Mit "It’s All Around You" wurde ein Album eingespielt, das es mit dem eigenen Meisterwerk "Millions Now Living Will Never Die" aufnehmen kann.
Tortoise bewegen sich wieder im weiten Feld zwischen Song und Track. Leise, verträumt, fast andächtig entwickeln sie filigrane Bass- und Gitarrenlinien, lassen das Vibraphon fließen, fügen den Harmonien der Stücke bisweilen Brüche zu oder zersägen sie sogar effektvoll. Ein Jahr haben sie sich Zeit gelassen, um die neue Platte in John McEntires "Soma" Studio fertigzustellen. Zeit, die für das Experimentieren mit Krautrock, Cool Jazz, Dub, Elektronika und der Studiotechnik, benötigt wurde.

Bassist Douglas McCombs grinst, wenn er den Arbeitsprozeß der Band beschreibt: "So haben wir die letzten drei Alben gearbeitet. Wir haben das Studio benutzt, um die Songs zu komponieren und keinen voreilig als endgültig oder abgeschlossen betrachtet. Es ist schon ein enormer Vorteil, keine Zeitbegrenzungen und kein Budget-Limit zu haben. Das beeinflußt den Umgang mit der eigenen Musik. Wir müssen keine fertigen Songs haben, die eingeprobt sind, um dann in ein Studio zu gehen und diese schnellstmöglich einzuspielen. Wir können viel ausprobieren, merken aber auch, dass man sich darin verlieren kann. Es ist wichtig, eine Idee zu haben, wohin ein Song gehen soll. Man muß Stücke beenden können, Vorstellungen in Ergebnisse münden lassen."

Auch McCombs kann nicht erklären, warum "It’s All Around You" eher an den Tortoise-Meilenstein "Millions Now Living Will Never Die" anknüpft als an den Sound der letzten Platte. "Keine Ahnung, warum das so ist", sagt er. "Jedes unserer Alben reflektiert einfach das, was uns beschäftigt hat, woran wir interessiert waren und wie wir uns während der Aufnahmen gefühlt haben." Die Zeitspanne zwischen der Veröffentlichung zweier Alben ist dabei willkürlich. "Eigentlich wollen wir jedes Mal so schnell wie möglich eine neue Platte aufnehmen, aber jeder von uns ist in verschiedene andere Projekte involviert und plötzlich sind eben wieder drei Jahre vergangen, so dass wir denken ‚Verdammt, wir sollten unbedingt, ein Album machen‘. Das müssen wir wirklich besser in den Griff bekommen."

Dabei ist es keineswegs so, dass Tortoise sich nur alle drei Jahre im Studio treffen. Es ist die Band von fünf engen Freunden, die in Chicago nah beieinander wohnen, gemeinsam auf Konzerte oder Parties gehen und regelmäßig zusammen an Projekten arbeiten, auch wenn sie nicht die Band betreffen. "Gelegentlich kommen wir zusammen, um ein Tortoise-Stück für eine Compilation aufzunehmen, meistens aber, um aus anderen Gründen Musik zu schreiben. Mit Tortoise geht es eigentlich erst los, wenn wir wirklich zur Überzeugung gelangt sind, es sei endlich an der Zeit eine neue Platte einzuspielen, weil wir mal wieder viel zu spät dran sind."

Die meisten Songs entstehen dabei als gemeinsame Kompositionen. Die Band versucht die vorgefertigte Struktur eines Stückes auf ein Minimum zu reduzieren. "Für uns entsteht die interessanteste Musik im Zusammenspiel", erzählt McCombs. "Wenn es darum geht, ein Album aufzunehmen, sind wir sehr konzentriert bei der Sache, wir stellen Ideen vor und sehen, was sich daraus entwickelt. Wir sind sehr aufeinander eingespielt, so dass das Arbeiten einfach ist."

Weil Dan Bitney, John Herndon, Douglas McCombs, John McEntire und Jeff Parker in viele verschiedene Projekte verwickelt sind, stellt sich die Frage nach ihrer Lieblingsband. McCombs lacht und führt diplomatisch aus: "Von allen Bands, in denen ich spiele, ist Tortoise vielleicht die Band, in der ich die größte persönliche Befriedigung erlebe. Die Musik, die bei Tortoise entsteht, ist am nächsten an meinen Gefühlen. Aber natürlich sind alle Bands, in denen ich spiele, für mich sehr wichtig sind, andernfalls würde ich nicht bei ihnen spielen. Mit jeder Band erlebe ich etwas anderes. Ich glaube die anderen fühlen ähnlich."

Gemeinsam haben sie in diesem Jahr einen Tag des "All Tomorrow’s Parties" Festivals kuratiert, das Ende März in England stattfindet. 15 Bands wurden von Tortoise, die selbst ebenfalls spielen, zusammengestellt, darunter The Boredoms, Lightning Bulb, The Seconds, Supersilent, Fred Anderson & Hamid Drake. Mit Mogwai, Shellac, Sonic Youth und Stephen Malkmus befinden sie sich in prominenter Kuratoren-Gesellschaft. Es sieht so aus, als sei 2004 ein guter Jahrgang für das Quintett aus Chicago. Das neue Album stellt ihre Stärken in den Vordergrund und im Sommer werden sie endlich wieder Shows in Europa bestreiten.

Aktuelles Album: It’s All Around You (Thrill Jockey)
Weitere Infos: www.trts.com
© 01. April 2004  WESTZEIT ||| Text: Marcus Kalbitzer
April 2004

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