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TORTOISE - Once more with a feeling

Kreativität allein ist nicht genug. Um aus der Berufung einen Beruf zu machen, muss der Erfolg sich einstellen. Viele Musiker lernen dies gleich mehrfach in ihrer Karriere kennen und wissen, dass Alben nicht nur Kunstwerke, sondern auch ein Verdienst zur Zahlung von Miete und Rechnungen sind. John McEntire ist mit seiner Band Tortoise lange im Geschäft und hat gar kein Interesse daran irgendwelche Mythen aufrecht zu erhalten: „Treffen wir uns, geht das Ganze sehr zielstrebig einem Ergebnis entgegen. Spontane Jam-Sessions nur aus Spaß an der Freude sind toll, aber kaum möglich." Wie er hinzufügt und betont, dass das Ganze stets finanzierbar sein sollte - was hart klingt, aber einen Vorteil hat.

Knapp daneben ist auch vorbei: Im Jahre 2015 hätten sich Tortoise mit ihrem neuen Album ´The Catastrophist´ selbst ein Geschenk zum 25sten Jubiläum machen können, wollten aber nichts überstürzen - wer könne schließlich sagen, wann eine Band eine Band sei, scherzt der nach Berlin gereiste John McEntire und scheint an Jahrestagen wenig interessiert zu haben.

„Für viele beginnt die Karriere eines Musikers meist mit dem ersten Release. Daran gemessen steht uns das Vierteljahrhundert noch bevor, 2019 ist es erst soweit. Wir können also über ‚The Catastrophist' auch ohne Kuchen mit Kerzen sprechen."

Die Gemütslage scheint im Gleichgewicht und wechselt man nur wenige Worte mit McEntire, erkennt man sofort den Grund: Tortoise haben den Status einer Formation, die mit jedem neuen Album das Beste ihrer Laufbahn vorlegen wollen, längst überwunden. Im positiven Sinne, wie man auf Nachfrage erfährt:

„Unser eigener Anspruch ist ungebrochen. Aber die Mittel und Wege ihm Ausdruck zu verleihen, variieren von Aufnahme zu Aufnahme und daher gibt es für uns nicht diese eine Platte, die alles zusammenfasst und als vermeintliches Meisterwerk zu einem perfekten Ende denkt.”

Solche Naivität sei aber etwas, um das erwachsene Menschen jugendliche Newcomer manchmal beneiden - selbst wenn man im nächsten Moment aufgrund seiner Lebensjahre festzustellt, wie viel mehr an Alben doch dranhängt: „Natürlich gibt es Tortoise auch deswegen, weil damit Rechnungen bezahlt können. Sonst müssten wir uns Jobs suchen.”

Die Kombination aus beidem sei der beste Weg und erklärt aus seiner Sicht indirekt Teile der neue Tortoise-Platte ´The Catastrophist´: Natürlich spielen hier weiterhin Freunde miteinander, die sich inzwischen kennen wie ein altes Ehepaar - auf der anderen Seite ist das keine Privatveranstaltung und deswegen nehme man es finanziell sehr ernst.

Wie kam aber dazu, dass im sonst instrumentalen Post Rock-Kosmos plötzlich Lyrics einkehren und dies sogar in zweifacher Ausführung? McEntire zuckt mit den Schultern und legt sich die passende Antwort parat: „Wahrscheinlich, weil wir Bock drauf hatten?!”

Das Angenehme an seiner pragmatischen Art: Der deutliche Gegensatz zu den Umschreibungen, mit der die Presse auf Tortoise oft reagiert. Schnell wird jeder einzelne Akkord auseinander genommen und mit Genuss hin & her dis-kutiert. Idealtypisch mag das von Außen passen, die Realität sieht anders aus:

„Wir arbeiten inzwischen meist getrennt voneinander, da jeder privat mehr Verpflichtungen hat als zu Beginn der 1990er. Was den Vorteil darstellt, dass alle erst einmal für sich entscheiden, ob sie dieses Demo oder jene Idee wirklich mit den Aufnahmeraum schleppen wollen oder besser etwas anderes mitbringen.”

So entstehen Songs recht schnell und benötigen keine wochenlangen Sessions. Kommen schlussendlich 15 gute Tracks zusammen, nehmen Tortoise zehn bis zwölf von ihnen und formulieren sie final aus. Was klinisch klinge, bestätigt McEntire und doch eine ungeheure Leidenschaft bedeutet:

Schließlich wisse jeder wie der jeweils andere tickt und das mache den Reiz aus: „Wir fordern uns auf eine andere Art & Weise heraus, als wenn du in jungen Jahren mit deinen Kumpels etwas auf die Beine stellst - die Grenzen immer noch zu überwinden, schätze ich als viel höher ein als erstmalig im Studio stehen.”

So ist ´The Catastrophist´ ein überraschend eingängiges Album im Tortoise-Katalog geworden, da es besagte Stil-Grenzen überwindet und nach über 25 Jahren an neue Ufer andocken will.

Ob getrennt oder gemeinsam, eines haben wir gelernt: Wichtig ist in Berufung auch immer das Wort Beruf.

Aktuelles Album: The Catastrophist (Thrill Jockey / Rough Trade)
© 01. Februar 2016  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth
Februar 2016

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