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MARY LORSON & SAINT LOW - Licht am Ende des Tunnels

Neu und doch vertraut klingt „Realistic“, das dritte Album von Mary Lorson & Saint Low. Die menschliche Wärme, die das Werk ausstrahlt, machte auch schon die beiden Vorgänger „Tricks For Dawn“ und „Saint Low“ zu kleinen Meisterwerken des Pop noir - Songs, die von Herzen kommen und zu Herzen gehen. Dass ein sanfter Americana-Einschlag die Jazz-Avancen der letzten Platten sanft in den Hintergrund drängt, ist dagegen neu – und sehr willkommen. „Mit der ersten Besetzung von Saint Low ging es eher darum, jazzige Elemente zu verarbeiten. Die neue Platte ist weniger Band-orientiert“, erklärt Mary, als wir sie unlängst daheim in Ithaca, New York, anriefen.
Die warmen, wohligen Klänge von Pedal-Steel und Lap-Steel versprechen zwar etwas anderes, das Rundum-Sorglos-Album, von dem Mary beim letzten Gespräch mit der WESTZEIT, wenige Monate vor der Geburt ihres ersten Kindes, noch scherzhaft gesprochen hatte, ist „Realistic“ aber nicht, denn nur 15 Monate nach der Geburt ihres Sohnes Roman wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Auch wenn die Krankheit inzwischen erfolgreich behandelt wurde, bekamen die neuen Songs dadurch verständlicherweise eine dunklere Färbung, als ursprünglich gedacht. „Als ich diese Platte aufnahm, machte ich eine harte Zeit durch und nutzte die Arbeit als Atempause und Ablenkung von all den Dingen, die mir Angst machten. Das hat mir sehr geholfen“, versucht Mary ein positives Fazit aus den letzten Jahren zu ziehen. Doch während andere Musiker davon überzeugt sind, durch leiden zu besseren Künstlern zu werden, glaubt Mary, dass ihr negativen Erfahrungen die Songs nicht zwangsläufig besser gemacht hätten. “Ich bin nicht besonders abergläubisch, was meine Musik angeht. Ich hätte auch ohne all diese schlimmen Dinge mein Bestes gegeben. Ich bin nur froh, überhaupt hier zu sein und weitermachen zu können. Natürlich hoffe ich, dass ich mich ständig weiterentwickle und dass die nächste Platte besser werden wird als diese, egal, ob ich glücklich oder traurig bin.“
Auf dem – wie gewohnt kunstvoll-üppig arrangierten - neuen Album sind fast zwei Dutzend Musiker, zumeist aus Ithaca, aber auch klangvolle Namen wie Johnny Dowd oder Matt Keating vertreten. „Das liegt daran, dass ich eine ganze Reihe unterschiedlicher Arrangement-Ideen hatte und zudem eine Menge Menschen um mich herum habe, die mich sehr inspirieren. Alte Freunde, neue Freunde – einfach eine Menge Menschen, die ich gerne dabeihaben wollte“, erklärt Mary. Entstanden sind so nicht nur eine ganze Reihe wunderbar anrührender, persönlich gefärbter Songs wie „Born Knowing“ (das unmittelbar nach ihrer erfolgreichen Therapie entstand) oder das ihrem kleinen Sohn gewidmete „These Days“, sondern auch das ungewohnt politisch motivierte „Serenade“. Diesen Weg weiterverfolgen will Mary aber dennoch nicht. „Ich habe keinerlei Intentionen beim Schreiben. Ich schreibe meine Songs einfach, und erst wenn ich danach anfange, sie zu drehen und zu wenden, wird mir – wenn überhaupt – ihre Ausrichtung klar“, gesteht sie und fügt lächelnd hinzu: „Ich werde mich nicht von heute auf morgen in Billy Bragg verwandeln – auch wenn ich ihn sehr schätze!“

(Veröffentlichung 11.April – für 4/05 oder 5/05, wo’s platzmäßig besser passt!)
Weitere Infos: www.saintlow.com
© 01. Mai 2005  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Foto: Cooking Vinyl
Mai 2005

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