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BLUES EXPLOSION - Eine Boyband für Damen Anfang 30

Freitag der 13. Den ganzen Tag schon läuft alles schief, Auto kaputt, in Hundescheisse gestiefelt, Stress auf der Arbeit und dann auch noch eine Band interviewen, die ihr dreizehntes Jubiläum feiert. Die Vorzeichen scheinen nicht gut, glücklicherweise aber hat Judah Bauer, zweiter Gitarrist des basslosen New Yorker Trios, selbst nach einer ganzen Woche voller Interviews noch gute Laune, ist redselig und vor allem sehr enthusiastisch über das neue Blues Explosion Album. Ein Album, das nach der ersten Hörprobe zugänglicher scheint als die meisten anderen BE-Platten. Aber es sind auch genug fette Rocknummern vertreten und der schnellste Blues Explosion-Song überhaupt.

„Viele Leute werden das neue Album wahrscheinlich etwas kommerzieller als seine Vorgänger finden. Vor allem seit „Flavor“ wieder mehr eine Rückkehr zum Rock‘n‘Roll war. Das ist aber nur scheinbar so, natürlich hat DJ Shadow einen Track produziert und Chuck D. von Public Enemy ist auch dabei, aber es sind auch Jam Sessions auf dem Album, die wir in unserem eigenen Studio aufgenommen haben, und die eigentlich nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen waren, aber sie waren zu gut. Wenn ich wüsste, wie man eine kommerzielle Platte macht, hätte ich das schon lange getan. Take the money and run! Wir wissen heute besser denn je, wie wir unsere Einflüsse aus R‘n‘R, Rhythm‘n‘Blues, Funk und HipHop in unserer Musik verarbeiten können. Es klingt wahrscheinlich weniger experimentell als die meisten Leute es gewohnt sind, außerdem sind unsere Arrangements auf dieser Platte ein bisschen traditioneller. Weniger gehetzt, weniger merkwürdige Breaks und Tempowechsel. Wenn du jung bist willst du zeigen, wie gut du bist, für uns gilt das nicht mehr.“

Meine Frau fand eine schöne Umschreibung für eure neue Platte. Sie nannte sie die ideale Boyband-Scheibe für Damen Anfang 30, und das war als Kompliment gedacht.

„Haha, so sexy finde ich uns nicht mehr, aber in der Musik ist sicher noch ein Funken Sex enthalten. Ja, eigentlich ist die Beschreibung nicht schlecht! Und wir benutzen sexy Instrumente. Und außerdem ist Tanzen die ultimative Form des Vorspiels.“

Ihr seid eine echte New Yorker Band mit Wurzeln in der No-Wave-Tradition. Ist es schwierig, Musik und Politik zu trennen, vor allem, seit eure Stadt bei 9/11 selbst getroffen wurde? Außer den Beastie Boys hört man derzeit nicht viel politisches aus dieser Stadt.

„Wir tun ab und zu schon etwas, z.B. Benefizshows, oder die Dinger, die wir mit Sonic Youth gemacht haben, aber das ist oft wie vor der eigenen Gemeinde zu predigen. Unser Publikum ist liberaler und kunstsinniger eingestellt als der Mainstream-Hörer. Wir spielen für unsere eigene Subkultur, also macht es keinen Sinn, diese noch überzeugen zu wollen, die stehen eh alle auf der richtigen Seite. Das Leben in New York ist wieder ziemlich normal geworden, es scheint fast, als hätten alle 9/11 vergessen. Natürlich spukt dieses Datum weiterhin in den Köpfen umher, aber ich sehe keinen Unterschied mehr in der veränderten Skyline vor und nach den Anschlägen. Jeder scheint gerechter geworden zu sein. Vor allem Leute, die vor den Anschlägen schon ziemlich falsche Ideen hatten, denken nun, das Recht in der eigenen Hand zu halten und probieren, so viele Menschen wie möglich davon zu überzeugen. Sie haben so einen beängstigenden Glanz in den Augen, als ob sie endlich glücklich wären. Und jedem einzelnen wollen sie ins Gesicht schreien: ‚I told you so!‘ Obwohl Bush damals den Wahlausgang gestohlen hat, bekommt das Volk den Präsidenten, den es verdient. Und unter den Parteien tut sich auch nichts, wir haben wie gewohnt keine Wahl. Eine Partei wie die Grünen unter Ralph Nader haben noch nicht die Kraft, um eine große politische Rolle zu spielen. Ich selbst versuche es lieber auf der persönlichen Ebene zu verändern, das ist auch eine Art Politik. Aber dann ohne die Interessen der Öl-Industrie, und darum geht doch dieser Krieg, oder?“

Aktuelles Album: Damage (Mute)
© 01. Oktober 2004  WESTZEIT ||| Text: Arny Raedts
Oktober 2004

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