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Mardi Gras bb. - Und über allem scheint der Mond...

Die vielköpfige Truppe aus Mannheim hat schon manche Bühne zum Kochen gebracht, legt aber mit schöner Regelmäßigkeit auch wirklich interessante Platten vor. Da war es Zeit, mal nachzufragen, wieso, weshalb, warum. Zuerst aber: Woher?

Die Sache geht 11 Jahre zurück, zu einem Themenabend in Mannheim. Reverend Krug hatte gerade eine Lebenskrise bewältigt und war mit seiner letzten Knete nach New Orleans gefahren. Zurück kam er mit dem Gedanken, in Deutschland ein Marching-Band-Konzept zu realisieren. Er hat mich angerufen, weil er wusste, dass ich eine gewisse Erfahrung im Arrangieren von Bläsern hatte. Wir haben dann eine Band rekrutiert und diesen Abend gemacht. Auch wenn das Konzert eigentlich ganz schrecklich war, stand das Publikum auf den Bänken und wir mussten - obwohl wir gar keine hatten - acht Zugaben spielen. Wir wussten aber, das lag heute nicht an uns, sondern das Konzept ist einfach genial. MGBB funktioniert so gut, weil es ein gutes Team ist, das sich auf eine sehr zufällige Weise gefunden hat. Wir wollten von Anfang an dieses Traditionsgeschiebe vermeiden, sondern mit Innovativität und Respektlosigkeit den besonderen Klangkörper einer Brassband auf seine Tauglichkeit zu verschiedenen Formen von Popmusik hin abzuklopfen. So können wir uns bis heute immer neu erfinden.Es muß aber gewisse Konstanten geben. Eine davon ist sicher die ästhetische Umsetzung, aber auch eine Grundbesetzung bleibt immer: das bin ich, der Reverend, Erwin Ditzner an der Snaredrum und DJ Mahmut. Eine Schlüsselfigur ist sicher Gordon Friedrich als Produzent, der immer an der Konzeption der Alben mitstrickt.

Auf "29Moonglow" findet man auch das Motto: "Reason in revolt now thunders".

Das ist ein Zitat aus der englischen Übersetzung der "Internationale". Frei übersetzt: Jetzt regiert die Antithese!

Zu welcher Revolution wird denn gerufen?

Also nicht zum Protest gegen Hartz IV. Wir malen ja immer retrospektive Zeitgemälde. Revolution steht für den Aufbruchswillen und auch für die Neugierde der 20er Jahre. Natürlich haben wir das Gefühl, dass es in unserer Gesellschaft und auch in der Weltpolitik viele Aspekte gibt, wo eine Revolution eigentlich Not tun würde. Revolution in den Köpfen wäre ein schöner Anfang.

Aber die 20er waren auch eine Zeit des Tanzes auf dem Vulkan.

Es ist dieses Spannungssystem, das mich an den 20ern so gereizt hat. Das vereint Hedonismus und Dekadenz, dieser eigenartige Vergnügungswille angesichts der Abgründe und Gefahren aus den sozialen und politischen Instabilitäten. Auf der anderen Seite das stark wachsende politische Bewusstsein - zwei ganz gegensätzliche Kräfte.

Kann man in dieser Richtung noch weiterarbeiten, ohne zu einer Art Max Raabe zu werden?

Das war auch immer mein Einwand, als wir diese Ideen diskutiert haben. Aber meine Zweifel waren relativ schnell weg, denn ich wusste, wenn man mit Gordon eine Platte produziert, kann die nicht wie Max Raabe klingen. Eines der ersten ästhetischen Prinzipien von Gordon ist das Moment der Brechung. Dinge in ihrer exemplarischen Reinform sind das langweiligste, was es gibt. Es müssen Spannungsmomente erzeugt werden, durch irgendetwas, das Reibung erzeugt. Etwas, das den 1:1-Entwurf stört, konterkariert, hinterfragt, beunruhigt, demontiert.

Dazu gehören auch die Cover-Versionen, denn es sind ja gerade nicht New-Orleans-Klassiker, sondern Residents, Doors, Donovan - Sachen, die aus einem ganz anderen Kosmos kommen.

Die Cover zählen zu unseren Traditionen. Da gibt es für fast jeden Song eine eigene Anekdote. Dieses Mal war's der Mechanismus Zufall, denn das Album war fertig und wir hatten kein Cover drauf. Genau zu diesem Zeitpunkt wurden wir von arte nach Paris eingeladen, um für eine Sendung aufzunehmen, die am 1. Januar im Rahmen eine Themenabends "Mein liebstes Lied" gesendet wird. Da spielen verschiedene Künstler relativ bizarre Lieblingslieder. Dazu gab's eine Liste mit 200 Titeln, ich hatte 3 in die engere Wahl genommen und "Yellow Mellow" ging einfach am schnellsten. Auch, weil schon im Original ein schöner, funktionierender Bläsersatz drin ist. Und Gordon meinte: Den nehmt ihr jetzt nochmal auf und dann kommt der auf die Platte!
Weitere Infos: www.mardigrasbb.com
© 01. Oktober 2004  WESTZEIT ||| Text: Karsten Zimalla
Oktober 2004

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