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MICHEL VAN DYKE - und die Perfektion der positiven Melancholie

Drei Jahre sind nach dem wohlbeachteten „Die Große Illusion“ vergangen, danach wurde es allerdings schnell still um einen der besten Songwriter unserer Zeit. Der Wahl-Hamburger Michel van Dyke trat mit seinem letzten Soloalbum erstmals deutschsprachig auf, nachdem er schon einige Songs für andere nationale Gruppen und Künstler veräußert hatte. Nun hat er genügend Kräfte gesammelt und seine Stärken gewissentlich komprimiert. Nun also sein ganz persönlicher „Bossa Nova“: Klänge der 60er, zeitlose Gefühle, und ein umfassendes Konzept. Und vor allem ein weiterer Schritt nach vorne. Auch, wenn der letzte vermeintlich rückwärts ging.

„Positiv ausgedrückt hat sich „Die Große Illusion“ trotz des überschaubaren Marketingeinsatzes ziemlich gut verkauft. Die größte Bestätigung allerdings ist, dass mir Leute gesagt haben, dass meine Musik sie berührt hat. Ich will nicht das Leben der Menschen verändern, aber es ist für mich eine Bestätigung. Ich mag das Gefühl, zu wissen, dass meine Platten jemandem etwas bedeuten.“

Sicherlich wurden um den Release seinerzeit Fehler gemacht, eine Menge gesteht sich Michel allerdings auch selbst ein.

„Ich habe damals nicht getourt, sondern nur ein paar Einzelgigs gespielt, das war nicht gut. Ich habe gedacht, dass ich die ganzen Orchestrierungen nie ordentlich auf die Bühne bringen würde, und mit einer Band zu touren hatte ich keine Lust, dass habe ich lange genug gemacht. Aber für dieses Album jetzt habe ich ein Livekonzept, das auch funktioniert.“

Und zwar Visuals, zwei Multiinstrumentalisten und der Meister selbst an Piano und Gitarre. Von Zeit zu Zeit wird auch noch ein Band mitlaufen, aber so, dass man es nicht merkt. Keine Illusionen. Obwohl davon in den letzten drei Jahren kaum welche geschwunden sind.

„Ich bin nicht so auf Verkaufszahlen fixiert, sondern mache Musik aus Leidenschaft. Ich suche für jede Platte eine Herausforderung, die ich versuche umzusetzen, etwa so wie, eine Sgt. Peppers mit deutschen Texten für die heutige Zeit zu machen. Dann bin ich sehr aufgeregt und muss damit fertig werden, wenn es denn klappt oder auch nicht klappt, wie ich es mir vorgestellt habe. Letztendlich hält mich die Musik an sich am Leben. Natürlich braucht jeder Künstler Anerkennung, aber die bekomme ich ja auch mit den Reaktionen einzelner.“

Ist „Bossa Nova“ das „Sgt. Peppers“ des Michel van Dyke?

„Es ist weder „Sgt. Peppers“ noch „Pet Sounds“, zwei Alben, die ja immer gerne als Vorbilder genommen werden. Es ist eher eine Art modernes Easy Listening - traditionelles Songwriting mit alten Samples und innovativen Sounds.“

Auf ein Zitat zum letzten Album, als er sagte, es gäbe nichts Vergleichbares, antwortet der Mittvierziger heute lächelnd:

„Wenn ich mir das letzte Album heute anhöre, denke ich, dass es dann doch nicht so speziell war, wie ich damals gedacht habe. Mit wenig Abstand direkt nach der Fertigstellung eines Albums ist es natürlich groß, das relativiert sich aber mit der Zeit. „Die Große Illusion“ war ein reines Pop-Album, „Bossa Nova“ dagegen ist schon wesentlich spezieller, was die Atmosphäre betrifft.“

Und die ist in der Tat speziell. Zum Zeitpunkt des Interviews, an einem der wärmsten Tage des Jahres schon fast verstörend speziell, wenn man sich Textzeilen des Albums wie das eröffnende „Ich will mich mal wieder an den Herbst gewöhnen.“ anhört. Ist Michel van Dyke und seine Arbeit wetterabhängig?

„Ich versuche, mich nicht von den Jahreszeiten beeinflussen zu lassen. Jede Jahreszeit muss sein. Aber am besten lässt sich mein neues Album tatsächlich hören, wenn man im Auto sitzt und es regnet, der Scheibenwischer muss eingeschaltet sein.“

Auch wenn der Begriff „Melancholie“ vielleicht am besten als Beschreibung passen könnte, wirkt er dennoch zu platt.

„Ich würde diese Melancholie als leichtfüßig beschreiben, wobei der Gradmesser, ob etwas denn leichter oder schwerer ist, bei einem persönlich liegt. Es gibt Leute, die diese Platte bei Sonnenschein als todtraurig empfinden, andere hingegen finden das völlig normal und es schlägt ihnen nicht aufs Gemüt. Für mich ist Melancholie etwas alltägliches, etwas, das mehr mit der Realität zu tun hat als alles andere.“

So finden sich auf „Bossa Nova“ unter den 11 enthaltenen Stücken mindestens 8 oder 9 richtig klassische Lovesongs wieder, die im Michel van Dyke-Orbit ein gewisses Strickmuster aufzuzeigen scheinen: extrem unglückliche Umstände werden vor einem besonders pittoresken Hintergrund beschrieben. Und jedes Mal scheint Michel der Perfektion dieses Vorhabens näher zu kommen, als wäre die Faszination dessen schier unbegreiflich. Michel lacht:

„Ich empfinde meine Texte garnicht so ausweglos, für mich sind sie eher positiv, sie kommen meinem Gefühl von Schönheit am nächsten. Das sind keine Dramen, wo der Held am Ende stirbt, sondern offene Geschichten, am Ende des Films gehen zwei Leute nebeneinander her und ob sie zusammenfinden oder nicht, bleibt offen. Es ist einfacher, unglückliche Liebschaften zu bhandeln, weil es sehr viele Möglichkeiten gibt, zu beschreiben, was man empfindet, wenn es nicht so läuft, wie es laufen sollte.“

Und wenn alles gut läuft, wird auch die geplante Tour im Januar kaum unglücklich machen. Denn diesmal stimmt einfach alles.

Aktuelles Album: Bossa Nova (Home Records/Sony) - VÖ: 4.10.
Weitere Infos: www.michelvandyke.com
© 02. Oktober 2004  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen
Oktober 2004

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