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AMERICAN MUSIC CLUB - Der nationale Tauchkurs

Mark Eitzel hat gut Lachen. Auch, wenn er sich im Telefoninterview selbst zum Kotzen findet, gibt er sich hörbar Mühe, nicht alles unberedet zu lassen. Warum auch. Nach zig Jahren im Solo-Dasein hat er mit „Love Songs For Patriots“ ein Album mit seiner Band geschaffen, das bissig und kratzfest ist, einen Spiegel wider Willen darstellt und nicht zuletzt traumhaft schöne Songs enthält. Und mitunter hat er einiges zu erzählen, das anderen nicht einmal ansatzweise in den Sinn kommt.

Man darf schon von einer Reunion sprechen, wo doch knapp 10 Jahre nichts mehr unter dem Banner des American Music Club geschehen ist.

„Eigentlich versuchen wir schon seit 5 Jahren, der Band wieder Leben einzuhauchen.“, gesteht Mark. „Unser Drummer Tim rief mich an und erzählte mir, dass er nun in San Francisco ein Studio hätte und das wir gerne etwas zusammen aufnehmen könnten, wenn ich in der Nähe bin, wo ich doch seinerzeit in Chicago lebte. Das geschah dann irgendwann und es war viel besser als meine Solo-Klamotten. Ich schreibe verrückte Songs mit wilden Tunings und meine Bandkollegen müssen nicht darüber nachdenken, wenn sie das begleiten sollen, weil sie mich kennen. Es ist für alle Beteiligten einfacher.“

So war die Umstellung von Solo-Aktivitäten auf ein wiedervereinigtes Bandgefüge auch nicht sonderlich groß. Soll das etwa alles ein Zufallsprodukt sein?

„Ich wollte eigentlich nie den Split der Band und habe nun auch nicht erwartet, dass es wieder funktioniert und dass sich die Jungs daran erinnern. Ich kann ihnen nicht sagen, was sie spielen sollen, das haben sie immer schon abgelehnt.“

So traf man sich dann und schuf Liebeslieder für Patrioten. Ein reiner Denkanstoß oder die nackte Wahrheit.

„Keine Ahnung, in Europa versteht man das wahrscheinlich nicht so gut. Die Atmosphäre hier ist so verrückt, die Leute benehmen sich merkwürdig. Sogar heute, wo viele negative Fakten über Bush und den Irak-Krieg aufgedeckt werden, gilt man als Kritiker dessen als Verräter. Viele beschäftigen sich mit ihrem Patriotismus nicht näher, sondern sehen ihn lediglich als einen harten Schlag gegen etwas, das man hasst. All dieses Flagge zeigen nach 9/11 ist mir zuwider.“

So gab es auch diverse Diskussionen über den Albumtitel und gar die Umbenennung der Band in Anti-American Music Club.

„Hätte das Album tatsächlich „America Is Over“ geheissen, hätte ich wohl ganz viele furchtbare Fragen beantworten müssen. Woody wollte immer, dass die Platte „Make You My Bitch“ heisst, aber wir mussten uns da etwas zurückschrauben.“

Zumal es sich in der Tat um eine Reihe von Lovesongs handelt, die mehr oder weniger direkt verständlich sind.

„Ehrlichkeit ist mir im Moment sehr wichtig. Es gibt viele Geschichten, die noch nicht erzählt wurden, und das sind die Erzählungen, die die Struktur Amerikas bestimmen. Es mag obskur klingen, aber was dich in Beschlag nimmt, ist das, was du immer wieder abstreitest.“

Auch ein Amerikaner wie Mark Eitzel, der gerne in diesem Land lebt, macht sich Gedanken darüber, was denn aus dieser Nation geworden ist. Und er überträgt es mal mehr, mal weniger abstrakt. Auch ins Artwork, dass u.a. ein Wrack eines US-Kriegsschiffs zeigt.

„Das ist das heutige Amerika, es ist am Ende, wir haben es versaut. Alles, was wir der Welt noch Gutes geben können sind Jerry Springer und McDonalds. Es ist kein schlechter Ort auf dieser Erde, aber es geht oftmals leider mehr um Ideologien als um gesunden Menschenverstand.“

Die Verwirrung ist perfekt. Mark lacht. Macht er es sich letzten Endes vielleicht zu einfach? Alles ist gut, weil alles sowieso nicht in Ordnung ist? Vielleicht ist es einfach. Man kann zwar die Welt nicht verändern, aber zumindest eine Beule hinterlassen? Stimmt.

Aktuelles Album: Love Songs For Patriots (Cooking Vinyl/Indigo)
© 01. Oktober 2004  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen
Oktober 2004

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