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ELEMENT OF CRIME - Feuchtgebiete mon amour

Nachdem das elfte Studiowerk von Element of Crime erstmals Goldehren erreicht hatte, toppte die zwölfte Langspielplatte jenen Status noch mit dem Charteinstieg auf No.2 der Albumcharts. Wird die Nummer 13 nun zur No.1? Setzt das Quartett mit dem dreizehnten Studioalbum „Lieblingsfarben und Tiere“ tatsächlich zu einem weiteren Höhenflug an? Vorsatz darf man dem Texter / Trompeter / Sänger Sven Regener sowie Schlagzeuger Richard Pappik aber nicht vorwerfen, da sie beruflich oft genug durch die Lüfte fliegen (müssen). Denn beide leiden (wie auch der Autor dieser Zeilen) latent unter Flugangst. Die anfänglich mit diversen „Wässerchen“ bekämpft wurde. Damit nähern wir uns gleichzeitig DEM Thema der neuen CD: Wasser und was daraus wird...

Regener: „Früher gab es das Bier auf den Flügen ja umsonst. Da flog man über die Luftbrücke durch die DDR. Man musste auf Höhe der Wolken fliegen, in einem komischen Flugkorridor von 2000 m Höhe. Das war immer total wackelig. Aber spannend! Bei meinem ersten Flug habe ich mir innerhalb der ersten 20 Minuten dreimal Bier geholt!“ Pappik: „So ähnlich erging es mir auf dem Rückflug von New York, damals. Mit Whiskey. Bis irgendjemand sagte, `jetzt gibt es nichts mehr. Das war der letzte Drink!´“ Nun, beim Interview, stehen auf dem Tisch (u.a.) Wasserflaschen von „Viva Con Agua“, realisiert von einer sinnstiftenden Gemeinschaft aus der Hansestadt Hamburg, die mit Freude die Welt positiv verändert. Regener: „Schicke Flasche. Das ist schon mal sicher!“ Ebenso sicher ist, dass sauberes Trinkwasser und eine sanitäre Grundversorgung für alle Menschen dieser Welt gewährleistet sein sollten. Wasser trinken für einen guten Zweck. Viva con aqua! Eine gute Idee! Wasser bedeutet Leben. Und Wasser ist (fast) überall. Regener: „Man merkt gar nicht, wie sehr fließendes Wasser das Leben, dass wir führen, bestimmt. Siehe die Heizung. Wie einen das Wasser auch schon als Jugendlicher (ver)führt, an einen Fluss zu gehen, dort abzuhängen, z.B. als Ort der Sehnsucht.“ Pappik: „Mir ist dazu gerade etwas eingefallen. Das war, als mir meine erste Gitarre kaputt gegangen ist. Sie ist mir zuhause irgendwie umgefallen, oder irgendjemand hat sie kaputt gemacht. Daraufhin hatte ich eine gute Idee. Ich habe damals auch am Wasser gewohnt, an der Weser in Holzminden. Also habe ich die Decke der Gitarre abgesägt, fünf Liter Superbenzin rein getan, angezündet, und dann die Weser herunterfahren lassen. Die brennende Gitarre! Groß. Supersache! Ich bin 13 / 14 Jahre alt gewesen, damals.“



Regener: „Du kannst überhaupt nirgendwo wohnen in Deutschland, ohne an einem Fluss zu Leben.“ Was wiederum aufzeigt, dass auch eine kulturelle Grundausstattung niemals überflüssig ist. Passend dazu trifft der trockene Humor der Herren Regener, Pappik, Jakob Friderichs (Gitarre) und David Young (Bass) unverwässert exakt den Zahn der Zeit. Deshalb ist es kein Wunder, dass die Gruppe auch internationalen Rockgrößen das Wasser reichen könnte, wenn sie es denn müsste. Muss sie aber nicht, Element Of Crime fischt (lieber*) in eigenen Gewässern. Regener (gebürtiger Bremer): „ `Am Morgen danach´ - dass habe ich noch niemandem gesagt, auch Richard nicht- spielt am Weserufer in Bremen. Dort, wo man vom Ostertor hinuntergeht. Nicht da, wo die Sielwallfähre ist, sondern ein wenig flussabwärts, wo der Flaggenmast steht. Und dann Sommernacht, dann kommt die, in die man schon die ganze Zeit verliebt ist, dazu. Und dann hängt man eine ganze Nacht dort ab und es regnet und man raucht und redet und irgendwie ist alles klar, einfach, weil man dableibt. Ich finde, für solche Geschichten sind Songs gut. Ich brauche da keine spezielle Pointe, oder so. Und ich finde, jeder, der will, kann das verstehen. Flüsse spielen eine große Rolle in Songs, immer und überall gibt es diese Lieder, die mit Wasser und Flüssen zu tun haben. Regener beginnt, „Wasserlieder“ aufzuzählen: "Deep River", „Down by the river“; „Take me to the river“, „A ship is passing“. „Es ist ein Thema, von dem ich nie genug kriege!“ Im Bezug auf den Text von „Am Morgen danach“ taucht dann jedoch die Frage auf, ob an jener Stelle der Weser tatsächlich nackt gebadet werden kann... Regener: „Heute vielleicht. Jedenfalls, wenn die Flut reinkommt. Dann hast Du die Strömung nicht so stark, dass Du gleich in Brake (50 km flussabwärts; Anm. des Verfassers) landest. Du musst halt aufpassen. Es ist halt extrem eng dort. Die Strömung ist sehr stark. Es ist eigentlich viel zu gefährlich zum baden da. Aber das ist eben das, was ich meine. Ich erzähle. Das ist kein Tagebuch. Ich habe vor 33 / 35 Jahren zum letzten Mal in Bremen gewohnt. Doch die Vorstellung, die Idee, unten am Fluss zu sitzen, verliebt zu sein, zu träumen... Und zu sagen, ist doch alles supergut. Man freut sich. Einfach so. Über die Verbindung zur Welt.“

Zu schön, um wahr zu sein: Eine Welt der Entspannung. Ohne permanent im High-Tech-Handy-Mail-Wahn zu stehen. Passend dazu könnte der Titelsong „Lieblingsfarben und Tiere“ ein Manifest sein gegen zuviel Technik. Für mehr Privatsphäre. Regener: „Es ist eine anthropologische Konstante, dass der Mensch irgendwann auch mal in Ruhe gelassen werden will. Dass man mal sagt, `Lasst mich alle in Ruhe!´. Ein gutes Rock´n´Roll Songthema! Es gibt jede Menge Rocksongs, die davon handeln.“ Dennoch spielen Element Of Crime weder Rock noch Roll. Eher kommen sie im ruhigeren Fahrwasser des Country-Sounds dahergeschwommen, ohne den Zenit ihrer Kreativität überschritten zu haben. Die Musiker sind sozusagen „richtig im Fluss“. EoC´s Folk´n´Roll ist galant unterhaltsam, ohne brachial ins Ohr zu brüllen! Regener: „Wie ich immer sage – Motörhead unplugged will ja auch keiner! Und uns auf Motörhead gedröhnt will ebenfalls niemand!“

Im eigenen Becken hatte das Quartett (seit 2010 plus Gastmusiker Christian Komorowski / Violine) jedoch nicht nur eigene, sondern obendrein noch fremde Fische (*) an der Angel. Zwischen „Immer da wo Du bist bin ich nie“ und „Lieblingsfarben und Tiere“ gab es (die CD) „Fremde Federn“, mit denen sich die Band schmückte. Eine Kollektion von Coverversionen, die im Laufe der (letzten) Jahre für diverse Compilations, Filme oder dergleichen, eingespielt wurden. Bereits dabei spielte das Wasser (& Mehr) in seinen vielschichtigen Variationen eine Hauptrolle. „My Bonnie is over the ocean“, „You only tell me you love me when you´re drunk“, „She bringst he rain“ oder „Leise rieselt der Schnee“ ließen Feuchtgebiete Revue passieren, die oft gar nicht als solche wahrgenommen worden waren. Bisher. Doch nun weiß die Welt, was die musikalischen Wurzeln der an der Spree ansässigen Formation mit der Muttermilch aufsogen. Regener: „Ich glaube, dass kann man wirklich so sehen. Da sieht man etwas über die Band. Wir hatten die `Blaumeise Yvonne´, die war von Andreas Dorau. Eigentlich aber von Wolfgang Müller (einer von den beiden Leuten von `Die Tödliche Doris´) geschrieben. Das war genau die Zeit, in Berlin, in der wir anfingen. Als alle irgendetwas Wildes auf die Bühne brachten. Als alles möglich war und man alles bringen konnte... Warum haben wir eigentlich nie einen Song von Der Plan gecovert?“ Pappik: „Weil wir blöd sind!“ Regener: „ Ja, weil wir uns das nicht trauen. Dafür hatten wir `Last Christmas´ von Wham. Das hatte `so eine´ James Last-Qualität. Der hat ja auch immer alle Hits des Jahres im Jahr drei-, viermal herausgebracht in seiner guten Zeit. Alles, was es jährlich an Hits gab, hat er einfach durch den Fleischwolf des `Happy Sound´ gedreht. Da kamen dann solche Songs dabei heraus. Das ist doch toll. Auch `Last Christmas´ ist ein tolles Lied, überdies eines der traurigsten, die ich je gehört habe. Wenn man mal auf den Text achtet. Es macht Spaß, so etwas in den Element-of-Crime-Sound zu bringen. Aber natürlich auch bizarr, was dann auch wieder gut ist.“ Und gut ist. Schade, aber toll.

Aktuelles Album: Lieblingsfarben und Tiere (Universal / Vertigo)
Weitere Infos: www.element-of-crime.de
© 03. Oktober 2014  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe ||| Foto: Charlotte Goltermann
Oktober 2014

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