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ANNENMAYKANTEREIT - „Plötzlich wollten uns die Leute Geld geben“

Jugendlich, unbefangen und einfach drauflos: AnnenMayKantereit machen Musik, die an Werten festhält, von denen viele ihrer Generation gar nicht wussten, dass sie sie vermissen. Es geht um das Handgemachte, das Perfekte im Unperfekten, die Sehnsucht nach Unmittelbarkeit und Authentizität. Als Straßenmusiker gestartet, feierte die junge Band aus Köln schnell geradezu unheimliche Erfolge. Jetzt erscheint endlich ihr Album-Erstling ´Alles nix Konkretes´.

AnnenMayKantereit sind eine Band mitten aus dem Leben, die dem eigenen Gespür vertraut und weiß, dass Ecken und Kanten in der Musik kein Fehler sind, sondern für Charakter sorgen, die Folk und Rock und die schräge Seite des Pop zusammenfließen lässt, mal den Blues hat und dann wieder vor Lebensfreude sprüht. Dazu ist Henning May ein Frontmann, dessen markante Stimme zwischen Tom Waits und Rio Reiser klingt wie 30 Jahre Suff und selbst gedrehte Zigaretten. Bei unserem Gespräch mit ihm fällt schnell auf, wie abgeklärt und charismatisch der Sänger und Pianist ist, dass aus vielen seiner Antworten mehr Erfahrung spricht, als sie ein junger Mann Anfang 20 haben sollte. Seine Mitstreiter Christopher Annen (Gitarre, Mundharmonika), Severin Kantereit (Schlagzeug) und der im Bandnamen unterschlagene Daueraushilfsbassist Malte Huck beschränken sich bei unserem Treffen mit der Band im Kölner Büro ihrer Konzertagentur derweil darauf, abwechselnd in den Raum zu kommen, um sich Kuchen vom Tisch zu stibitzen. Kuchen gibt es derzeit oft bei AMK, denn irgendwie gibt es für sie ständig etwas zu feiern. Erst letzten Herbst erschien der erste offizielle Tonträger, die EP ´Wird schon irgendwie gehen´, die per Crowdfunding – natürlich! – in Rekordzeit finanziert war, dann wurde eine Tour durch die größten Säle unterhalb der ominösen Kategorie ´Mehrzweckhalle´ gebucht, die – natürlich! – in Windeseile bis auf den letzten Platz ausverkauft war, und dass ´Alles nix Konkretes´ die Charts stürmt, ist – natürlich! – auch längst beschlossene Sache.

Dabei haben AMK angefangen wie so viele andere auch. Die drei Musiker lernten sich auf dem Schiller-Gymnasium in Köln-Sülz kennen, erste Auftritte in der Schulaula bestätigten das gemeinsame Interesse an der Musik. Bei einem Treffen im Park wollten sie ohne große Hintergedanken ein paar Lieder ausprobieren, doch dann nahm die Geschichte eine erste unerwartete Wendung.

„Plötzlich wollten uns die Leute Geld geben“, erinnert sich Henning amüsiert. „Sie sagten: ´Ihr braucht einen Hut, sonst wissen die Leute nicht, wo sie das Geld hintun müssen.´”

Der Hut war schnell besorgt, und aus dem Park ging es weiter auf die Bürgersteige und die Fußgängerzonen der Domstadt.

Doch bei aller Liebe zum Traditionellen haben AMK auch die Generation Smartphone nie aus den Augen verloren. Schnell entstanden erste Videomitschnitte der Spontanauftritte, und YouTube transportierte das Echte, das DIY-Gefühl in die Unwirklichkeit der Social Media. So war die Band bereits für ihre Liveauftritte berühmt, bevor sie das erste Mal einen Club von innen gesehen hatte. Doch nicht nur deshalb waren die Straßenkonzerte für die Newcomer Gold wert.

„Auf der Straße lernst du sehr schnell, dass nicht alle deine Musik interessieren kann“, erinnert sich Henning. „Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Das hilft uns auch heute noch, zum Beispiel, wenn wir Festivals spielen. Wenn sich die Leute da für uns nicht interessieren, ist das kein großes Problem für uns.“

Die Auftritte auf der Straße hielten aber nicht nur das Ego der Musiker im Zaum, die Band konnte auch performerisch viel lernen.

„Du bekommst einen ganz anderen Bezug dazu, wie du Aufmerksamkeit generieren kannst, durch Augenkontakt, durch Ehrlichkeit“, ist Henning überzeugt. „Außerdem kriegst du auch eine gewisse Schlagfertigkeit, weil natürlich auch Leute anfangen, mit dir zu reden. Allerdings glaube ich nicht, dass wir etwas besser gemacht haben als andere Bands. Jeder muss da seinen eigenen Weg gehen, und wir haben ganz gut unseren gefunden.“

Doch auch rein soundtechnisch haben die frühen Auftritte Spuren in der Musik von AMK hinterlassen. Natürlich war bei den Herren ein Interesse am althergebrachten Liedermachertum ohne erhobenen Zeigefinger ganz allgemein und an Element Of Crime ganz speziell fraglos auch schon vorher vorhanden, aber ihren eigenen Stil haben sie sprichwörtlich auf der Straße gefunden.

„Dort bist du natürlich sehr begrenzt und kannst keine verstärkten Instrumente spielen. Deshalb fokussierst du dich dann erst mal auf eine Westerngitarre, auf den Gesang, auf eine Melodika oder ein akustisches Schlagzeug“, überlegt Henning. „Ein ganz wesentlicher Einfluss der Straßenmusik auf unsere Musik ist eine gewisse Reduzierung auf bestimmte instrumentelle Inhalte und für mich als Sänger und Schreiber, dass ich eine gewisse Direktheit in den Texten gesucht habe.“



Die ist auch in den Songs auf ´Alles nix Konkretes´ allgegenwärtig. Vordergründige Simplizität trifft auf große Tiefsinnigkeit. Egal, ob er von der Vergänglichkeit der Liebe singt („Du hast jetzt neue Leute, die dich besser kennen / Die nach´m Feiern bei dir pennen“), Erinnerungen nachhängt („Du nackt im Bett / Und ich barfuß am Klavier“), von der Überforderung beim Umzug in die erste eigene Wohnung berichtet oder dem einst schwierigen Verhältnis zu seinem Vater – er schreibt unverblümt und unverfälscht über selbst erlebte Situationen, achtet aber doch darauf, dass er – der Albumtitel deutet das bereits an – nicht zu konkret wird. Denn auch wenn Hennings raue Stimme oft Dramatik suggeriert: In den Texten dreht es sich eher um die Poesie im Alltäglichen als darum, schmutzige Wäsche zu waschen oder gar politisch zu werden. AMK strahlen verbindliche Unverbindlichkeit aus und sprechen genau deshalb auch ein Publikum jenseits ihrer eigenen Altersklasse an.

Diesem unfehlbaren Erfolgsrezept zum Trotz hat die Band beim Aufnehmen ihres Albums einiges anders gemacht – und damit ist nicht nur gemeint, dass Christopher inzwischen auch mal zur Stromgitarre statt zur Akustischen greift. Entstand die erste, selbstbetitelte Demo-CD vor zwei Jahren noch in Eigenregie unter freiem Himmel an einem Bahndamm in Köln-Porz und in der Galerie Freiraum in Köln-Sülz, wurde das neue Album im Studio mit Moses Schneider (Beatsteaks, Tocotronic) am Mischpult aufgenommen und von Branchenriese Universal verlegt. Die Gefahr, dadurch genau die Ursprünglichkeit einzubüßen, die AMK erst groß gemacht hat, sieht Henning nicht.

„Das hat einfach einen unterschiedlichen Reiz“, ist er überzeugt. Natürlich ließen sich Momente wie der sich rot färbende Himmel beim Einsingen der Demo-CD nicht im Studio duplizieren. Dafür hat die Band die durch einen wesentlich lockereren Zeitplan einkehrende größere Ruhe sehr genossen, die Möglichkeit, mal einen ganzen Tag auf die Aufnahme eines Liedes zu verwenden, anstatt in zwei Durchgängen fertig sein zu müssen.

Den Rest des Jahres wird die Band nun auf Tournee verbringen. Den Startschuss gaben Mitte März vier ganz besondere Konzerte, bei denen AMK im Zirkuszelt auftraten.

„Wir haben uns immer vorgestellt, wie schön es wäre, ein Konzert abseits des normalen Konzertrahmens zu spielen“, erklärt Henning. „Wir wollten etwas haben, das in einem anderen Rahmen stattfindet, wo darstellende Künstler, Artisten, auch unsere Freunde die Möglichkeit haben, teilzunehmen. Aber aufgrund der monetären Situation war das für uns nie zu realisieren.“

Jetzt haben AMK eines der größten Label der Welt im Rücken, und dort erkannte man schnell die Werbewirksamkeit der Aktion.

„Deshalb ist das aus betriebswirtschaftlichen Gründen für sie okay“, sagt Henning schmunzelnd, „aber eigentlich haben sie auch gesagt: ´Jungs, wenn ihr Spaß daran habt, dann helfen wir euch dabei.´“ Er hält kurz inne. „Das ist schon ein kleiner Traum, der da für uns in Erfüllung geht“, fügt er hinzu und meint damit: nur einer von derzeit vielen.

Aktuelles Album: Alles nix Konkretes (Universal)
Weitere Infos: annenmaykantereit.com
© 03. April 2016  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Foto: Fabien J Raclet
April 2016

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