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VON WEGEN LISBETH - Stilvoll

Freunde der deutschsprachigen Popmusik aufgepasst: Von Wegen Lisbeth schicken sich an, die Szene umzwälzen, aufzuwühlen, zu bereichern – mit feinen Pop-Perlen, die schön koloriert und immer intelligent und unaufdringlich betextet sind. Nein, nein, wir sprechen hier nicht von verkopft und stur, sondern von gefühlvoll, anschmiegsam und ehrlich. Ein neues Wunder aus der Hauptstadt? Sänger Matze gab bereitwillig Auskunft.

Wir treffen Matze am Telefon, gutgelaunt und doch etwas gestresst – denn sein Alltag und der seiner Mitstreiter besteht dieser Tage aus Konzerten, Touren, unterwegs sein.

„Wir touren eigentlich die ganze Zeit momentan, erst die Support-Touren, jetzt noch ein paar Nachholshows mit AnnenMayKantereit und dann bald unsere eigene Tournee – schon wild, gerade“, sprudelt der Mittzwanziger los. Diesen Verve, den seine Band und er bei der Menge an Konzerten gerade an den Tag legen, bringt der Frontmann (vielleicht unbewusst) mit ins Interview. Und natürlich ist auch ihr Debütalbum ´Grande´ geprägt von Ideenreichtum und dem Blick fürs Detail. Zuallererst aber klingt es bezeichnenderweise irgendwie groß – was womöglich auch daran liegt, dass diese vielen kleinen Feinheiten und ungewöhnlichen Sounds so überraschend daher kommen. Auf der Suche nach neuen Klängen müssen somit auch schon mal Flohmärkte und Internetbörsen herhalten, damit mitunter Unglaubliches, vor allem aber Charmantes im Instrumentarium der Band landet.

„Wir sind inzwischen tatsächlich mit offenen Augen überall unterwegs, um irgendwelchen Klang-Schrott zu ergattern. Wenn wir etwas finden, das wir uns leisten können und es uns vom Sound her zusagt und passend ist, schlagen wir zu. Wir hatten schon von Anfang an eigentlich keinen Bock auf diese Standard-Rockband-Besetzung und wollten irgendwie anders klingen – was wahrscheinlich auch daran liegt, dass wir anfangs ganz andere Musik gemacht haben, nämlich Punk. Dann haben wir eine zeitlang nur so Gameboy-8bit-Elektro-Kram fabriziert, und bis heute hat sich das alles weiterentwickelt, es sind aus allen Phasen Elemente übrig geblieben und haben sich ergänzt.“

Wobei man schon festhalten kann, dass gerade die unüblichen Instrumente wie Kinderorgel und Co. fast schon als Stilmittel durchgehen könnten.

„Es geht auch noch ohne, aber irgendwie gehört es schon zu unserem Stil, ja. Wichtig ist uns, dass wir alles auch live spielen können – wir waren uns immer einig, niemals einen Laptop auf die Bühne mitzunehmen, um irgendwelche Klangfarben abzufeuern. Deshalb arrangieren wir alles vorab auch so, dass wir es live auch umsetzen können.“

Und schon wird aus einem Vorhaben eine richtige Haltung, ein Plädoyer für Echtheit und Authentizität.

„Ich finde es einfach nicht geil, wenn man ein Live-Konzert erlebt und sich fragen muss, wer denn das alles gerade spielt, was man hört. Es ist einfach schade, wenn alles so reproduziert klingt und das ´echte´ dabei auf der Strecke bleibt.“

Wer jetzt denkt, dass Von Wegen Lisbeth eine Ausgeburt des Experimentierbaukastens sei – weit gefehlt: Die musikalischen Grundlagen sind eher im Bereich Funk, Soul und Disco der 70er Jahre zu finden. „Ich hab früher zwangsweise immer zwangsweise Berliner Rundfunk 91,4 mit meiner Mutter gehört, den ganzen Tag. Da lief halt so was und auch ne Menge 50er und 60er-Kram – das prägt einen mit Sicherheit, wenn auch unterbewusst.“

Ganz bewusst dagegen werden textlich oftmals Dinge verwurstet, die gemeinhin weniger Aufmerksamkeit genießen, die kleinen und banalen Aspekte des Alltags.

„Ich glaube, man kann mit diesen Dingen momentan einfach mehr sagen als mit großen, ausufernden Bildern – die sind alle so ausgelutscht, da wird’s gerade auf deutsch auch besonders schwer, was neues zu finden. Ich schreibe eigentlich total unüberlegt, einfach so, ungeplant. Auch das hat sich bei mir über die Jahre so entwickelt, womöglich auch etwas, das man dann Stil nennt.“

Nennen wir es gerne auch unbekümmert, erfrischend, etc. Und wenn das Stil ist, dann ist er höchst beneidenswert!

Aktuelles Album: Grande (Columbia / Sony)
© 01. Juli 2016  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen ||| Foto: Marian Lenhard
Juli 2016

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