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K.I.Z - Live und direkt

Ein Nummer-Eins-Album, ausverkaufte Tourneen, Festival-Auftritte zur Primetime, Dauergast in den Feuilletons der Tageszeitungen – die Berliner HipHop-Band K.I.Z ist im elften Jahr ihrer Karriere gefragter denn je. Das war allerdings nicht immer so. Als Tarek, Nico, Maxim und DJ Craft im Jahr 2005 ihr erstes Album »DasDeutschRapKettenSägenMassaker« veröffentlichen, fühlen sich viele HipHop-Traditionalisten von dem unkonventionellen Sound und der Andersartigkeit der Themen des Quartetts vor den Kopf gestoßen.

Denn nach dem Hype des HipHop aus Hochburgen wie Hamburg oder Stuttgart, sind jetzt die Berliner an der Reihe: Einerseits Gangster- und Straßenrap von Bushido, Sido und Konsorgen, andererseits aber eben auch K.I.Z – und die vier Jungs machen Rap-Musik, die anders klang als alles, was man bis dahin gehört hatte.

Mit dem ein Jahr später veröffentlichten Mixtape »Böhse Enkelz« setzten K.I.Z noch einen drauf. Für die 14 Songs, knöpfte sich die Band die Beats von Deutschrap-Klassikern wie »Wir waren mal Stars« von Torch oder »Liebeslied« der Beginner vor und machten daraus ironische Betrachtungen des Daseins als Rap-Rentner oder Oden an ihre zu groß geratenen Genitalien. Aber nicht nur das: Mit »Seven Nation Army« von The White Stripes oder »Schrei nach Liebe« von Die Ärzten, finden sich auch Interpretationen von gitarrenlastigen Rock-Songs auf der Platte. An anderer Stelle rappen Tarek, Nico und Maxim über elektronische Musik von Aphex Twin, covern »Frei sein« von Xavier Naidoo und üben sich in der Imitation des R&B von R. Kelly.

In Kombination mit ironischen, sarkastischen und humorvollen Texten die weit über den bis dahin gängigen HipHop-Kosmos aus Battletexten und vermeintlich tiefgründigen Topoi hinausgehen, entlarven K.I.Z damit festgefahrene Rap-Strukturen und mausern sich binnen kürzester Zeit nicht nur zum Liebling einer Generation neuer, unkonventioneller Rap-Fans sondern erschließt sich auch eine neue Anhängerschaft, die man sonst vielleicht eher auf Rock- und Punk-Konzerten suchen würde. »Hahnenkampf«, das Debütalbum des Quartetts, erscheint dann folglich auch nicht bei einem HipHop-Label, sondern in der Rock- und Pop-Abteilung des Majorlabes Universal. Die Platte steigt kurz darauf auf Platz 9 der Charts ein und verkauft sich bis heute über 100.000 mal.

Was auf den vorangegangenen Veröffentlichungen schon im großen Stil betrieben wird, setzt sich auf »Hahnenkampf« kompromisslos fort – ganz egal ob Sex mit Rentnerinnen oder eine Ode an den Glimmstengel das Thema sind oder sie mit Bela B. von Die Ärzte oder Archi Alert von der Terrorgruppe zusammenarbeiten. Das Album bringt K.I.Z eine mediale Aufmerksamkeit sondergleichen – und so finden die Kannibalen in Zivil – eine der vielen Interpretationsmöglichkeiten des Bandnamens - sich wenig später in den Feuilletons der Tagespresse, bei »Rock am Ring« oder als Dauergast bei MTV wieder.

Diesen Siegeszug setzen die vier Bandmitglieder auch mit den beiden Nachfolgeralben »Sexismus gegen Rechts« und »Urlaub fürs Gehirn« weiter fort und führen deutschen Rap mit ihrer Musik in den Jahren 2007 bis 2012 durch eine Durststrecke in der nach dem Aus von Aggro Berlin nicht sonderlich viel Erwähnenswertes passiert. In der Zwischenzeit engagiert sich die Band im Wahlkampf für Die Partei, kooperiert mit der Metalcore Band Callejon und spielt als Vorgruppe von Die Ärzte auf deren Tour.



Keine zwei Jahre später erscheint schon das Mixtape »Ganz oben« und bescherte der Band mit »Ein Pferd und ein Affe«, für das sich K.I.Z eine Melodie aus der Kinderserie »Pippi Langstrumpf« borgten, einen ihrer größten Hits – aber dennoch hörte man Songs wie »Ich bin Adolf Hitler« oder »Ich steh auf Frauen (Ich schwöre)« eine gewisse Stagnation an, die allerdings nicht lange anhält. Mit dem Album »Hurra, die Welt geht unter« melden sich K.I.Z 2015 mehr als eindrucksvoll zurück und liefern eine der wichtigsten Veröffentlichungen des Jahres ab.



Wurden einem auf den bisherigen Alben und Mixtapes noch die von Ironie, Sarkasmus, Provokation und Tabubruch durchzogenen Punchlines im Sekundentakt um die Ohren gehauen, so hat man es auf »Hurra, die Welt geht unter« mit einer neuen Ernsthaftigkeit zu tun. Gereckte Zeigefinger und geschwungene Moralkeulen sucht man auf den Songs jedoch vergebens. Vielmehr haben K.I.Z ihre entwaffnende Wortgewandtheit und schonungslose Beobachtungsgabe in scheinbar harmlose, oft aber bitterböse Kurzgeschichten umgemünzt, deren ungeschönte Pointen vermutlich die einzig vernünftige Antwort auf Rechtsruck, Kapitalismus, den ganzen anderen Unsinn und den Umgang mit dem selben durch unsere Gesellschaft in diesen Tagen ist.



Das Album landet nicht nur auf Platz 1 der Charts, sondern wird von der Fachjournaille genau so wie vom Feuilleton in höchsten Tönen gelobt - vollkommen zurecht. Denn K.I.Z erfinden sich einerseits neu und schaffen es, ihre ironische Grundhaltung und krawalligen Humor gegenüber gesellschaftlichen Missständen in handfeste Kritik umzumünzen, bleiben ihrem Stil dabei in Sachen Musik und Kompromisslosigkeit aber dennoch mehr als treu und zeigen, dass man auch nach über zehn Jahren im Rap-Geschäft mit einem unerwarteten Album um die Ecke kommen kann, dass sich doch tatsächlich Gedanken über die Welt in der wir leben und ihre Zukunft macht.



Der Titel des Albums ist dabei Programm. Auf den gleichnamigen Song mit AnnenMayKanterei-Frontmann Henning May fantasieren K.I.Z ein postapokalyptisches Szenario herbei, in dem die Menschen nach einer Katastrophe in Frieden miteinander leben. Themen wie Staatenlosigkeit und eine Welt ohne Kleidung, Geld, Sexismus oder Religion lassen durchaus linkspolitische Tendenzen in der Musik von K.I.Z erkennen. Ein Eindruck, der sich auf dem aggressiven »Boom Boom Boom« noch verstärkt. Der Song fungiert als Anklage der neuen Fremdenfeindlichkeit in Deutschland.

Aber auch abseits dieser radikalen Songs, hat »Hurra, die Welt geht unter!« einiges zu bieten: »Was würde Manny Marc tun« mit Audio88, Yassin und Manny Marc nimmt sich - als Disco-Hymne getarnt - schweren Themen wie Altenpflege, Kindesmissbrauch, Rassismus und den Umgang mit der Behinderung des eigenen Kindes an und »Geld« ist ein funky Augenzwinker-Abgesang auf den Kapitalismus, während »AMG Mercedes« den Sonderlingsstatus der Jugend der drei Rapper von K.I.Z verhandelt.



Das Schöne ist, dass K.I.Z trotz der vermeintlichen Schwermut und Ernsthaftigkeit der angesprochenen Themen immer noch darauf bedacht sind, Songs zu schreiben, die man nicht nur anhören kann, sondern die auch darüberhinaus funktionieren. Wer die Jungs schon einmal live gesehen hat, der weiß um den Status der Band als Bank im Livegeschäft. Als Dreamteam aus einem DJ und drei Rappern mit ganz unterschiedlichen Stärken, legen K.I.Z jede Location vom noch so kleinen Club bis hin zu den großen Festivalbühnen in Schutt und Asche.



Dabei spielen K.I.Z auf dem HipHop-Festival splash! genau so wie bei linken Demos oder veranstalten seit Jahren am Weltfrauentag ein Konzert ausschließlich für Frauen – in Frauenkleidung. Nur logisch, dass die Konzerte zum letzten Alum »Hurra, die Welt geht unter« einer apokalyptischen Abrissparty gleichen. Uniformiert performen Tarek, Nico, Maxim und DJ Craft vor vier Statuen ihrer selbst die neuen Songs und laden dabei dazu ein, gegen das System zu Pogen, zu Schreien und zu Tanzen. Mit dem klassischen Rap-Konzert für die Kopfnicker-Fraktion hat diese schweißtreibende Show dabei nur noch verhältnismäßig wenig zu tun – und ist gerade deshalb ein Erlebnis, das eindrucksvoll unter Beweis stellt, warum K.I.Z auch nach über zehn Jahren immer noch zu einer der besten Bands gehören, die deutscher Rap zu bieten hat.



Sa 10.09. 18.30 Uhr

´Hurra die Welt geht unter´ - Open Air

Westfalenpark Dortmund
© 03. Juni 2016  WESTZEIT
Juni 2016

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