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GEMMA RAY - Soundtrack fürs Kopfkino

Reduziert und roh – so klingt ´The Exodus Suite´, das inzwischen siebte Album von Gemma Ray. Einmal mehr sind dabei die erdigen Klänge der vergangener Tage die Basis, ohne dass es allein darum geht, die Vergangenheit wiederaufleben zu lassen.

Denn bei aller Retro-Coolness und der unüberhörbaren Liebe zu Pop noir, Wüsten-Blues und psychedelischem Twang steht die 35-jährige Britin mit dem Faible für Vintage-Kleider nicht zuletzt textlich fest mit beiden Beinen im Hier und Jetzt.

„Mir war wichtig, dass die Platte viel Mitgefühl und Liebe ausstrahlt und dass man die nur allzu menschlichen Fehler darauf hören kann“, sagt sie, als wir sie in ihrer Wahlheimat Berlin erreichen. „Ich wollte ein wirklich ehrliches Stück Musik abliefern!“

Mit den Aufnahmen zu ihrer neuen LP erfüllte sich Gemma diesen lang gehegten Traum, denn ´The Exodus Suite´ ist das erste Album, das sie wirklich live und noch dazu mit kleinem Besteck im Studio einspielte.

Schon seit Beginn ihrer Karriere begleitet Gemma die Idee, eine Platte zu veröffentlichen, die so naturbelassen wie möglich ist. Bei Vorgängerwerk ´Milk For Your Motors´ war sie 2014 schon einmal ganz nah dran, doch dann bekam sie die Möglichkeit, mit dem Filmorchester Babelsberg zu arbeiten – und aus einem ganz kleinen wurde plötzlich ein ganz großes Album.

„In gewisser Weise beginne ich jede Platte mit dem Vorsatz, alles so simpel wie möglich zu halten, aber dann kommen mir große Produktionsideen in den Kopf, und außerdem sind all die Tonartwechsel in meinen Songs bestens für Overdubs geeignet. Für gewöhnlich trickse ich mich damit selbst aus“, gesteht sie lachend. „Die neue Platte ist die erste, die ich selbst für minimalistisch halte, auch wenn sie punktuell immer noch recht extravagant ist.“

In der Tat sind die Arrangements fast durchgängig schlank, bisweilen sogar geradezu skizzenhaft. Um die Energie alter Jazz-Platten einzufangen, verzichtete Gemma im Studio zudem absichtlich darauf, die einzelnen Instrumente bei den Aufnahmen zu separieren, was ein nachträgliches Ausbessern von Spielfehlern praktisch unmöglich machte. Eingespielt wurde ´The Exodus Suite´ im Candybomber Studio von Produzent Ingo Krauss, das im Gebäude des ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof untergebracht ist, der nicht nur wegen der Rosinenbomber nach dem Zweiten Weltkrieg für viele mehr war und ist als nur eine Schalterhalle. Auch bei Gemma hat der monumentale Bau tiefen Eindruck hinterlassen.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass die Umgebung eine große Rolle für die Aufnahmen spielt. Die Geschichte und die Geheimnisse des Gebäudes haben ihre Spuren auf meiner Platte hinterlassen“, ist sie überzeugt.

Doch nicht nur die Vergangenheit schlug sich auf die Platte nieder, denn während Gemma an ihrem neuen Album arbeitete, waren in dem sonst praktisch menschenleeren Gebäude 8000 Flüchtlinge aus Syrien untergebracht.

„Ohne mir auch nur vorstellen zu können, was diese Menschen durchgemacht haben – das Gemeinschaftsgefühl, das dort herrschte, war sehr positiv“, erinnert sie sich. „Das Ganze hat auch auf meine Performance abgefärbt, auf meine Emotionen und Entschlossenheit, denn es war mir extrem wichtig, das Publikum mit dieser Platte wirklich zu erreichen. Beim Singen habe ich viel an die Menschen gedacht, die ich vermisse, die ich in letzter Zeit verloren habe, aber eben auch an die Geschichten der Menschen, die im Gebäude unter mir untergebracht waren, was sie durchgestanden haben. All das ging mir im Kopf herum.“

Kein Wunder, kreisen die Texte doch um Themen wie das Unterwegssein, den Gemeinschaftsgedanken und die Vorstellung, dass wir alle Weltbürger sind.

Entstanden ist so ein ungemein intensives, oft auch forderndes Klangerlebnis, eine Sammlung dunkel funkelnder Kleinode voller Leidenschaft, die ihren Ursprung in längst vergangenen Zeiten haben, ohne deshalb allerdings je altbacken zu klingen. Mit ´The Exodus Suite´ ist Gemma Ray ein weiterer aufregender Soundtrack fürs Kopfkino gelungen – dunkel, zerbrechlich und faszinierend.

Aktuelles Album: The Exodus Suite (Bronze Rat/Soulfood)
Weitere Infos: www.gemmaray.tv
© 01. Juni 2016  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld
Juni 2016

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