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THE AVETT BROTHERS - Die ganze Bandbreite

Sie tummeln sich seit jeher am Rand des Americana-Genres, aber Traditionalisten wollen The Avett Brothers nicht sein. Vier Jahre nach ihrem Erfolgsalbum ´The Carpenter´ veröffentlicht die Band aus North Carolina mit ´True Sadness´ nun ihre neunte LP und hat dabei einen Heidenspaß, die Grenzen zwischen althergebrachtem Country und Folk auf der einen und Pop mit modernem Anstrich auf der anderen Seite auszuloten.

„Uns steht die gesamte Bandbreite des Genres offen, und ich sehe keinen Grund, warum wir das nicht ausnutzen sollten“, sagt Scott Avett im Westzeit-Interview. Der Spagat zwischen den klanglichen Welten ist natürlich nicht neu für den Amerikaner, der zusammen mit seinem Bruder Seth der inzwischen siebenköpfigen Band ihren Namen gibt. Schließlich griff er vor knapp 20 Jahren nur zum Banjo, weil es so schön ironisch war.

„Ich hing damals mit Leuten rum, die Hardcore und Heavy Metal machten, und ich schrie und tobte auf der Bühne herum und sprang ins Publikum“, erinnert er sich. „Ich suchte nach etwas, das dagegen rebellieren würde, und das Banjo war genau richtig dafür. Dieses Instrument vor all den Punkrockern und Skatern zu spielen, war die reinste Ironie, aber ich liebte es.“

Für ihre neue Platte nahmen sich The Avett Brothers nicht nur mehr Zeit als je zuvor, sie experimentierten auch munter drauflos.

„Uns allen war klar: Je mehr wir reinstecken, desto mehr interessante Dinge bekommen wir am Ende heraus“, sagt Scott, wenngleich er zugibt, dass nicht alle Bandmitglieder sofort Feuer und Flamme für die ungewöhnliche Herangehensweise waren, die ihr langjähriger Produzent Rick Rubin vorschlug. Bei lang gestreckten Sessions nahmen The Avett Brothers alle Songs gleich mehrmals auf, erst in kleiner Besetzung zu dritt, dann mit allen sieben Musikern gemeinsam in einem Raum, und parallel entstanden sogar noch elektronisch durchsetzte Remixe, die ganz am Schluss mit handgemachten Parts veredelt wurden. Letztlich landeten Aufnahmen aus allen Produktionsphasen auf dem fertigen Album.

„Der wichtigste Faktor bei diesem Album war sicherlich, dass wir die Songs so gründlich wie möglich abgeklopft haben, bevor wir uns am Ende für die eine oder andere Version entschieden haben“, ist Scott überzeugt. Dabei geht es ihm heute bisweilen mehr um den Inhalt als um die Form.

„Mich begeistern Texte, die tief aus dem Innern kommen“, erklärt er. „Es gibt eine ganze Reihe Künstler, die mich inspirieren, weil sie – aus ihrem Blickwinkel – die Wahrheit sagen. Das ist das Ideal, dem ich auch nachjage. Die Musik ist letztlich nicht mehr als ein Vehikel für die Worte.“

Dem Titel zum Trotz ist ´True Sadness´ kein depressives Album. The Avett Brothers glauben daran, dass unsere Zukunft nicht in Stein gemeißelt ist und dass der Wille, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen und es zu verbessern, am Ende von Erfolg gekrönt sein wird – und seien die Rückschläge entlang des Weges auch noch so desillusionierend. Vermutlich ist es nicht zuletzt diese Grundeinstellung, die die Band im Fahrwasser der seelenverwandten Mumford & Sons zu waschechten Stars gemacht hat. Längst füllen The Avett Brothers die größten Multifunktionsarenen und Amphitheater, die ihre amerikanische Heimat zu bieten hat. Vor wenigen Wochen stand sogar ein Konzert im altehrwürdigen Madison Square Garden in New York City auf dem Programm. Auch wenn die Band große Auftritte gewöhnt ist, war die Show im Herzen von Manhattan dennoch etwas ganz Besonderes für Scott und die Seinen:

„Ich habe die Tendenz, mein Licht ein wenig unter den Scheffel zu stellen, aber hier muss ich sagen: Das ist eine riesengroße Sache, und ich kann wirklich kaum glauben, dass wir es so weit gebracht haben“, freut er sich. Bleibt am Schluss die Frage, was danach eigentlich noch kommen kann. Doch auch darauf hat Scott eine Antwort: „Wir wollen einfach alle Menschen zu unseren Shows einladen, egal, wer sie sind, woher sie kommen oder an was sie glauben“, sagt er. „Wir wollen mit unseren Vibes so viele Menschen wie möglich erreichen. Je mehr, desto besser!“

Aktuelles Album: True Sadness (Universal)
Weitere Infos: theavettbrothers.com
© 01. Juli 2016  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld
Juli 2016

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