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FOTOS - Die Monstertherapie

Tom hat heute Geburtstag. Anstatt zu feiern, sitzt er am Rechner, beantwort Emails und gibt zwischendurch Telefoninterviews. So gehört sich das, denn vor dem Vergnügen liegt immer auch ein Haufen Arbeit, insbesondere dann, wenn man ein neues Album gemacht hat und dieses kurz vor der Veröffentlichung steht. Im aktuellen Fall der Band Fotos ist Sänger und Geburtstagskind Tom deshalb und selbstredend an allen Ecken und Enden gefragt. Nach all den Antworten darf dann aber auch irgendwann gefeiert und angestoßen werden - auf einen Geburtstag in doppelter Hinsicht.

„Das Klügste wäre sicher gewesen“, so Tom, „wenn wir unsere erste Platte quasi noch einmal aufgenommen hätten, nur eben mit einem perfekteren Sound, einer besseren Produktion und mit massentauglicheren Texten. Mit Toten Hosen-mäßigen Saufrefrains auf Stadion-Rock machen! Aber so etwas wollten wir um jeden Preis vermeiden.“

Wir, das sind zitierter Sänger Tom Heßler und seine Bandkollegen Frieder Weiss, Deniz Erarslan, Benedikt Schnermann. Bekannt wurden diese vier jungen Herren unter dem Namen Fotos - und das vor gar nicht allzu langer Zeit. Über Nacht schlug ihr selbstbetiteltes Debüt im Jahre 2006 ein, als hätte die heimische Indiewelt auf dieses und die dazugehörige Band seit Jahren gewartet. Aber warum eigentlich?

„Ich weiß auch nicht so genau“, resümiert Tom mit Fragezeichen in der Stimme. „Die Leute haben uns mit Bloc Party, Franz Ferdinand oder Arctic Monkeys verglichen - warum auch immer. Wir haben das selbst nie so empfunden, aber trotzdem oder gerade deshalb war es uns nun ein Anliegen, einen komplett neuen Sound auf unserem neuen Album zu haben.“

Aber immer der Reihe nach.

Ein Blick zurück zum „alten“ Album: Das Debüt der Fotos war noch gar nicht erschienen, aber trotzdem sprach und wusste jeder davon. Von dieser energiegeladenen, jungen Band, die man sich als das nächste große Ding herausgepickt hatte. Das ging im Internet-Untergrund los, schwappte schnell an die oberflächliche Öffentlichkeit und war dann ein heiß gehandeltes Thema.

„Das ging dann alles sehr plötzlich und schnell. Dementsprechend naiv sind wir damals auch im Vergleich zu heute an die Sache gegangen.“

Diesmal ist alles konzentrierter, fokussierter, schärfer und klarer bei den Fotos. Die Dinge bahnen sich an, nehmen ihren Lauf und folgen einem großen, neuen Plan: dem Plan, alles anders zu machen, als bisher.

„Wir waren nach der letzten Platte in einer Art Sackgasse, aus der wir raus mussten.“

Der einzige Ausweg lag im Rückzug zum Wesentlichen. Dorthin, wo die Köpfe frei und fern vom Promo-Rummel sein könnten und sich nur um eines sorgen sollten: die Musik.

„Wir kamen von einer langen Tour wieder nach Hause und gingen fast unmittelbar in ein kleines Studio. Hätten wir eine Verschnaufpause eingelegt, wäre die Gefahr sehr groß gewesen, dass man sein Feuer verliert und sich im Alltag verläuft. Wir wollten aber schnell alles hinter uns lassen und nicht noch ein Jahr mit diesem komischen Gefühl leben.“

Komisches Gefühl? Versteht der Außenstehende hier etwas falsch? Es lief doch augenscheinlich alles blendend! Oder was kann man sich mehr wünschen, als bereits vor dem Erscheinen seines Debütalbums in aller Munde zu sein?

„Na ja“, erklärt Tom sich und dieses bandinterne komische Gefühl, „da kommt man von diesen rund hundert Konzerten nach Hause und fühlt sich wie auf Grund gelaufen. Die einzige Möglichkeit, um dieses komische, leere Gefühl zu bekämpfen, ist, ins Studio zu gehen und neue Songs zu schreiben.“

Klingt nachvollziehbar, aber auch durchaus opportunistisch bis utopisch. Denn das nächste Album ist bekanntermaßen immer das schwierigste, insbesondere dann, wenn es ein ebenbürtiger Nachfolger eines eingeschlagenen Debüts werden soll - siehe Fotos.

Die Ansprüche an die neue Platte waren also nicht von schlechten Eltern. Grund genug, um sich den von Außen herantigernden Ansprüchen kategorisch zu verschließen, in das eigene Innere zu schauen und einen Blick auf Vergangenes zu werfen. Nicht selten ist man dann zumindest so weit, dass man weiß, was man nicht will:

„Wir wollten weniger reinkloppen, sondern mehr produzieren. Oder anders gesagt: Unsere eigenen Ansprüche gingen dahin, dass die neue Platte natürlich viel besser klingen sollte als die erste. Sie sollte artifizieller klingen und sich von dieser ganzen britischen Garagerockszene abheben. Wir waren von diesem Sound gelangweilt, weil der Markt von diesem Kram so überschwemmt war. Wir konnten all das einfach nicht mehr hören!“

Was die Fotos hingegen hören mochten, klang anders: nicht der Rock reizte sie, sondern der Pop und seine diversen Spielereien. Sie hörten Funk, Hip Hop, Jazz, R&B, Soul und all die Rock-freien Inspirationsquellen, die mit der Popbasis so gut vereinbar sind. Die gehässigen Fotos-Betrachter werden von nun an ihre Bloc Party-Parallelen gegen Phoenix-Plagiatsvorwürfe eintauschen, will sagen: ein beachtlicher Wandel hat hier stattgefunden. In einem zum Studio umgebauten Einfamilienhaus haben die Fotos sich innerhalb von fünf Wochen mit Paulas Berend Intelmann auf die Suche nach einem neuen Sound gemacht und dabei selbst auf den Kopf gestellt. Das klingt nach harter Arbeit, aber die wahre Hölle erwartete Tom dann erst zuhause, als er allein mit seinen nicht vorhandenen Texten war.

„Gerade deutsche Texte sind immer ganz enormer Kritik ausgeliefert. Nicht nur aufgrund meines eigenen Anspruchs, sondern auch aufgrund des Außenanspruchs hatte ich bei den Texten ganz schön mit mir zu kämpfen. Das war für mich vermutlich die schwerste Zeit meines Lebens. Manchmal musste ich den Kopf förmlich an die Wand hauen, um zu merken, dass ich auf mich hören muss und mir die Anderen da draußen einfach völlig egal sein müssen. In meinem Kopf saß permanent so ein merkwürdiger, kritischer Indie-Redakteur, den ich mir als Querschnitt aus allen schlechten Kritiken über uns zusammengebastelt hatte. Dieser Typ konnte aber auch gleichzeitig zu einem riesigen Kommerzmonster mutieren, dem du niemals gerecht werden kannst. Am Ende des Tages merkst du dann erst: Dieses Monster und all die anderen können mich mal!“



Tom und seine Jungs haben auf „Nach Dem Goldrausch“ eine Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung, dass alles anders werden sollte. Denn „wenn wir jetzt mit der zweiten Platte scheitern, dann wollen wir auch mit einem Sound scheitern, der uns gefällt, hinter dem wir stehen und der nicht von uns erwartet wird.“

Und diese Erwartungen waren es auch, die dieses komische Gefühl damals hervorriefen, das Fotos mit ihrem jetzigen Album wegtherapiert haben.

„Die Leute kamen an und sagten, Mensch, lasst den Kopf nicht hängen, es ist doch alles relativ gut gelaufen... zumindest für eine deutsche Band... für ein erstes Album... und überhaupt - da fragt man sich schon irgendwann, wovon die alle eigentlich reden!? Und irgendwann glaubst du denen und fängst das große Zweifeln an. Das ist dann die Zeit für eine Therapie.“

Eine Therapie, die die Fotos erleichtert und Tom solche Zeilen wie ´Ich bin ein Thomas, kein Thomas Mann´ singen lässt. Und das klingt schon etwas wie ein zweiter Geburtstag.

Aktuelles Album: Nach dem Goldrausch (Labels / EMI) VÖ: 29.03.
© 03. März 2008  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister ||| Foto: Nils Rodekamp
März 2008

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