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THE MARS VOLTA - Die Geister, die sie riefen

Der Wahnsinn hat ein neues Koordinatensystem. Omar Rodriguez Lopez und Cedric Bixler Zavala nennen ihr viertes Album als The Mars Volta „The Bedlam In Goliath“ und geben erstmals mehr Antworten, als sie Fragen aufwerfen. Diese wiederum, versteht sich von selbst, werfen neue Fragen auf. Nach Konzepten, Schicksalen, Flüchen und Drogen zum Beispiel.

Es begab sich zu einer Zeit, als Omar Rodriguez Lopez in der alten Welt auf Reisen ging. Für seinen schon seit Schulzeiten besten Freund Cedric Bixler Zavala suchte er in diesem Sommer des Jahres 2006 ein besonderes Mitbringsel und fand in einem Kuriositäten-Handel in Jerusalem ein Ouija-Brett, eine Art Gläserrücken-Brettspiel für Fortgeschrittene. Was er da noch nicht ahnte: jenem Brett wohnte ein Fluch inne, der seine Band auf lange Zeit begleiten würde. Statt auf Tour mit den Red Hot Chili Peppers feiern zu gehen, versammelten sich Abend für Abend alle The Mars Volta-Musiker im Bus um das unheilbringende, Geschichten erzählende Brett. Stimmen sprachen aus ihm, die die Band beinahe selbst in Jenseits holten und deren Summe The Mars Volta im weiteren Verlauf „Goliath“ nannten. Dieser Goliath sollte ihnen später, bis hin zu seiner Verbannung, ein Album namens „The Bedlam in Goliath“ – das Tollhaus – diktieren.

„All das haben wir wirklich erlebt“, verkündet ein wieder gutgelaunter, dürrer Rodriguez, während er sich mit einem ebenso aufgeräumten und freundlichen Bixler, seinem Bruder im Geiste, auf der Couch zum Interview fläzt. An diesem Zeitpunkt ist „The Bedlam In Goliath“ bereits seit über zwei Monaten im Kasten. Aufnahmen und Veröffentlichung zogen sich hin. Sänger Bixler zog sich einen komplizierten Fußbruch zu, Gitarrist Rodriguez verlor zusehends den Hang zum Hier, beide verloren sie fast ihren Techniker bei einem Unfall, das Studio stand unter Wasser und alle standen kurz vorm Nervenzusammenbruch. Die Aufnahmen dauerten dreieinhalb Monate statt der geplanten drei Wochen, nur das Layout, die Zeichnung eines mittelöstlichen Marktplatzes, war schneller da.

Es war nicht das eigentliche Leben, das ihnen übel mitspielte, sondern die Mächte des Bretts.

„Wenn du ans Universum und an dich selbst glaubst, dann glaubst du auch unserer Geschichte“, erklärt Rodriguez die wünschenswerteste Wahrnehmung von The Mars Voltas bisher in sich geschlossenstem und gleichzeitig schnellstem Album, dessen Eckpfeiler sich aus weitaus irdischeren Fragestellungen speisen, als es der erzählte Mythos nahelegt.

„Warum existiert Kultur auf der ganzen Welt, warum haben Menschen von Südamerika bis Indien dieselben Symbole und Visionen, essen dieselben Pflanzen?“, fragt ein Rodriguez, der vor seinem Jerusalem-Trip über ein Jahr in Amsterdam lebte und dort ein Soloalbum aufnahm.

„Und warum wirtschaften die Leute an der Macht das Land nieder, das die Früchte beherbergt, die uns diese Visionen geben?“ springt Bixler mit auf und interpretiert: „Sie bewerben lieber das Trinken statt Pot rauchen. Weil Pot dich dazu bringt, diese Dinge zu hinterfragen.”

Von diesen und anderen Visionen erzählt nun „The Bedlam In Goliath“, ein Befreiungsschlag im wahrhaftigsten Sinne, wenn man denn seiner Entstehungsgeschichte glauben schenkt, die nahtlos an die Fertigstellung des vergleichsweise unverdaulichen Vorgängers „Amputechture“ anknüpft. Bewusstseinserweiterung hin oder her: The Mars Volta verstehen sich als handwerklich talentierte Boten, nutzen ihre Antennen als Schlüssel zwischen den Welten.

„Du musst auf das Talent aufpassen, was dir gegeben wurde. Wenn du das nicht befolgst, bist du schon einen Schritt näher am Tod dran.“

Der Zugang zu ihrer immer schon progressiven Musik steht offener denn je, man muss sich nur hintrauen. Dann entdeckt man immer noch keine Radiosongs, dafür John Frusciantes, von Rodriguez vordiktiertes Gitarrenspiel aus der linken Box, mit „Ilyana“ fast eine Disconummer im bisherigen Bandkosmos und mit „Goliath“ ein Brett von einem Song, wenn man das so sagen darf; einer Rage Against The Machine-Reminiszenz. The Mars Volta trauen sich wieder, ihre Hardcore-Vergangenheit nicht um jeden Preis zu verstecken. Selbst um Bixlers Texte müsse man sich keine Sorgen machen, „die verstehe ich doch selbst kaum“.

Ferner dächten beide sowieso nicht daran, was andere hören möchten.

„Wir sind Musiker, keine DJs oder Kellner.“ Rodriguez rückt seine große Brille zu recht und zieht nochmal kurz unsere beiden Liebsten hinzu: „Es ist notwendig, dass uns nicht jeder mag. Bei George Bush, dem neuen Hitler in unserem Land, soll auch alles so sein wie immer. Das geht nicht!“

Was ist denn heute überhaupt Kunst? Rodriguez, laut Bixler in seinem früheren Leben der beste Callcenter-Verkäufer der westlichen Hemisphäre, zieht die Nase hoch und tut so, als spucke er auf den Tisch: „Das ist Kunst!“

Beide kichern wie kleine Jungs, plaudern noch ein wenig über ihre alten, im Gespräch schon herangezogenen Jobs als Kellner und Telefonisten und denken in ihren von schwarzen Afro-Locken bedeckten Köpfen wahrscheinlich schon wieder ans übernächste Album. George Lucas sagte mal, dass die visuelle Umsetzung seiner Star Wars-Filme nur zu einem Bruchteil seinen Ideen der Bilder entspricht, die er im Kopf hat. Die Technik sei noch nicht weit genug. The Mars Volta würden gerne ein Instrument erfinden, das die Stimmen im Kopf von Schizophrenikern hörbar macht. Vielleicht könnte man die menschliche Psyche besser verstehen – „wir könnten noch größere Geschichten erzählen!“ Kaum is das Ouija-Brett vergraben und verdammt, die Stimmen aus dem Jenseits befreit, wühlen The Mars Volta wieder im Diesseits. Irgendwas ist ja immer.

Aktuelles Album: Bedlam To Goliath (Universal)
Weitere Infos: http://www.themarsvolta.com/
© 01. März 2008  WESTZEIT ||| Text: Fabian Soethof
März 2008

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