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ADAM GREEN - Was ihn juckt, das mag er

Der gute Adam ist noch ganz schön müde. Er schlurft den Hotelgang entlang, haut sich im Zimmer in den Sessel und zündet sich gemächlich eine Zigarette an. Gestern Abend war es spät, mit anderen Worten: es war ziemlich früh heute Morgen. Egal, denn auch übermüdet und mit verrauchtem Kopf kann man gut über Musik ohne Zugehörigkeitszwang und Bob Dylans schlechte Schaffensphase sprechen.

Aber bevor Bob an der Reihe ist, wird zuvor noch Thees gehuldigt.

„Ich habe vorhin gerade ein Video von Tomte gesehen. Ich mag das sehr, was sie machen. Die sind gut.“

Auf dem einen oder anderen Festival des letzten Jahres sind sie ineinander gekracht und im Partyausklang aufeinander hängen geblieben. Der heute 26jährige Green erinnert sich schemenhaft an seine Lieblings-Kumpels aus Deutschland. Etwas klarer ist seine Erinnerung, als es um Aktuelles geht: 20 Tracks = 48 Minuten = 1 Album. Betrachtet man diese Gleichung, kann man festhalten, dass die Gesamtspieldauer von „Sixes & Sevens“ doch relativ knapp ausgefallen ist, bei dieser beachtlichen Songanzahl. Aber was im Allgemeinen als kurz empfunden wird, ist für Green-Verhältnisse lang. Kein Wunder, Adam hat schließlich auch noch nie so lang an einem Album gesessen, wie an diesem fünften.

Die Anti-Folk-Diskussion ist derweil abgeebbt, die Moldy Peaches-Frage nachdrücklich verneint und der Sinatra-Traum von damals wortwörtlich fast vergessen. Aber die Frage, was er eigentlich für Musik auf seinem neuen Album macht, stimmt Adam nachdenklich, ja fast nüchtern. Nicht ganz grundlos zückt Adam eine weitere Zigarette und grübelt, ist doch auf „Sixes & Sevens“ ein Kessel Buntes musikalischer Allerlei zu hören: Motown, Pop, Crooner-Kram, (Anti-?)Folk, Traditionelles, Tropisches, Trauriges und Diverses mehr.

„Natürlich war es mir ein Anliegen, etwas Neues für mich zu erschaffen. Und das war nur möglich, weil ich mir verhältnismäßig viel Zeit dafür nehmen konnte. Womit ich damit nun gelandet bin? Schwierig...“

Vielleicht im Folk, der eine diffuse Spannbreite an Einflüssen offen legt und fern von Genrereinheit umherspaziert. Ein Spaziergang, der ohne Produzent Dan Myers ganz sicher anders verlaufen wäre. Denn Dan ist kein Produzent, sondern ein langjähriger Freund.

„Wir reden miteinander, tauschen uns aus, kennen uns und die Musik, über die wir sprechen - und deshalb produziert er eigentlich nicht meine Alben, sondern redet mit mir über sie, während sie entstehen.“

Während Dan und Adam über jene Songs sprachen, die dieses Album zu einem vielseitigen Etwas machen sollten, hörten sie sich dementsprechend weitläufig um. Lightnin' Hopkins und Muddy Waters, aber auch Devendra Banhart und M.I.A. waren Quellen der stets unbewusst inhalierten Inspiration.

„Ich mag all diese Musik, auch wenn sie so grundsätzlich verschieden erscheint.“

Denn im Grunde interessieren Adam Green die Unterscheide von Alter, Herkunft und Zugehörigkeit der Musik ganz allgemein nicht.

„Dylan hat auch eine Phase gehabt, die ich musikalisch richtig mies finde, aber er hat wenigstens zu seiner Großartigkeit zurückgefunden. Und das schaffen nur wenige Künstler. Die meisten werden irgendwann schlecht und bleiben es für immer und ewig. Das ist nicht nur in der Musik, sondern in allen anderen Kunstsparten genauso. Aber warum ist das eigentlich so?“

Vielleicht weil die Kunst irgendwann zum Dayjob wird? Vielleicht weil der Künstler bereits alles gesagt hat? Vielleicht weil der Kunst- und Kulturschaffende an einem Punkt seiner Laufbahn von seinem bisherigen Weg abdriftet und schlimmstenfalls noch völlig durchknallt? Vielleicht. Adam weiß die Antworten nicht. Aber diese sind ihm auch gänzlich schnuppe. Denn es bestärkt ihn in seinem guten Gefühl, dass man seine Musik nur schwerlich einem Genre eindeutig zuordnen kann.

„Ich verstehe aber auch einfach nicht, warum um alles in der Welt die Menschen Musik in Genres hören! Entweder es klingt etwas gut oder eben nicht - was hat mich dabei denn das Genre noch großartig zu jucken!? Mich juckt einfach der Künstler. Ich mag zum Beispiel keinen Gangsta-Rap, liebe aber Ice-T. Ich kann auch Reggae überhaupt nicht leiden, bin aber fasziniert von dem, was Bob Marley gemacht hat.“

Und wie reiht sich ein Adam Green nun selbst in diese Folge ein? Als gefühlter Folksänger, der keinen Folk macht, sondern nur das, was sich für ihn gut anfühlt. In diesem Sinne ist übrigens dann auch der Titel des Albums zu verstehen.

„Ich habe ‚Sixes & Sevens' erstmals in einem Rolling Stones-Song gehört, aber ich weiß gar nicht so genau, was diese Phrase bedeutet. Es klingt eben gut - und das ist es, was ich daran mag. Das muss doch wohl reichen.“

Aktuelles Album: Sixes & Sevens (Beggars / Indigo)
© 01. März 2008  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister
März 2008

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