interviews
kunst
artexpo
cartoon
konserven
liesmich.txt
filmriss
dvd
vorlesungs-
verzeichnis

cruiser
agenda
live reviews
stripshow
lottofoon
kontakt
NICK CAVE AND THE BAD SEEDS - Das Brettspiel des Teufels

„Der Song steht an erster Stelle, ich gebe jetzt Vollgas“, definiert Nick Cave die Marschroute. Mit seinem neuen Album „Dig, Lazarus, Dig!!!“ und sonntäglicher Kirchenbesuche scheint er die unliebsamen Geister endgültig besiegt zu haben. Doch der Reihe nach! Jahre lang bestand Nick Caves Gedanken- und Gefühlswelt aus unzähligen Fragezeichen: Was will ich? Worum geht es mir? Welche Bedeutung hat die Musik für mich? „Ende der Neunziger ist mein Songwriting sehr autobiographisch geworden. Mehr als mir lieb war! Es ging mir damals viel schlechter als heute und vielleicht hatte ich deswegen so großen Erfolg, weil sich die Menschen mit meinen Depressionen identifizieren konnten.“

Keine Frage, Mitten in der Midlifecrisis, verlassen von Frau und Kind, fabrizierte der Wahllondoner seine besten Platten. Richtig problematisch wurde die Situation doch erst, als Licht am Ende des Tunnels aufblitzte.

„Wenn du wieder zu dir kommst und neue Freude am Leben gewinnst, heißt es handeln: Alle Ideen sammeln, aufschreiben und so lange bearbeiten, bis ein brauchbares Ergebnis entsteht.“

Seit Ende der Siebziger musikalisch aktiv, änderte Nick Cave kurz entschlossen seine gesamte Arbeitsweise. Mit einem geregelten, büroähnlichen Produktionsalltag wollte er sich zur Kreativität zwingen, mietete ein Büro und verbrachte so viel Zeit wie möglich dort:

„Anfangs machten sich alle darüber lustig: Wie soll das gehen, einen künstlerischen Prozess heraufzubeschwören, nur weil man in irgendeinem Raum sitzt? Diese Frage hat mich ehrlich verwirrt. Glauben die Leute etwa, dass uns Inspiration ereilt, während wir seelenruhig Park herumspazieren?“

Nicht nur das 2004 veröffentlichte, fantastische Doppelalbum „Abattoir Blues/The Lyre Of Orpheus“ gab ihm Recht, auch seine Zweitband Grinderman, sowie mehrere Projekte abseits der Musik sprechen für Caves These.

„Das war alles wichtig für mich. Wichtig, weil es neue Wege eröffnete. In den Achtzigern half mir die Schriftstellerei, diesmal war es das Medium Film. Genauer: ‚The Proposition’“, erklärt er und wirkt sichtlich erleichtert. Sein 2005er Drehbuchdebüt mutierte zu einem derben Wester-Movie, der nicht nur kommerziell einigen Erfolg verbuchen konnte, sondern obendrein auf der Berlinale für Aufsehen sorgte.

Geprägt von drückend-düsterer Brutalität, scheint der Streifen unweigerlich sein aktuelles, vierzehntes Album „Dig, Lazarus, Dig!!!“ beeinflusst zu haben. Er erklärt:

„Dem kann ich weder zustimmen, noch entgegentreten. Aber darum geht es nicht, inwieweit mich der Film oder auch Grinderman inspiriert haben. Meine neuen Songs leben viel mehr von verschiedenen Geschichten.“

Die Bedeutsamste reicht zurück bis in seine Kindheit. Wir befinden uns im australischen Warracknabeal, Anfang der sechziger Jahre. Während Caves Eltern nach der Kirchenmesse noch ein paar Worte mit dem Pfarrer plaudern, befindet sich ihr blutjunger Sohnemann brav in der Sonntagsschule und starrt wie hypnotisiert auf ein Bildnis von Lazarus:

„Diese Figur wird im Johannesevangelium durch Jesus Hilfe von den Toten auferweckt und gräbt sich aus dem Boden heraus, um leben zu können. Religion hin oder her, dass war damals echt beeindruckend für mich!“

Musikalisch bewirkte es dieser Tage, dass Nick Cave schonungslos offen mit seiner Poesie umgeht. Seine neuen Lyrics bezeichnet er als „anti-autobiographisch“ und setzt damit die Fiktion an die Stelle emotionaler Offenbarung.

„Die Songs sind durchdrungen von der Vorstellung, alles thematisieren zu können. Nicht nur mich, sondern auch religiöse Figuren, Gangster-Szenerien oder gar Marilyn Monroe. Meine Jungs von den Bad Seeds waren von dieser Herangehensweise begeistert und meinten: ‚Nick, das müssen wir unbedingt mit kräftigen Melodien untermalen!’“

Und schon waren die Koordinaten abgesteckt. Urbaner Blues, raue Gitarren und exaltierte Experimentierlust dominierten die Sessions zu „Dig, Lazarus, Dig!!!“.

Herausgekommen ist ein Ergebnis, dass den Schöpfer selbst überrascht:

„Es gibt eine eigenartig schöne Kluft zwischen den Eingeweiden dieses Albums, welche aus Akustikgitarrre, Bass und Schlagzeug bestehen, und den extrem aufgeladenen akustischen Dissonanzen, die wir drübergelegt haben.“

Schlussendlich vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Nick Cave hat ein Mittel gegen die Seelenpein und einen Weg heraus aus der kreativen Sackgasse gefunden. Stark genug, um kurz vor dem Abgrund umzukehren. Eine gar umwerfende Performance!

Aktuelles Album: Dig, Lazarus, Dig!!! (29.02., Mute / EMI)
© 01. März 2008  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth
März 2008

Links

suche