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SPYRITUAL - Melancholisch schön

Irgendwie süß. Man glaubt ja gar nicht mehr, dass so was heutzutage überhaupt noch funktioniert. Der klassisch-naive Weg für einen ambitionierten Künstler führt doch schon lange nicht mehr über den Weg des Demoversandes. Die Zeiten, in denen man sich bei Plattenfirmen die Mühe machte – und die Zeit hatte – unaufgefordert eingeschicktes Material zu sichten, sind zum größten Teil vorbei. Heute braucht man als Newcomer schon etablierte Fürsprecher, bis sich ein A&R mal (höchstens) fünf Minuten Zeit nimmt, um ein paar Tracks anzuspielen. Schon für das Demo muss man sich einen angesagten Produzenten leisten, der spricht beim Label vor, weil er mit einer Arbeit gerne zwei Mal verdienen will usw. Wie schön, dass das bei Kitty-Yo offensichtlich – zumindest manchmal – anders ist.

Denn Kitty-Yo-Chef Raik Hölzel hat die Post aus Helsinki mit ihm unbekanntem Absender einfach aufgemacht, die CD eingelegt und die Band unter Vertrag genommen. Das erste Lebenszeichen dieser neuen Verbindung war Ende 2004 ein Track auf der Jubiläums-Compilation „Team Kitty-Yo“ zum 10. Geburtstag der Wiege solch wegweisender Acts wie Tarwater, Surrogat, Kante, Peaches oder Gonzales. Die leicht-beschwingte und doch schwerfällig groovende Jazz-Skizze fügte dem stets wachsenden Künstlerkatalog eine noch fehlende Downbeat-Seite hinzu. Unter Jazz im weitesten Sinn firmierten hier bisher Louie Austen (Stimme) und Jimi Tenor (Humor). Jetzt kommen noch die Finnen Juha Tuukkanen und Terhi Koivisto dazu: Spyritual (Atmosphäre). Dass gerade Juha heute ein Teil der skandinavischen Downbeat-Jazz-Szene ist, ist gar nicht so ohne weiteres nachzuvollziehen.

„Ich habe schon früh angefangen, eigene Musik zu produzieren. 1991, mit zwölf Jahren, war ich schon Teil der Technoszene in Helsinki. Techno war nach 1989 schnell eine richtig große Sache in Finnland und es fanden überall Raves statt. Die Szene in Helsinki war schon damals recht klein und sehr bunt. Meine ersten eigenen Sachen waren schräge Electro-Spielereien und später bin ich dann voll auf Drum & Bass umgestiegen. Meine Tracks sind bei finnischen und britischen Labels erschienen. Aber es war nie nur meine eigene Musik, ich habe immer mit anderen Leuten zusammengearbeitet. Bei Spyritual handelt es ich zum ersten Mal nur um meine eigenen Sachen.“
Bei Spyritual findet sich die klassische Arbeitsteilung Mann macht Musik, Frau singt, wieder. Doch dass aus Spyritual eine so vom Gesang geprägte Band werden würde, war anfangs noch gar nicht geplant.
„Ich hatte mit einem Freund schon einige Zeit ein paar Tracks produziert und wir suchten dafür eine Sängerin. Er stellte mir Terhi vor und wir unterhielten uns viel über Musik. Dabei spielte ich ihr dann auch Sachen vor, die ich nebenbei ganz alleine produziert hatte und die gefielen ihr besonders gut. Das war offensichtlich genau die Musik, zu der sie singen wollte. Also spannte ich Terhi kurzerhand aus dem ursprünglichen Projekt aus und wir begannen, zusammen zu arbeiten. Terhi ist auch mittlerweile weit mehr, als nur die Sängerin bei Spyritual. Sie spielt auf dem Album auch Instrumente und singt nicht nur Texte, die ich ihr vorgebe, sondern immer mehr auch eigene Sachen. Es ist also nicht so, als hätte ich sie nur zum Singen angestellt.“
Wenn man an die skandinavische Jazz-Szene denkt, fallen einem vor allem Namen berühmter Norweger wie Bugge Wesseltoft oder Nils Petter Molvaer ein. Der Sound von Spyritual hebt sich gegen die etablierten Crossover-Konzepte jedoch ziemlich ab. Bestimmt vor allem, weil Juha Tuukkanen keine musikalische Ausbildung hat und sich dem Jazz vom Club aus genähert hat, und nicht umgekehrt. Oder ist es auch etwas typisch Finnisches, was man auf „Wall Of Soul“ raushört?
„Ich glaube schon, dass man sagen kann, dass Spyritual etwas typisch Finnisches hat. Es ist nur sehr schwer, zu sagen, was es genau ist. Natürlich haben Terhi und ich und auch die Leute, mit denen wir für die Horn-Arrangements zusammengearbeitet haben, intensiv mit finnischer Musik befasst und wenn man sich damit auskennt, kann man einzelne Elemente auch bei Spyritual wiederfinden. Für Nicht-Finnen ist das allerdings kaum zu erkennen. Ich glaube eher, dass es diese sehr eigene Form von Melancholie in unserem Sound ist, die man vielleicht als typisch finnisch bezeichnen kann.“

Aktuelles Album: Wall Of Soul (Kitty-Yo/Intergroove)
© 01. Oktober 2005  WESTZEIT ||| Text: Dennis Behle
Oktober 2005

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