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The Notwist - 1+1≠2

Es wird nicht so schlimm wie bei der letzten Blumfeld, aber es gibt wieder einen Grund, endlose Diskurse und Dispute in Plattenläden, Zeitungen und Cafés zu veranstalten: The Notwist haben eine neue Platte.
Zum Glück ist es auch wieder eine komplexe. Eine, an der man die seit Jahren laufende Pflichtdiskussion um die seltsamen Brüder aus Weilheim und deren sperrige Philosophie getrost weiterführen kann. Kontraste erschaffen, Harmonisches mit Kantigem abwechseln, Großes klein arrangieren, schöne Melodien bewusst nicht ausschlachten, und vor allem immer neue Einflüsse und Elemente aus scheinbar fernen Musikstilen einbeziehen, aber trotz Anti-Pop-Attitüde manchmal wie die Pet Shop Boys klingen – das ist das Spannungsfeld, auf dem sich The Notwist bewegen.

Und zu einer Auseinandersetzung damit laden sie auf ihrem neuen und fünften Album Neon Golden sogar ausdrücklich ein. Dass sie die Konfliktfülle ihrer Musik zelebrieren und den Hörer zu einer Konfrontation geradezu drängen, verdeutlicht gleich das erste Stück „One Step Inside Doesn’t Mean You Understand“ - einer der sowohl inhaltlich als auch musikalisch eher unzugänglicheren Songs. Was er symbolisiert, und was es sonst noch zu verstehen und missverstehen gibt, erzählen die Chefs Micha und Markus Acher während ihrer Promotour in Köln.

Markus: Der erste Song ist ja kein typischer Pop-Anfang, und er soll als Statement angesehen werden: Es ist nicht alles so einfach. Ihr versteht nicht alles. Wir werden es Euch nicht leicht machen. Warum nicht? Weil alles nicht leicht ist. Unser Leben. Pop basiert auf der einfachen Rechnung 1+1=2, alles geht gut und geordnete Wege. Das hat nichts mit dem Leben zu tun. Man projiziert bloß etwas drauf, Kunstfiguren, die es im Alltag nicht gibt. So verstehen wir uns nicht. Das hat mit der alten Hardcore-Message zu tun: Das Scheitern ist ein Teil des Lebens. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Songs auf Neon Golden durchgängig unwegsam sind. Mit Trashing Days und Pilot, den ersten Auskopplungen des Albums, servieren The Notwist beispielsweise zwei harmonische Elektro-Popsongs, wie sie die frühen Pet Shop Boys nicht besser hätten schreiben können. Micha: Das ist das Songwriter-Ding. Notwist wollen eine Stimme haben, mit der Persönliches vermittelt wird. Wir legen Wert auf eine homogene Linie. In dem Sinne ist es Popmusik, und nicht ein Verfangen in Experimenten. Markus: Mit jeder unserer Bands verfolgen wir eine Idee. Mit Notwist sind es richtige Songs. In anderen Bands (Console, Tied & Tickled Trio) gibt’s dann schon mal 5-minütige Saxophon-Solos. Auf Neon Golden besteht unser Spannungsfeld aus poppigen, melodiösen Stücken, die wir aber nicht glamourmäßig arrangieren. So etwas entspräche nicht unserem Naturell. Wir arbeiten gegen den Pop-Pathos. Wenn wir zum Beispiel einen schönen Song haben, den man breit arrangieren könnte, dann nehmen wir das Große lieber zurück und arrangieren es sperrig. Dazu haben Notwist das klassische Bandkonzept Gitarre-Bass-Schlagzeug dieses mal in den Hintergrund gestellt und sich auf andere Elemente konzentriert. Schon bei der letzten Platte Shrink war ein verstärkter Umgang mit Jazz und Elektronik zu hören, der nun mit Blues-, Soul- und Reggaeelementen angereichert wurde. Markus: Die Elektronik hat einen wichtigen Platz eingenommen. Die Songs basieren auf Elektro-Prinzipien; Streicher, Keyboards und Percussions. Zusätzlich haben wir all das, was uns im Laufe der Zeit beeinflusst hat – Ideen oder Platten, die wir gekauft haben – gesammelt und verwertet. Wir suchen ständig nach neuer Musik, die uns begeistert. Plötzlich verstehen wir das Vokabular eines bisher fremden Stils und merken, dass man davon was gebrauchen kann und lassen das in unsere Songs einfließen. Das ist erst mal genug Diskussionsstoff.

Aktuelles Album: Neon Golden (City Slang/Virgin)
© 10. Januar 2002  WESTZEIT ||| Text: Kristina Koch
Januar 2002

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