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TORI AMOS - Frauen-Power!

Eigentlich ist sie ein Familienmensch. Liebe- und Gefühlvoll. Manchmal hält sie es auch für sinnvoller, sich in Interviews einfach über Banalitäten zu Unterhalten. Dann widerum gib es knallharte Statements. Das aktuelle Album nun bietet 12 von Männern verfasste Titel, umarrangiert zur Sichtweite von 13 fiktiven Frauen.
"Natürlich sind die Songschreiber die Mütter der Songs, das musste ich akzeptieren. Aber die Definition ist eine andere. Nehmen wir `Heart Of Gold´von Neil Young. Ein Mann definiert ein goldenes Herz anders als eine Frau! Er hat andere Vorstellungen, denkt vielleicht an eine Hausfrau. Das musste ich verstehen lernen, und es funktionierte." Tori Amos gibt sich sehr entspannt und zuvorkommend. Als es im Atlantic Hotel an der Hamburger Außenalster zu laut wird, schnappt sie das Diktiergerät und wechselt zu einem ruhigerem Platz über. "Ich kann nicht alle Charaktere sein. Die elf Frauen und das weibliche Zwillingspaar muss ich auch nicht notwendigerweise alle mögen!" Diese 13 Charaktere stellen die verschiedenen Cover dar, keinesfalls spielten kommerzielle Überlegungen hier eine Rolle. "Ich wollte nicht eine einzige Rolle, die das Gesamtwerk dann repräsentiert. Die Beatles hatten auf `Let It Be´vier Persönlichkeiten, ich habe eben mehrere verschiedene." Auf der Bühne mag Tori nicht in diese Charaktere schlüpfen, so wie es beispielsweise David Bowie bei Ziggy Stardust aufführte. Die Neuinterpretation von Tom Waits´ "Time" ist zu einer besonderen Nummer geworden. "Ich war am 11.09.2001 in Manhattan, um meine Tochter zu sehen, als die Flugzeugattentate passierten. Ich sollte in einer Fernsehshow performen, änderte aber kurzfristig das geplante Programm. Ich entschied mich, spontan `Time´ zu spielen. Der Rock´n´Roll half mir, mit unseren Bussen dem Chaos zu entfliehen. Immer, wenn ich `Time´abermals spiele, habe ich dieses Szenario des Schreckens wieder vor Augen, dann bin ich abermals mittendrin. Die Angst kommt wieder hoch, die schrecklichen Bilder, Poster mit den sterbenden Menschen - alles ist Gegenwärtig. New York ist nun anders, aber mit `Time´ bin zurück in der Vergangenheit." Vielen anderen Menschen ergeht es sicherlich so, hören sie die Klänge von Enya´s "Only Time", dass von den Radio- und Fernsehstationen zur Berichterstattung des Unglückes permanent eingesetzt worden war. "Den Song `Pretty Good Year´ spiele ich live nun mit einer geänderten Titelzeile. Wie könnte ich nach so einer Tragodie von einem `pretty good year´ singen?"

Die Musiker auf "Strange Little Girls", Tori´s sechstem Album, sind allesamt männlichen Geschlechts. Warum? "Ich caste nach Können, nicht nach Geschlecht. Matt Chamberlain, er trommelte für Macy Gray, ersetzt zur Zeit den erkrankten Butch Vig bei Garbage, ist einer der besten Drummer der Welt. Ich arbeitete mit vielen wunderbaren Musikern." Adrian Belew spielte seine Gitarre bei David Bowie, King Crimson, den Talking Heads immer so, als wäre sie eine singende Möve. Auf "Strange Little Girls" ist sein urtypischer Sound nicht zu erkennen. Gab es musikalische Anweisungen? "Nein, ich sage den Musikern nicht, wie sie spielen sollen. Sie müssen ihre Sounds selbst entdecken, kombinieren. Adrian spielte das, was die Musik für ihn darstellte. Jeder hat seine eigenen Krokodile im Kopf!"

Das Album enthält, neben besagtem Tom Waits, lediglich Joe Jackson als Urheber typischer Piano-Lieder. Die anderen Arbeiten entsprangen dem gemeinem Rock-Gefüge. "Ich hatte ursprünglich auch ein Werk von John Cale eingeplant. Sein wunderbares `Hallelujah´ verwarf ich dann jedoch, denn ich hätte es nicht mehr rechtzeitig realisieren können,war physisch fertig. Andererseits ist `Hallelujah´ von Leonard Cohen komponiert worden, nicht von Cale. Es wäre toll gewesen, wenn eine Frau es gesungen hätte. Ich sang bereits einen Cohen-Song für ein Tribute-Album, es war toll." Normalerweise pflegen KünstlerInnen in Interviews keine Statements über private Dinge abzugeben. Anders Tori Amos. "Ich weiss nicht mehr, was ich in den Gesprächen alles so erzählt habe, schliesslich waren es Hunderte. Meine Gefühle wechseln. Manchmal bringt es eben mehr, wenn man über Privates plaudert. Ausserdem bin ich unendlich Stolz auf meine Tochter, und ihr Vater ist für uns ein wundervoller Mensch. Ich bin eigentlich ein Familienmensch, fühle mich in ihrer Umgebung wohler. Natasha ist nun fast eineinhalb Jahre alt, sie reist mit, die Crew ist ebenfalls schon fast Familie für sie. So wächst sie mehrsprachig auf, ihre nächste Kontaktperson beispielsweise ist Latino, spricht spanisch." Die Aussagen über die Problematik des Popel-Entfernens bei kleinen Kindern sparen wir hier einmal aus, obwohl sehr kontrovers unter den Gesprächspartnern, jeweils Elternteil, diskutiert. Eine etwaige Publikation diesbezüglich verweisen wir an das Medium `Eltern´. Danke.

Aktuelles Album: Strange Little Girls (Atlantic Records / Eastwest)
© 10. Januar 2002  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe ||| Foto: Eastwest
Januar 2002

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