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TORI AMOS - Das Buch des Lebens

Macht, Kirche, Sünde, Sex, Gewalt, Familie und das Leben der Mütter bestimmen thematisch das neue Album von Tori Amos. Die großen Themen dieser Welt, Verkleidungen und Rollenspiele waren seit jeher ein Thema für die latent esoterisch angehauchte 45jährige Pianistin, Texterin, Sängerin.

Mit „Abnormally Attracted To Sin“ wollte sie nun gründlich erforschen, wie die Angst vor Verzweiflung das Leben kontrolliert. Amos wollte sehen, wie Macht funktioniert.

„Alles dreht sich um Macht. Machtmissbrauch. Manchmal ist man sich der Konsequenzen gar nicht bewusst.“

Es ging Amos nicht einmal um künstlerische Freiheit, die hat sie sich schließlich immer genommen. Sie wollte Fesseln sprengen. Dazu musste sie auch erst einmal ihre alte Plattenfirma abservieren.

„Manche Künstler schaffen es leider nicht, aus bestehenden Verträgen heraus zu kommen. Ich hatte einen sehr strengen Vertrag, und ich hatte einen cleveren Manager. Das hat es mir ermöglicht, den Kontrakt so zu egalisieren, wie ich es wollte. Ich kam heraus, wie aus einem zerbrochenen Ehevertrag.“

Langsam, fast bedächtig, erzählt Amos von ihren legalen Tricks, davon, dass die Rechte an ihrer Arbeit schließlich ihr gehören. Und wie sie in „geheimer Mission“ auf der „American Doll Posse“- Tour bereits an den Videos arbeitete, die nun einer Teilauflage von „Abnormally Attracted To Sin“ als DVD beiliegen. Sechzehn kleine visuelle Werke hatte Regisseur Christian Lamb „on the road“ mitgeschnitten, und er hat sie auch später nicht synchronisiert. Diese „Visualettes“ zeigen das Leben der Künstler im Verlaufe der Tour, gleichzeitig wurden sie kurze Filme zu den Songs des neuen Albums.

„Sie sind nicht notwendigerweise Musik-Videos. Vielmehr ist das Ergebnis ein ruhiger Film, der im Super8-Format aufgezeichnet wurde. Ähnlich wie in den 20er, 30er Jahren. Damals wurden die Dialoge auf dem Bildschirm mit Tafeln eingeblendet. So ließ ich die Songs ihre eigenen Stories erzählen...“

Amos, die von sich behauptet, nicht sie spiele das Klavier, „sondern das Piano spielt mich“ (O-Ton: „The Piano plays me. I don´t play her. She plays me... “), mag von den Stücken des Albums keines hervorheben.

„Vielleicht ist tatsächlich ein Song wichtiger als ein anderer, aber ich möchte ihnen gleichermaßen meine Liebe schenken, keine große Eifersucht unter die Lieder tragen. Ich möchte sie fair behandeln, jedem individuell eine Chance geben. Unterschiedliche Leute werden verschiedene Gründe haben, diesen oder jenen Song zu lieben. Ich als Privatperson sehe das auch wieder anders denn als Komponistin... .“

So wählen wir wertfrei „Maybe California“ aus, um den Inhalt zu kommunizieren.

„Der Song handelt von einer überforderten Mutter, die Selbstmordgedanken in sich trägt. Es könnte zu einer Tragödie kommen... Aber auch zur Rettung, wenn diese Mutter sich überwindet, oder eine andere Mutter ihr die Konsequenzen nahelegt.“

Den Einwand, der Titel sei etwas stark sentimental geraten, möchte Amos entkräften.

„Eine Mutter mit Selbstmordgedanken ist halt kein Thema für einen glamourösen Song. Und wenn sie dann Zusammenbricht, ist es eher wie ein Horrorfilm.“

Tori Amos behandelt den männlichen Verfasser dieser Zeilen im Gespräch sehr zuvorkommend. Als die halbe Stunde Interviewzeit abgelaufen ist, erkundigt sie sich abermals, ob auch wirklich keine Fragen offengeblieben sind. Dennoch: Amos setzt sich dezidiert für die Souveränität der Frauen ein. Wichtig und Richtig! Sie ist der Meinung, Müttern wurde seit jeher diktiert, was Sünde für eine Frau zu sein hat. Sie gibt zu bedenken, welche Folgen es hat, wenn der Mann nicht mehr der Ernährer ist, oder sein kann. Welche Auswirkungen das für die Familie, für das Schlafzimmer hat. Diese Thematik könnte kontrovers diskutiert werden, klar. Aber sie sollte konstruktiv, mit mehreren Sichtweisen geführt werden...

Aktuelles Album: Abnormally Attracted To Sin (Universal)
Weitere Infos: www.toriamos.com/
© 01. Juni 2009  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe ||| Foto: Karen Collins
Juni 2009

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