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DIRTY PROJECTORS - Das Spiel wider besseres Wissens

Es ist einer der ersten sonnigen Nachmittage dieses Jahres und Dave Longstreth freut sich über seinen „second wind“. Morgens sah das noch anders aus, da war alles grau, da war er geschafft von der Fliegerei und wollte weder denken noch reden. Aber nun ist er wieder munter und von dem Unterwegs- und Dasein geflasht. Mit Campingstühlen in der Hand geht es raus an die Luft, in die Sonne und auf den Bürgersteig vor dem Domino-Office in Berlin, um „Bitte Orca“ zu erklären.

„Ich habe bei dem Titel nicht daran gedacht, mit diesen beiden Worten den Sound des Albums zu beschreiben.“

Dafür weiß Dave den Sound und die Art seiner Musik selbst viel zu wenig mit Worten zu beschreiben und in klassische Genres einzuordnen. Dafür weiß er zu wenig, was er da eigentlich macht. Obschon er das Mastermind dieses musikalischen Experiments namens Dirty Projectors ist und obgleich er Komposition (zu Ende) studiert hat. Sein Weg, diese kreative Freiheit als musikalischer Alleinherrscher und das betonschwere Wissen eines theoretischen Ansatzes für sich zu nutzen, ist, diese Umstände gänzlich zu ignorieren.

„Wenn du viele Regeln und Einschränkungen in deinem Kopf hast, während du Musik machst, ist das nicht gut. Natürlich lernt man genau diese Dinge in solch einem Studium. Aber es geht ja am Ende des Tages immer nur darum, wie man dieses Wissen einsetzt. Das ist wie mit Erfahrungen, die man im Leben macht. Die helfen dir nicht weiter, wenn du nicht weißt, in welcher Situation und auf welche Weise du das, was du aus ihnen gelernt hast, anwenden kannst. All das ist ein sehr sensibles Spiel.“

Ein Spiel, bei dem der Zufall eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen scheint. Denn Dave fasst hierbei nahezu blind in einen Kessel Buntes, um aus diesem musikalischen Lotteriegut eine Kette zu knüpfen. Aus der Ansammlung kleiner Ideen ergibt sich aus den Puzzleteilen etwas Ganzes. Ein Spiel, das so intuitiv wie ein bloßes Brainstorming Vorhandenes aus der Verborgenheit auf den Tisch bringt und dieses dann mit viel Fingerspitzengefühl und entgegen musikalischer Erfahrungswerte in neue Beziehungen setzt.

„Ich mag Musik, die in seiner Idee aus zwei völlig unterschiedlichen Parts besteht, die für sich genommen nicht funktionieren, total hohl klingen und nichtssagend sind, aber in ihrer ganz bestimmten Zusammensetzung dann eine Melodie und ihren ganz neuartigen Sinn ergeben.“

Wie Bitte, Orca!? Ja, denn auf diesem Album wächst zusammen, was nicht zusammengehört. Auf verschiedene Arten und Weisen versöhnen sich hier Gegensätze, weil nicht immer mit den gewohnten Ansätzen gespielt wird.

„Ohne neue Ausgangsperspektiven wiederholt man sich wie ein dummes Arschloch.“

So ist es im Falle von Dave mal eine Gitarre in der Hand, mal ein Spuren-Wirrwarr auf dem Rechner, mal eine hirnverbrannte Idee in seinem Kopf, die ihn weiterbringt.

„Der Zufall würfelt dann bei mir immer ganz viel auf den Punkt. Das ist der große Vorteil, wenn du mit dem Computer arbeitest. Mit dem ist technisch irgendwie alles möglich und konstruierbar, aber es passieren auch so viele ungeplante und unvorhersehbare Dinge, die man so nicht hätte konstruieren können. Du nimmst ins Blaue hinaus auf, setzt es zusammen, drehst und wendest es und es ergibt sich durch ein Missgeschick etwas daraus, was du gar nicht für möglich gehalten hättest.“

Musik wird im klassischen Sinne anders gemacht. Seit Jahren. Deshalb wird es Zeit, dass man öfter mal denkt und handelt, wie Dave. Genauso wie er da im bunten Gartenstuhl in der Sonne sitzt und aus heiterem Himmel loslacht. Laut und aus voller Kehle. Wahrscheinlich weiß er selbst nicht, warum er das macht. Aber darum geht es ja auch nicht. Hauptsache ist, dass er es tut.

Aktuelles Album: Bitte Orca (Domino / Indigo)
© 01. Juni 2009  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister
Juni 2009

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