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YELLO - Ohne Schönheits-OP

Es wäre eine eher ungewöhnliche Umgebung, aber wenn man zwei stilprägende Musiker treffen kann, ist jeder Interviewtermin recht. Sogar, wenn das Gespräch während der Autofahrt zum Flughafen stattfinden muss. Was den eingebildeten Vorteil hat, dass sich sowohl Interviewer wie Interviewte kurz und prägnant auszudrücken haben.

Boris Blank probt in einem Westberliner Studio mit den für die anstehenden (zählt man den legendären "Roxy"-Auftritt 1983 nicht mit, tatsächlich ersten) Live-Konzerte engagierten Bläsern, also plauderte ich vor einer jener 70er-Jahre-Bausünden schon mal mit dem auch gerade eingetroffenen Dieter Meier über Architekturaneignung, Alfred Schnittke und Einreiseerfahrungen auf US-Flughäfen (ein gerauntes “Oh yeah!” öffnet ihm dort noch heute manche Tür). Dann kommt Blank mit einem Bündel Papier aus dem Haus (“Hier Dieter, Deine Noten für den Auftritt!”), lobt nochmal die Qualität der Bläser und schon sitzen wir im Auto.

Dieses Hin und Her bei der Terminfindung - ist das die alte Partisanenstrategie "immer in Bewegung bleiben" oder seid auch ihr nicht immer Herr eurer Zeit?

DM: „Das ist doch das Schönste - in seinem Metier tätig zu sein. Die absurdeste Frage, die man uns stellen kann, ist, ob wir uns vorstellen können, in Rente zu gehen. Für Boris ist das Studio das Sauerstoffzelt in dem er überhaupt erst richtig zum Leben kommt. Es ist überhaupt keine Frage, dass wir immer aktiv bleiben werden in dem was wir machen.“

Und die Musik ist noch immer das Wichtigste?

DM: „Absolut. Vielleicht nicht quantitativ, aber qualitativ. Yello ist noch immer das geistige Zentrum meines Artistendaseins. Auch wenn ich inzwischen auf andere Dinge mehr Zeit verwende: Yello ist nach wie vor meine große Göttin.“

BB: „Musik ist mein Leben, das einzige was ich wirklich kann. Udo Jürgens meinte ja: Alles, was ich sagen will, sagt mein Klavier. Meine Welt ist einfach Musik, Klang, Geräusche vor allem.“

Stimmt das Klischee vom fleißigen Studioarbeiter und dem Hedonisten, der dann - mehr oder weniger vorbereitet - kommt und die Texte beisteuert?

DM: „Unvorbereitet stimmt natürlich nur bedingt. Wenn Boris mir seine wunderbaren Klangbilder vorlegt, höre ich die 50, 60, 70 mal an und improvisiere dazu. Plötzlich entstehen dann Stimmungen und Bilder. Wenn ich die Szene gefunden habe, fallen mir die Melodien und Texte sehr schnell zu. Es ist also tatsächlich ein wenig so, wie Du es beschrieben hast. Diese Arbeitsteilung hat ihre guten Seiten. Ein "normaler Sänger" einer Band würde ja verrückt, wenn er 5 Jahre lang kaum etwas hört, was der Partner macht. Aber mir macht das nichts aus, weil ich ja als chinesischer Tellerjongleur die verschiedensten Teller am Rotieren halte. Wenn Boris etwas zum ersten Mal vorspielt, dann ist das meistens von dem Satz begleitet ´Dieter hast Du mal schnell Zeit?´ Er will das dann bewusst herunterspielen, als sei das leicht hingeworfen..“

Kommt es Eurer Arbeitsweise entgegen, dass sich die Schnittstelle zwischen Mensch und Instrument mit dem technologischen Fortschritt verändert, visueller wird?

BB: „Das spielt überhaupt keine Rolle. Damals habe ich mit 4"-Bändern gearbeitet, heute ist das mit einer Sampling-Maschine, die ich hier in meinem iPhone drin habe, sicher anders. Aber der Weg zu dem Stück ist eigentlich genau derselbe wie vor bald 40 Jahren.“

Ich habe in verschiedenen Stücken von ´Toy´ deutliche Anklänge an Stimmungen und Sounds von "Stella" gefunden.

DM: „Da hast du absolut recht und ich glaube auch, dass das musikalische Gesicht, wenn es mal geformt ist, nur schwer zu verändern ist. Es sei denn, man macht einen plastischen Eingriff.

´Toy´ ist ja gerade kein Selbstzitat, nicht der Versuch, alte Erfolge mit iPhone-Technik...”

DM: .“..aufzuwärmen.“

Es ist eine Tatsache, dass ihr viele Musiker beeinflusst habt, nehmt ihr das wahr?

DM: „Es gibt Leute, die sich explizit auf Boris Blank beziehen. Ich weiß nicht, ob er das unmittelbar hört.“

BB: „Das ist wirklich interessant. Ich habe neulich Musik gehört von John Grant. Ich stehe total auf das, was der macht, aber wirklich total. Und jetzt habe ich herausgefunden, dass der ein absoluter Yello-Fan ist. In seiner Musik ist etwas da, das mir sehr gut gefällt und der sagt, ihm gefällt Yello. Also muß da schon irgendeine Verwandtschaft vorhanden sein.“

Schwupp, schon ist Tegel erreicht. Meier ruft zum Abschied: “Das nächste mal fahren wir nach Paris, da haben wir mehr Zeit!”

Sehr gern - bis dahin: Guten Flug!

Aktuelles Album: Toy (Universal)
© 01. November 2016  WESTZEIT ||| Text: Karsten Zimalla ||| Foto: Helen Sobiralski
November 2016

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