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LAMBCHOP - Alles zurück auf neu!

Nach mehr als zwei Dekaden wagen Lambchop den Neustart. Über Grenzen hinweg, die es bislang nicht zu überschreiten galt: „Country oder Folk mit elektronischen Elementen zu vermischen, ist nicht unbedingt dass was die Leute von uns erwartet hätten“, erklärt die Band aus Nashville/Tennessee und entschied sich das elfte Studiowerk ´Flotus´ mit genau dieser Mixtur auszustatten. Ein Wagnis, das die sonst wohl gesonnene Hörerschaft schlimmsten Falls vergraulen könnte - wobei das Risiko zugleich eine Chance darstellt: Lässt man sich auf das Experiment ein und tritt Frontmann Kurt Wagner offen gegenüber, ergeben sich Einblicke ins Schaffen einer Formation, die bislang kaum möglich waren.

Ob das Ganze etwas mit dem Remix-Album von Bill Callahans letzter Platte ´Dream River´ zu tun hätte, sieht sich Kurt Wagner nur wenige Augenblicke nach der Begrüßung gleich der ersten Fragen gegenübergestellt. Das Lächeln unter der gewohnt lässig getragenen Bassball Cap verrät die Antwort schon ein wenig:

„Mich spornte das an: Einen Musiker auf diese Weise zu erleben, der sonst weniger für elektronische Sound bekannt ist. Wobei es nicht die Initialzündung zu den neuen Songs war, aber aufschlussreich was die Funktionsweise anbelangt.“

Doch der Reihe nach. Seit mehr als zwei Jahrzehnten gelten Lambchop als Ausnahmecombo und haben im Prinzip leichtes Spiel mit ihren Alben: Fast jedes erklimmt die Bestenlisten der einschlägigen Magazine und sahnt beim Publikum ab. Ein leichtes Unterfangen also, den gewohnt erfolgreichen Trademark-Sound immer und immer wieder durchzuspielen.

Kurt Wagner durstete es nach mehr: Angefixt von seiner großen Vorliebe für amerikanischen Hip Hop begab er sich vor den Aufnahmen zu ´Flotus´ auf die Suche nach neuen Elementen – solchen, die zum meist im Country beheimateten Songwriting passen und nicht plötzlich alles komplett anders machen.

Gesucht, gefunden. Mit verspieltem Dub, Samples und jede Menge Eigensinn traf er im Studio auf seine Kollegen und brauchte zum Erstaunen aller Anwesenden nicht lange, um die Band auf diese Herangehensweise einzustimmen. Wie von selbst seien die Tracks entstanden und kaum eine Diskussion nötig gewesen.

„Man darf nicht vergessen“, so Wagner weiter, „dass die Instrumente sonst das alleinige Hoheitsrecht haben – nun sollten sie auf einmal Platz einräumen und genau das kann für Musiker am eigenen Ego kratzen: Von einer Maschine ersetzt zu werden. Daher war ich auf lange Debatten eingestellt, die aber gar nicht nötig waren.“

Wobei seine Frau – die Wagner als größte Kritikerin bezeichnet – anfänglich mit dem Ergebnis nicht wirklich zufrieden war.

„Anfänglich!“, stellt der Ehemann klar. „Nach einer gewissen Anlaufzeit verstand sie meine Herangehensweise und fand Gefallen an den Demos. Da war für ich klar, ‚Flotus’ kann nur so oder gar nicht veröffentlicht werden.“

Vielleicht wirkt Kurt Wagner deswegen tiefenentspannt. Das Wichtigste sei nämlich gar nicht die Reaktion allein, sondern die Tatsache, dass nach solch langer Zeit eine Band wie die seine keineswegs auf irgendwelche Genres festgelegt sein muss. Ganz im Gegenteil: Experimente kommen sich mit der Historie hörbar nicht in die Quere.

„Wie manch Journalist schon meinte: Warum nicht einfach ein weiteres Lambchop-Album im gewohnten Stil raus bringen - schließlich wird es Live nun schwieriger das neue Material in eine Setlist einzufügen, wo die älteren Sachen etwas anders klingen. Aber rutscht man mit solchen Gedanken nicht schnell in eine Art Dienstleistungsdenken hinein?“

Fragt sich ein Songwriter, der mit ‚Flotus’ seinen zweiten Frühling erlebt. Ihn dafür zu kritisieren, ist fast unsinnig – den Tracks aufgrund ungewohnter Elemente aus Prinzip den Rücken zu kehren ebenso unfair, wie alles ungehört in den Himmel zu loben. Das weiß auch Kurt Wagner selbst:

„Alben sind immer Dokumente ihrer Zeit und das Ergebnis eines Entstehungsprozesses. Manchmal findet dies Gefallen, manchmal nicht und beeinflussen kann das sowieso niemand.“

Womit er Recht behält und zugleich ein passendes Fazit unter ein Album zieht, dass derart vielleicht Lambchops einziges bleiben könnte und doch beweist, dass keine Karriere der Welt nur nach ‚Schema F’ funktioniert.

Kurt Wagner kann uns ein Lied davon singen.

Aktuelles Album: Flotus (City Slang / Universal)
© 01. November 2016  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Elise Tyler
November 2016

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