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LAMBCHOP - Und jetzt: raus aus dem Schlamassel

Eine derart ereignisreiche Auszeit zwischen zwei Lambchop-Alben gab’s noch nie, und sie ist noch lange nicht vorbei: Das neue, zehnte Album der Band um Mastermind Kurt Wagner, „Oh (ohio)“, markiert keinen Neubeginn, sondern eine konsequente Fortsetzung. Die Erkenntnis: Es bewegt sich einiges, im positiven Sinne.

Für große Aufregung sorgte der Vorgänger „Damaged“ aus dem Jahre 2006:

„In kürzester Zeit wurden zwei Tumore im meinem Körper diagnostiziert und dank ärztlicher Hilfe, konnten beide behandelt werden“, erzählt ein heute mehr als gut aufgelegter Kurt Wagner und sieht kein Problem darin, über derart private Ereignisse ausführlich zu reden.

„Warum soll ich das verschweigen: Meine ganzen Songs drehten sich um das Thema Beschädigung. Es gibt halt diese Phasen, wo du denkst: Es geht nicht mehr weiter, ich kann das nicht mehr, wann wird es nur endlich aufhören? Selbst die vielen Menschen, die dir auf die Schulter klopfen und sagen: ‚Kopf hoch! Schau nach vorn!’, wissen nicht wovon sie sprechen. Gewisse Dinge kann man nicht einfach abhaken und dann zu Tagesordnung übergehen!“

Also klemmte sich der viel Gescholtene hinter sein Reißbrett und hielt all seine Erfahrungen auf Platte fest. Vor zwei Jahren war das die einzige Möglichkeit mit den Schicksalsschlägen umzugehen und irgendein Verhältnis dazu aufzubauen. Inzwischen scheint Wagner zum Glück aus dem Gröbsten raus – zumindest was seine Erkrankung betrifft. Man merkt es an seinen Texten, das etwas passiert ist.

„Ich sehe mein Leben nach der Krankheit in einem anderen Kontext“, erklärt er aufrichtig. Es sei kein Geschenk Gottes – „aber weit mehr als nur irgendetwas, dass wir als selbstverständlich ansehen sollten!“

Konsequenterweise untermalt dies sein neues Album mit Lambchop mehr als deutlich: Die Songs auf „Oh (ohio)“ feiern das menschliche Dasein, freilich nicht mit Pauken und Trompeten, jedoch gänzlich positiver als der Vorgänger „Damaged“.

In den letzten Jahren hat sich nicht nur privat einiges im Hause Wagner geändert, auch musikalisch fühlt sich der Lambchop-Vorsteher kompletter denn je:

„Was ich früher manchmal für überflüssig betrachtet habe, steht dieser Tage deutlich mehr im Vordergrund: Die Texte in meinen Liedern. Auf den ersten Alben Mitte der Neunziger wollte ich mich als Musiker austoben und probierte viele Dinge aus – Jazz-, Soul- oder schlichtweg klassische Pop-Songs zu schreiben.“

„Mit meiner Krankheit erkannte ich die Kraft der Worte, auch im Lambchop-Kosmos und konzentrierte mich mehr darauf. Es geht mir auch heute noch darum, Dinge auf Papier zu bringen, die nicht nur dazu da sind, dass meine Jungs und ich die Melodien hinzufügen können.“

Gutes Stichwort, denn seine „Jungs“ sind ihm gerade bei der Arbeit an „Oh (ohio)“ besonders wichtig gewesen.

„Die Mischung macht es momentan aus: Es sind Leute dabei, die meine Kinder sein könnten und viel Anteil daran haben, dass ich auch mal raus gehe und nicht nur in meiner Wohnung verharre,“ erklärt der in Nashville/Tennesse lebende, ein halbes Jahrhundert alte und möglicherweise verlässlichste Songwriter unserer Zeit. Dabei wirkt er zufrieden und scheint mit sich selbst im Reinen.

Vielleicht ist die neue Platte seiner Band Lambchop auch deswegen ein Pop-Statement, weil sich alles andere viel zu dunkel anfühlen würde – Kurt Wagner:

„Der Grund liegt ganz einfach darin, dass ich einen Gegenentwurf zum Vorgänger und zu der schlimmen Zeit in meinem Leben entwerfen wollte: Auf der einen Seite zu sagen: Hey, es geht immer weiter, und andererseits zu betonen, dass ein Happy End keine Garantie ist!“

Klingt insgesamt aber schon nach „Ende gut, alles gut“. Nicht ein Beitrag wirkt schwerfällig oder ausweglos deprimierend, verstörend oder gar niedergeschlagen. Das ist kein Sarkasmus, denn davon hält Wagner nicht viel:

„Ein poppiges Album zu schreiben sollte nicht Teil ein schlechtes Scherzes sein. Es wäre ja total dumm, im Anschluss sich dermaßen selbst zu entlarven – wozu dann die ganze Arbeit davor?“

Die Melodie, der Moment, das Voranschreiten – Lambchop, die unermüdlichen Sucher nach dem Heiligen Gral des perfekten Songs, sie wissen was ihnen wichtig ist, was nützt und was nicht. Höchst unterhaltsam und verspielt wirkt die Band auf „Oh (ohio)“; und rauscht mit einer Facettenreichtum die Straße entlang, dass einem ganz schwindlig wird!

Keine Füller, alles Killer. Sollte jemand also Lust auf Gute Laune haben – diese Band hat genug davon in Petto und transportiert sie in ihrer Musik. Ein viel zu seltenes Gut heutzutage: Kurt Wagners Optimismus.

Aktuelles Album: Oh (Ohio) (CitySlang) Vö: 04.10.
© 01. Oktober 2008  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Michael Schmelling
Oktober 2008

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