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BEN FOLDS - "Freistil ist mein Lieblingsstil!"

Selbst der eingefleischte Fan wollte nicht mehr recht an die Rückkehr zu den alten Tugenden glauben: Drei Jahre nach seinen bitter-melancholischen „Songs For Silverman“ erscheint nun mit „Way To Normal“ ein ebenso rockendes wie leichtfüßiges Album aus dem Hause Ben Folds. Ungewohnt zwar, aber längst keine Überraschung – wenn wir mal ehrlich sind.

Für den ehemaligen Vorsteher der Ben Folds Five ist das Leben seit den späten Neunzigern ein Zuckerschlecken, zumindest was das Finanzielle anbelangt.

„Dank der Hit-Single ‚Brick’, die ich mit den Ben Folds Five damals veröffentlicht hatte, läuft meine Musik auch heute noch auf allen Radiostationen in Amerika. Zwischen Britney Spears und Beyoncé, bizarr!“

Ein Wort, das wohl besser zu seiner Lebenslage vor fünf, sechs Jahren passt, als im Zusammenhang mit irgendwelchen Playlisten.

Obwohl Ben Folds ein waschechter Familienmensch ist, musste er bereits zwei Scheidungen wegstecken und erkannte in seiner Midlifecrisis die eigenen Fehler.

„Wenn du die Hälfte deines Lebens hinter dir hast, blickst du unweigerlich auf Vergangenes zurück und erkennst aus einem ganz anderen Blick-winkel, was damals abging.“

Solche Erinnerungen waren es, die Folds dazu bewegten, im Jahre 2005 mit seinem Album „Songs For Silverman“ die eigene Geschichte aufzuarbeiten.

Rein optisch wirkt er heute, drei Jahre später, nicht älter oder desillusionierter. Kaum Falten, keine erkennbaren Ermüdungserscheinungen und ein erstaunlicher innerer Antrieb, der ihn mit der gleichen Intensität über seine Musik sprechen lässt, wie er es schon vor über einer Dekade in den Reihen seiner ehemaligen Band tat.

„Inzwischen kann ich allen Mittzwanzigern nur sagen: Habt keine Angst davor 40 zu werden, es ist toll!“

Aber warum denn das? Und warum so plötzlich?

„Nachdem die ganzen Gespenster verschwunden waren, ging es mir schlagartig besser und wie das bei einem Berg so ist: Wer die Spitze erreicht hat, kann auf dem Hintern wieder runterrutschen!“

Rasant wirken indes die neuen Songs auf Ben Folds drittem Soloalbum „Way To Normal“ – die der Tausendsassa freilich schneller als die Polizei erlaubt, eingespielt hat:

„Zwei Wochen und das Ding war komplett im Kasten. Diesmal gab es auch niemanden, der mir sagte, pack zwei, drei Balladen mehr drauf: Ich hab einfach in die Tasten gehauen und gut is’!“

Wer ihn in den letzten Jahren nicht aus den Augen verlor, weiß, dass das so nicht stimmen kann. Man denke nur an seinen Soundtrack für den Animationsfilm „Ab Durch Die Hecke“ – wo Folds gleich mehrere Monate im Studio herumtüftelte, „um den kleinen Zuschauern eine große Freude zu machen!“

„Das stimmt schon, ich bin ein ziemlicher Perfektionist. Anderseits meint meine Band, ich könne sehr gut loslassen, wenn’s die Songs weiterbringt. Ich glaube, dass war das wichtigste, was ich bei den Aufnahmen zu ‚Way To Normal’ gelernt habe: Die Dinge einfach laufen lassen und nicht alles bis ins kleinste Detail kontrollieren zu müssen.“

Sein Weg zurück zum Normalen vielleicht, den er hiermit erklärt hat. Wer kann sich bei Ben Folds schon sicher sein? Aber selbst wenn kein Wort in unserem Gespräch wahr wäre, für dieses Album gibt es keine schlechten Geschichten. „Way To Normal“ besitzt etwas, das im anstrengenden Pop-Betrieb so leicht verloren geht, eine Leichtigkeit der Hingabe, eine Aufopferung für Klarheit und Sehnsucht, sowie eine unnachahmliche Eleganz bis in die kleinsten Ecken hinein.

„Es hat mich einige Kraft gekostet, aber ich glaube, dass die neuen Songs zu dem besten Sachen gehören, die ich seit langem geschrieben habe. Momentan würde ich sie alle auf meine eigene Best Of packen, selbst wenn da nur für 15 Stücke Platz wär“, lacht Ben Folds und bewegt sich perfekt zwischen Zynismus und Wahrheit.

Selten erklingen bei einem Künstler Komik und Tiefe, das Bittere und das Süße so dicht beieinander. Die mal schmelzende, mal funkelnde Platte „Way To Normal“ ist der perfekte Beweis. Bei Ben Folds bleibt alles anders!

Aktuelles Album: Way To Normal (SonyBM)
© 01. Oktober 2008  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: James Minchin
Oktober 2008

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