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JULIA JACKLIN - Grüblerisch mit Leichtigkeit

Wow! Da kommt eine 25-Jährige aus den Blue Mountains in Australien und katapultiert sich, aufreizend lakonisch im Gestus, emotional im Songwriting, mit ihrem fabelhaften Debütalbum aus dem Stand in die gleiche Liga wie Sharon van Etten, Angel Olsen oder Courtney Barnett. Selbst Lucinda Williams scheint auf ´Don´t Let The Kids Win´ bisweilen durch, wenn Julia Jacklin Indie-Folk-Tugenden mit Alternative Country und dezenter 50er-Jahre-Ästhetik zu einem ganz eigenen Sound verbindet.

Großen musikalischen Aufwand betreibt die junge Singer/Songwriterin dafür eigentlich nicht. Bei den besten Songs ihres in Neuseeland mit Ben Edwards (Marlon Williams, Aldous Harding, Nadia Reid) aufgenommenen Erstlings wie ´L.A. Dream´ oder dem Titelstück reichen Stimme, Stromgitarre und ihre großartige, ungekünstelte Präsenz. Doch auch wenn sie sich von einer kleinen Band unterstützen lässt und es bei ´Coming Of Age´ sogar ein wenig grungy wird, sind ihre Songs allesamt auf ihre sexy Stimme und ihre Slackertexte voller Unbehagen ausgerichtet, mit denen sie gerne Profanes in poetische Worte hüllt. Oft spricht dann aus ihren Zeilen mehr Weisheit, als man einer jungen Debütantin gemeinhin zutrauen würde, doch obwohl sie gerne die Schattenseiten des Lebens beleuchtet, verfällt sie nie in reine Runterbringer-Lyrik. Immer wieder finden sich auf ´Don´t Let The Kids Win´ augenzwinkernde Zeilen zwischen all der Ernsthaftigkeit, die die angenehm düstere Grundstimmung an den richtigen Stellen mit staubtrockenem Humor aufbrechen und Grüblerisches mit viel Leichtigkeit verbinden.

Überhaupt zeichnet Jacklin aus, dass sie einerseits sehr ehrgeizig ist – als Zehnjährige brachte sie eine Britney Spears-Doku auf den Weg, als ihr klar wurde, dass sie noch nichts aus ihrem Leben gemacht hatte … –, aber dennoch nie verbissen, sondern betont entspannt wirkt.

„In der Vergangenheit hatte ich das Gefühl, dass ich mich als Folksängerin auf eine ganz bestimmte Ort und Weise präsentieren sollte, dass ich melancholisch und düster wirken müsste, als stünde ich am Rande einer Depression“, gesteht sie, als wir sie nach ihrem umwerfenden Auftritt in der Haldern Pop Bar treffen.

„Dann habe ich andere Musiker wie Fiona Apple oder Father John Misty gesehen, die sich selbst nicht zu ernst nehmen, sehr menschlich rüberkommen und einen Sinn für Humor besitzen, der sowohl bei ihren Auftritten als auch bei ihren Songs durchscheint, und habe festgestellt, dass ich zu ihnen eine viel stärkere Bindung aufbaue.“

Auch wenn die Probleme des Erwachsenwerdens viele Texte bestimmen – „I´ve got a feeling that this won´t ever change/We´re gonna keep on getting older, it´s gonna keep on feeling strange“, heißt es im Titelstück –, singt Jacklin nicht nur von sich selbst. Oft findet sie Charaktere und Storys ihrer Songs in ihrem unmittelbaren Umfeld, bei Freunden und Familie – und muss dann darauf achten, niemandem auf die Füße zu treten.

„Bislang waren die Reaktionen sehr positiv“, verrät sie. „Das liegt sicher natürlich auch daran, dass ich in den Texten keine schlimmen Sachen verbreite. Wenn ich richtig fies über etwas sehr Persönliches singen würde, dann wäre das sicherlich etwas anderes.“

Sie hält kurz inne und fügt grinsend hinzu:

„Allerdings weiß ich auch, dass meine Mutter bei den Texten nie richtig hinhört, deshalb bekommt sie eine Menge vermutlich gar nicht mit!“

Aktuelles Album: Don´t Let The Kids Win (Transgressive / PIAS / Cooperative)
Weitere Infos: www.juliajacklin.com
© 01. November 2016  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld
November 2016

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