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YELLOWCARD - Die ganz großen Momente des Lebens

´Lift A Sail´ ist nun bereits das siebte Album von Yellowcard, der Band aus Florida, die sich jedoch vor einiger Zeit in Kalifornien niedergelassen hat. Von vielen Besetzungswechseln gebeutelt, haben sie dieses Mal nicht Größeres vorgenommen, als alles anders als bisher zu machen. Und das in einer Zeit, wo es persönliche Schicksalsschläge sozusagen gratis noch obendrauf gibt.

Große Hymnen – ergreifende Balladen

„Das kann eine Band an den Rand des Aufgebens treiben, wenn in den eigenen Leben so wahnsinnig viel Schwieriges passiert“, gibt Geiger Sean Mackin zu bedenken, „oder aber, es macht sich stärker und größer, als je zuvor.“

Sean Mackin spricht über das Schicksal des Frontmannes von Yellowcard, Ryan Key. Seine Freundin, die russische Snowboarderin Alyona Alekhina ist nach einem Sportunfall zunächst querschnittsgelähmt, bevor sie nach einer langwierigen Rehabilitation wieder gehen kann. Und Sean Mackin hat eine Krebserkrankung überwinden müssen. Ihr bisheriger Schlagzeuger Longineu Parsons hat die Band aufgrund anderer musikalischer Interessen verlassen. Da muss man als Künstler nach Themen schon nicht mehr suchen und kann sich ganz den Arrangements der Lieder widmen. Das haben Yellowcard dann auch getan. Und da spielte Sean Mackin mit seiner Geige und den Möglichkeiten seiner klassischen Ausbildung ein ganz große Rolle.

„Nun mit dem Streichinstrument kann ich natürlich ganz andere atmosphärische Akzente setzen und ich bin aufgrund meines Hintergrundes auch in der Lage, üppige Streicherarrangements zu schreiben“, erklärt Sean Mackin. Diese Arrangements stehen den großen Hymnen, die Yellowcard geschrieben haben genau so gut, wie den ergreifenden Balladen. Aber schließlich geht es ja in den Liedern auch um die ganz großen Momente des Lebens. Dabei wird die Beziehung zwischen Alyona Alekhina und Ryan Key gleich zwei Mal Thema, im sanften Stück ´Madrid´, das den Ort reflektiert, wo sich die beiden kennenlernten und im Lied ´Bedroom´, in dem es um das erste gemeinsame Appartement geht, das die beiden nach dem Unfall beziehen.

„Beides sind berührende Liebeslieder, wie wir sie mächtiger in der Wirkung bisher nicht zu schreiben vermochten“, fügt Sean Mackin, „aber bei dem Stoff ist das ja wohl nicht verwunderlich.“



Immer wieder das Positive finden

Was Yellowcard auch in Reinkultur geglückt ist, ist die Tatsache, dass die Stücke in ihren tragischsten Momenten auch immer wieder das Positive finden. Dieses Positive fanden in Ermangelung einer kompletten Bandstruktur Ryan Key und Sean Mackin, die sich in den vorangegangenen Zeiten der Besetzungsturbulenzen bereits als Komponisten-Paar gefunden haben.

„Die Stücke haben wir zu etwa 80 Prozent auskomponiert“, sagt Sean Mackin, „die restlichen 20 Prozent sind Freiraum für die kreativen Gedanken der anderen Bandmitglieder, wenn wir im Studio aufnehmen. Und doch gibt es immer wieder diese Momente, da hast du eine Idee, aber nicht mehr und dann kommt einer der anderen mit einer Anschlussidee, die völlig unerwartet den richtigen Weg weist.“

Die Rede ist hie vom Stück ´MSK´, das auf dem Album völlig ohne Gitarre und Schlagzeug auskommt.

„Die Streichermelodie war gesetzt, aber als dann der neue Schlagzeuger Nate Young einen rein elektronischen Klangkosmos dazu packte, war klar, mehr braucht das Stück nicht, um größte Wirkung zu entfalten.“

Doch dabei, dass eine Band auf einem Album immer wieder ihre Grenzen überschreitet, hilft oft ein Produzent. Yellowcard haben auf ´Lift A Sail´ erneut Neal Avron das Vertrauen ausgesprochen.

„Er hat bisher immer ein Händchen dafür besessen, uns anzutreiben und uns kreativ immer wieder in Frage zu stellen“, weiß Sean Mackin, „das hat er immer getan, ohne uns zu manipulieren. Er ist praktisch in zwei Funktionen gleichzeitig tätig. Er ist das berühmte dritte Ohr, das Dinge hört, welche die Künstler aufgrund ihrer tiefen kreativen Verstrickung in die Aufnahmen nicht mehr mitkriegen und auch war er für die Zeit der Aufnahmen temporäres Bandmitglied.“

Und woran er wohl auch maßgeblichen Anteil hatte, ist, die Platte so klingen lassen, dass man ihr die ganze, gesammelte Live-Erfahrung von Yellowcard anhört. Und da hat die Formation verdammt viel vorzuweisen.

„Schließlich haben wir immer dafür gelebt und tun das auch weiter, auf die Bühne zu gehen und eine mitreißende Konzertatmosphäre zu schaffen“, führt Sean Mackin weiter aus.



Die Segel setzen – und weiter

Wenn eine Platte so persönlich angegangen wird, wie ´Lift A Sail´, dann ist sie zwangsläufig auch hochemotional. Und dabei taucht immer die Gefahr, zu dick aufzutragen, zu viel Kuvertüre anzurühren. Und wenn man bedenkt, welche große Rolle die Streicher bei Yellowcard schon immer gespielt haben, dann könnte sogar schmalzig aus den Rillen triefen. All’ dem sind Yellowcard entgangen. Sie haben für alle Zutaten die richtige Dosierung gefunden. Allein dafür gebührt ihnen schon höchstes Lob. Befragt man nun die Band selber, ob es nach eigener Einschätzung gelungen ist, alles anders, als bisher zu machen, antwortet Sean Mackin mit den Worten:

„Wir fühlen uns sehr wohl mit der Platte; denn wir sind wirklich genau dort angekommen, wo wir hinwollten. ‚Lift A Sail’ ist ein richtig rockendes, intensives Album geworden. Und es ist ein Beispiel dafür geworden, dass egal, was einem passiert, es immer darum geht, wieder aufzustehen und die Segel erneut zu setzen, um neues Terrain anzusteuern.“

Da kann jetzt jedes Terrain kommen, Yellowcard sind bestens dafür präpariert.

Aktuelles Album: Lift A Sail (Razor&Tie / Rough Trade)
© 02. November 2014  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Katie Hovland
November 2014

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