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BOHREN & DER CLUB OF GORE - The True Spirit Of Independence

Lug und Trug überall. In der Musikbranche ist die klassische Gewaltenteilung schon längst aufgehoben. Dem ahnungslosen Hörer und Konsumenten wird eine Welt vorgespielt, in der die Medien die Produkte der Industrie kritisch beurteilen und ihren Informationsvorsprung gerne an den Endverbraucher weitergeben. Der soll ja auch gute Musik hören dürfen! Doch die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Hier ist der Journalist oft identisch mit dem Pressefuzzi der Plattenfirma, der gehypte Künstler wohnt zufällig mit dem Herausgeber zusammen; wer gestern noch Produktmanager für Schwarzkittelmucke war, kann schon morgen Chefredakteur des passenden Szenemagazins sein – und natürlich umgekehrt. Und Titelgeschichten sind oft nur eine Frage der vom Label investierten Reisekosten. Für eine Woche in L.A. geht da schon einiges…
Drei junge Herren aus dem schönen Mülheim an der Ruhr haben mit dem ganzen Kram nix am Hut. Sie heißen Morten Gaß, Thorsten Benning und Robin Rodenberg und sind Bohren und der Club of Gore. Mülheim scheint ein gutes Pflaster für abseitige Jazz-Entwürfe zu sein, denn mit Bohren… hat der eigentliche große Musikersohn der Stadt, Helge Schneider, seit ein paar Jahren ebenbürtige Kollegen. Jazz ist hier allerdings nur eine Umschreibung für den formatierungsfeindlichen Umgang mit einer bestimmten Klangästhetik.

Ansonsten gibt es zwischen Helge dem Multimillionär und Bohren… den Schichtarbeitern keine Parallelen. Morten, Thorsten und Robin kommen nämlich aus einer ganz anderen Ecke: In den späten 80ern waren sie Teil der deutschen Hardcore-Szene und beteiligten sich als 7 Inch Boots an so manchen Festival für oder gegen irgendwas. Doch die ewig gleiche Inszenierung dieser Subkultur ging den Dreien schnell auf die Nerven und so beschlossen sie, alles anders zu machen. Es folgte eine zweijährige Phase der musikalischen Selbstfindung, in der das musikalische Experiment im Vordergrund stand und der Blick über den Tellerrand die neue Vision bringen würde. Dann war das Ziel gefunden; man wollte die ursprüngliche Heavyness behalten, aber die Wahl der Waffen ändern. Die Lösung lautet: Jazztrio-Besetzung und bedingungslose Hingabe an den Gott der Langsamkeit. Bohrens Langsamkeit ist dabei dermaßen extrem, dass oft gar keine Möglichkeit der Nachvollziehbarkeit mehr besteht. Die Stücke schleppen sich eher tot als lebendig von einem Akkord zum nächsten, Entwicklungen werden nur schemenhaft vollzogen und Ekstase besteht nur in ihrer kompletten Verneinung.

"Bei uns gibt es eigentlich kein normales Bandleben. Dazu ist unsere Musik einfach für die Musiker viel zu langweilig. Deshalb treffen wir uns eigentlich nicht, um zusammen zu proben. Dementsprechend anstrengend sind dann auch immer die Aufnahmen für ein neues Album. Für uns steht nur das Produkt im Vordergrund, der Weg dahin ist mehr ein notwendiges Übel. Wir machen unsere Musik nicht, weil es uns Spaß macht, sondern weil wir das selbst hören wollen."
© 02. Oktober 2002  WESTZEIT ||| Text: Dennis Behle
Oktober 2002

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