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Joe Zawinul - Das Leben leben

Früh morgens, gegen halb zehn, pünktlich wie ein Maurer, erschien Joe Zawinul im Garten des Schlosshotels Lerbach in Bergisch-Gladbach und erzählte aus seinem Leben. Er war so in Fahrt, das es kaum noch Raum gab für vorher notierte Fragen. Der siebzigjährige Musiker arbeitete mit viele Größen des Jazz und setzte selbst Fixpunkte in der Fusion-Szene. An der Seite von Miles Davis war er ebenso zu finden wie bei Cannonball Adderley und Friedrich Gulda. Besonders aber schwört er auf das Leben, das für Zawinul die einzige Legitimation für alles andere ist.
Fast ein halbes Jahrhundert sind Sie inzwischen musikalisch aktiv. Was war für Sie die wichtigste Erfahrung Ihres musikalischen Lebens?

"Nach Amerika zu gehen. Ganz simple Antwort. Hier in Europa war alles mehr oder weniger, ich will nicht sagen, stehengeblieben. Aber eine Zufriedenheit hat da geherrscht über den Erfolg. Wir waren eine sehr erfolgreiche Gruppe hier in Österreich. Die Fatty-George-Twosound-Band. Wir reden jetzt hier in Bergisch-Gladbach. Drei Mitglieder dieses Oktetts waren von hier. Als wir hier ankamen, erinnerte ich mich ein wenig an diese Gegend. Und gestern lief im Fernsehen ein Peter-Alexander-Film. Im ersten Bild dieses Films spielt unser damaliger Bassist. Es ist so, wie das Leben geht: immer Zufälle."

Hatten Sie einmal Zweifel daran, ob die Art Ihres Musikmachens für Sie die richtige ist. Oder ob es für Sie auch etwas anderes gegeben hätte.

"Für mich hat es nie etwas anderes gegeben als das, was ich gemacht habe. Über Musik habe ich nicht so viel nachgedacht, dass das neu sein muss. Ich habe immer gemacht, was mir unheimlichen Spaß machte. Und daraus wurde, was es heute ist. Ich habe jede Minute in meinem Leben genützt. Der Gedanke an Musik war eigentlich ein sekundärer. Immer."

Die Band "Weather Report" ist Ihr Kind...

"Nein, kann man nicht so sagen, weil der Wayne Shorter war wie ein Bruder und ist noch immer wie ein Bruder. Ohne ihn wäre es nichts gewesen. Man kann möglicherweise sagen, das Konzept über die Jahre war von mir. Aber ohne Wayne hätte dieses Konzept nicht gearbeitet. Er ist ein großer Poet, ein Mensch, der lebt. Aus dem Leben entwickelt sich alles. Ohne solche Leute wie Wayne kann man ein Projekt wie Weather Report nie durchführen."

Kann man denn sagen, dass Weather Report das wichtigste Kapitel in Ihrem musikalischen Leben war? Ist so etwas überhaupt an einem Punkt festzumachen?

"Nicht wirklich, weil mein Gefühl war immer, wie ich es gesagt habe: Ich lebe das Leben aus dem vollsten und bin auch von Natur aus ein Musiker. Da heißt, es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht Musik gemacht habe. Aber ich bin kein 24-Stunden-Musiker. Ich habe eine Familie, drei Kinder groß gezogen und habe eine kleine Farm gehabt. Die Musik war eine Extension meines Lebens."
Die neue CD heißt "Faces & Places". Was steckt hinter diesem Konzept? Ein Titel heißt "Café Andalusia". Haben Sie darin persönliche Erlebnisse verarbeitet?
"Das sind alles persönliche Erlebnisse bei mir. Das Konzept hier war, nur meine Eindrücke herauszulassen. Denn es ist nicht die Musik von diesen Plätzen, hat mit der Musik davon überhaupt nichts zu tun. Das Café Andalusia ist eher ein Teehaus, wo man Wasserpfeifen raucht. "Tower Of Silence" beschreibt einen großen Turm in Bombay. Alles wieder sehr zufällig. Wir hatten herausgefunden, dass die Sudras, die zweitniedrigste Kaste in Indien, denen erlaubt wird zu lehren, diesen Turm für ein Ritual benutzen. Wenn einer von denen stirbt, treffen sich die Verwandten und legen den Leichnam auf die Turmspitze. Die Geier fliegen herein und fressen in fünfundvierzig Minuten den Körper auf. Der Rest wird verbrannt und die Asche im Fluss verstreut. Das zufällige daran ist, dass ich Zakir Hussein, ein Tabla-Spieler, zu der Aufnahme mitgenommen habe. Und er erzählte, wenn er die Fenster seiner Wohnung früh morgens öffnet, sieht er den Turm."
Sie verbinden bei diesen Erlebnissen direkt etwas musikalisches, wenn Sie mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen?
"Ja. Das andere ist: Meine Musik ist immer improvisiert. Bei den früheren CDs musste ich die Stücke nachher aufschreiben. Was sehr viel Arbeit ist. Hier ist meine Musik die totale Improvisation. Nichts mehr hinzugespielt, nur die Instrumente addiert. Alles was ich gespielt habe, ist so auf der Platte. Das gefällt mir."
Aktuelle CD: Faces & Places (ESC/EFA)
© 01. Oktober 2002  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
Oktober 2002

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