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BOOTSY COLLINS - spreading da funk abroad

Es war einmal ein früher Morgen im August, da hatte ich einen Termin zum Interview mit diesem Mann. Mit einem inzwischen 51-jährigen Großvater, der als Teenager mit James Brown "Sex Machine" aufnahm, später mit George Clinton als Funkadelic/Parliament die Charts stürmte, seine Rubber Band gründete, als Funk-Alien von einem fremden Planeten durch ein Deee-Lite-Video huschte, um die Revival-Rotation der 90er Jahre einzuläuten. Mit eben diesem seltsamen Kauz, der nun mit seinem neuen, zum Teil disco-elektro-lastigen Album "Play With Bootsy" ein etwas untypisches Werk vorlegt, sollte ich also den Vormittag verbringen. Durch die Tatsache, dass ich diese Reise nach einer durchgesoffenen Popkomm-Nacht antrat und mir mehr als elendig zumute war, mag mir die folgende Szenerie sicherlich noch bizarrer erschienen sein, als sie es ohnehin schon war.

Alles andere als salonfähig, mit starkem Kopfschmerz und dem Übergeben nahe betrat ich das zwar überwältigende, aber extrem spießige und unpersönliche Barockhotel Schloss Bensberg. Hier residierte also der Herr Collins zu Promozwecken. Nachdem ich die stocksteifen Portiers passiert hatte, kam sogleich eine Schar blasser Rezeptionistinnen über das spiegelglatte Parkett gehuscht und fragten höflich-argwöhnisch, was ich wollte. In übelstem Englisch wurde dann Mr. Collins angerufen und man richtete mir aus, ich soll vor der Suite warten und auf keinen Fall klingeln oder klopfen. Waren Hirnsurren und Herzstolpern damit auch gemeint?

Nicht genug der Förmlichkeiten erschien dort bald ein Mensch, der sich als Manager herausstellte und mich flüsternd - was meinem zu platzen drohenden Kopf ganz gelegen kam - über meine Person und Tätigkeit ausfragte und mich in eine Art Vorzimmer führte. Dort wurde ich von einer Dame empfangen, die mit ebenfalls gedämpfter Stimme säuselte, ich solle Mister Collins bitte vorab ein wenig über mich erzählen. In einer weiteren sterilen Räumlichkeit wies sie mir sodann einen Platz auf einem großen Sofa zu, ließ noch mal über den Tisch wischen, murmelte was in ihr Handy, schaute auf die Uhr. Gerade als ich dachte, ich wäre versehentlich auf einen Staatsempfang geraten, öffnete sich die Tür, und herein kam . . . Bootsy - und zwar in voller Montur: lila-silberner Glitzeranzug, die charakteristische Sternen-Sonnenbrille, hohe weiße Siebziger Jahre-Stiefel und eine monströse funkelnde Kopfbedeckung. Was ein Schock für meine müden Augen war, war zugleich eine Erleichterung, denn mit Bootsys Erscheinen – großes Hallo, HiFive und ein angedeutetes Tänzchen – war die steife Stimmung schnell weggefunkt. Bootsy war fröhlich-aufgedreht und gesprächig, und so wachte auch ich langsam auf.

Humor und Musik – ist das eine untrennbare Einheit für Dich?

Auf jeden Fall. Und da sind wir schon direkt bei der Bedeutung von Funk: Funk heißt Spaß. Ich fühle mich dafür verantwortlich Leuten Spaß zu bereiten. Das ist ein Teil meiner Persönlichkeit.

Wie kommt es zu diesem Charakterzug?

Es hat damit zu tun, dass ich in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen bin. Ich musste mir die Dinge selbst lustig gestalten. Die ganze Situation war funky, wir wussten nie, was passieren würde, ob man lange ein einem Ort wohnen bleibt, ob Geld für Essen und Miete da sein würde. Ich musste einen Weg finden, den Ernst aus der Lage zu nehmen.

Wenn Funk für Dich demnach auch Spontaneität und Improvisation, bedeutet, ist Dein neues Album dann ein bisschen unfunkiger als sonst, weil mit den vielen Gastmusikern sicher vieles geplant ablaufen musste und Du ja auch so einige Computersounds benutzt?

Es ist eine neue Herangehensweise gewesen. Normalerweise sind wir ins Studio gegangen und haben drauf los gejammt und an den Liveaufnahmen kaum herumgedoktert. Aber dieses Mal war der Prozess neu: Wir haben auch Sounds in den Computer gepackt, gesampelt und überlegt, was wir am Ende gebrauchen können. Ich möchte mit dieser Platte die Mischung beider Elemente präsentieren – moderne Aufnahmetechnik und das Real Feel des Liverecordings. Mit dieser Verschmelzung hoffen wir den Funk weiter in die Welt hinaus zu tragen. Sie soll eine Hilfestellung für die Kids sein, ihren Weg zum Funk zu finden. Sie werden beginnen zu verstehen.

Auf diesem Album hast Du mit Fatboy Slim, DeeeLite, Mousse T., Snoop Dogg und vielen anderen zusammengearbeitet – gibt es einen Künstler, den Du nicht kennst und den Du gern einmal zur gemeinsamen Arbeit einladen würdest?

So sehe ich das nicht. Funk funktioniert anders. Funk bedeutet: Was passiert, passiert. Man weiß es vorher nicht. Es ist wie in einer Beziehung: Anfangs weiß man nicht, wie es ausgehen wird, aber man stürzt sich einfach rein. So war das ja auch bei dieser Platte – wir wussten nicht, was dabei herauskommen würde. Wir haben nicht nach den Musikern gesucht. Ich hatte mit einigen ja schon gearbeitet, Mousse T. war mit einigen bekannt und empfahl sie mir. So kamen wir zusammen, es ist nicht so, dass wir uns einzelne rausgepickt hätten. Wir haben einfach geguckt, was passiert. Das ist Funk. Wenn es gut wird, super; wenn nicht, dann wird es eben neu gemacht. Und es ist gut geworden!

Du bist nicht der einzige Funk-Altstar, der die Nähe zu europäischen Produzenten sucht. Wie kommt das?

Man ist hier mehr daran interessiert, wie die Dinge gekommen sind. Das ist eine historische Herangehensweise. Im Gegensatz zu Amerika. Dort ist man darauf aus, was jetzt gerade passiert, oder nächste Woche. Doch wichtig ist nur das Endprodukt. Und da ist es den jungen Leuten egal, wo die Musik herkommt, solange sie den Sound mögen.

Und wie steht es mit dir? Magst du deutschen HipHop?

So weit bin ich noch nicht in das Thema eingetaucht. Aber ich glaube, da tut sich etwas. "Massive Töne" mag ich, die sind cool. Unser amerikanischer Rap fließt zwar etwas anders und die Sprache verstehe ich auch nicht, aber – Mann! - der Rhythmus fühlt sich gut an!

Plötzlich ist es nicht mein Kopf, sondern mein Handy, das schellt. "Briiing-Dong-Dong-Bring". Bootsy lacht. Sein schallendes, einnehmendes Lachen.

Siehst du? Das meine ich! Das ist funky! Dein Mobile Phone hat den Funk, du hast den Funk!

Ich glaube ihm das zwar nicht, aber ich fange an zu verstehen.

Aktuelles Album: Play With Bootsy (EastWest)
© 02. Oktober 2002  WESTZEIT ||| Text: Kristina Koch
Oktober 2002

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