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DUM DUM GIRLS - Jung, aber im Geiste eine Band der Sechziger

Die Zeiten, in denen Kristin Gundred ihren musikalischen Gegenpart suchte und nicht fand, scheinen vorüber. Die Dum Dum Girls präsentieren sich anno 2011 als gefestigte Formation und jedes der vier Mädels hat innerhalb der Band einen festen Platz eingenommen: Die Chefin all dessen bleibt Frontfrau Gundred, die sich selbst gern Dee Dee nennt und mit dem zweiten Album ´Only In Dreams´ die Flucht nach vorne sucht: Ein gewagtes Unterfangen, denn es beginnt dort, wo es schwierig wird – im Inneren ihrer selbst.

Manchmal möchte man blitzschnell die Kamera zücken: Als Dum Dum Girls-Sängerin Dee Dee zum Interview ins Berliner Ramones Museum bittet und dort inmitten der ausgestellten Lederkutten ihre Jacke auszieht, passt die Szene hervorragend zum Image, das sie und ihre Band seit 2008 der Öffentlichkeit präsentieren.

„Ich habe nie wirklich viel Ramones gehört, aber es stimmt: Zwischen ihnen wirke ich nicht wie ein Fremdkörper“, lacht sie und setzt stilecht die Sonnenbrille zu Beginn des Gesprächs auf. Ihr gesamtes Antlitz ist nun in Schwarz gebettet, so fühlt sich die stets schüchtern wirkende Wahl-New Yorkerin schließlich am wohlsten.

Sie sei ein Kind der Sechziger, selbst wenn sie erst viel später zur Welt kam, erklärt Dee Dee weiter und macht sich einen Spaß daraus, ihre eh schon zerschlisse Netzstrumpfhose weiter mit den Fingern kaputt zu spielen. Musikalisch kann man ihr hingegen nicht widersprechen:

Als die Dum Dum Girls vor einem Jahr das Debüt ´I Will Be´ veröffentlichten, wirkten sie auf viele Journalisten wie Zeitreisende, die gern Songs von den Supremes zitieren, diese aber ein stückweit dreckiger einspielen, als man es von den Schützlingen des Super-Producers und inzwischen inhaftierten Phil Spector gewohnt war.

„Ich erkannte früh, welche Art von Sound ich machen will: Er sollte große Flächen haben, hallende Gitarren – aber auch Rockriffs und scheppernde Drums“, erinnert sich Dee Dee an ihre musikalischen Anfänge von vor über zehn Jahren - ob das mit der reinen Frauenband Teil des Plans war, fragt man sie daraufhin postwendend:

„Natürlich“, folgt die Antwort, „ich habe die Platten der Supremes bei meinen Eltern rauf und runter gehört – sie besitzen quasi alles, was in den Sechziger irgendwie veröffentlicht wurde und haben einen exzellenten Musikgeschmack. Es beeindruckte mich, dass damals eine Handvoll Frauen in der stark männerdominierten Musikwelt versuchten dazwischen zu funken.“

Was einst wie ein emanzipatorisches Statement daherkam, dürfte heute jedoch nicht mehr für allzu viel Aufsehen sorgen – meint man in diesem Moment und wird sofort eines Besseren belehrt:

„Ganz so locker ist das immer noch nicht: Manchmal habe ich schon das Gefühl, dass gerade die Männer im Publikum genau hinschauen, was wir da oben mit unseren Instrumenten veranstalten!“

Doch der Debatte genug Worte gewechselt, denn eigentlich geht es hier um das zweite Werk der Dum Dum Girls namens ´Only In Dreams´ – und wer hinter dem Titel einen gewissen Eskapismus vermutet, liegt mit seiner Einschätzung gar nicht so falsch: Die Flucht nach vorn tritt Dee Dee fraglos an.

„Die vergangenen zwei, drei Jahre rasten wie ein Schnellzug an mir vorbei – Konzerte, Studio-Sessions und viele Interviews begleiteten mich. Irgendwann saß ich zuhause in New York mit meinem Mann und dachte: Was passiert hier eigentlich? Es lief alles wie in einer Parallelwelt ab, ganz so, als gebe es zwei Daseinsformen nebeneinander.“

Musikalisch fabriziert sie zu solchen oder ähnlichen Gedankengängen einen Mix aus Girl-Pop der mittleren 1960er Jahre und satten Garagenrock, wie er hallender und staubiger kaum sein könnte. Fast möchte man behaupten, sie habe mit den Ramones musikalisch doch mehr gemein, als bei der Begrüßung vermutet:

„Joey und ich würden uns vom Ansatz her sicher verstehen: Zum einen gibt es da ein gefestigtes Grundverständnis für den eigenen musikalischen Anspruch und andererseits schwebe ich gerne durch die Möglichkeiten, die die verschiedenen Situationen im Leben mit sich bringen.“

Ein bisschen verträumt und doch stets hellwach: So lassen sich die Dum Dum Girls mit ihrem zweiten Album ´Only In Dreams´ verorten. Deswegen Lederjacke übergeworfen und anschließend mit den Mädels die Nacht durchgemacht – ihr Kosmos ist schier grenzenlos.

Aktuelles Album: Only In Dreams (Sub Pop / Cargo) VÖ: 30.09.
© 01. Oktober 2011  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth
Oktober 2011

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