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CHUCK RAGAN - Revival stinkt nicht immer

Als ich Chuck Ragan morgens um Acht zum Interview bitte, überrascht mich nicht nur seine Aussage, er habe heute noch keine Gitarre in der Hand gehabt. Er befindet sich zudem ausgerechnet da, wo man ihn über das Jahr am seltensten antrifft: zu Hause. Nicht ohne Grund trägt sein neues Album den Titel „Covering Ground“, betourt der Mann mit der Reibeisenstimme doch den Globus mit der Ausdauer eines Triathleten. Gerade erst mit Hot Water Music aus Europa zurückgekehrt, heißt es also nun ein paar Mal ausschlafen, um gleich wieder (fast) allein weiter zu ziehen.

„Dieses Jahr ist glaube ich das stressigste, das ich je hatte. 2011 komme ich locker auf 180 Konzerte und mit all dem Herumgereise bin ich ein Dreivierteljahr unterwegs. Meine Frau und ich wussten, was da auf uns zukommt: ich veröffentliche ein neues Album, wir bringen die Revival Tour nach Europa, mit Hot Water Music ist wieder eine Menge los... Ich weiß aber auch, dass wir es in der näheren Zukunft mal ruhiger angehen werden.“ Einmal angesprochen auf die in Kürze hier ankommende Revival Tour zusammen mit Brian Fallon, Dan Andriano und Dave Hause, ist Chuck plötzlich Feuer und Flamme und in seiner Begeisterung kaum mehr zu bremsen. Man könnte vermuten, wenn er nicht auf der Bühne stünde, würde er sich selbst ein Ticket besorgen und sich in die erste Reihe stellen. „Das ist wirklich eine sehr spezielle Form einer Tour mit einzigartigen Konzerten. Meine Frau und ich hatten die Idee dazu schon lange, aber zum ersten Mal fand die Tour 2008 statt. Wir haben dabei ein paar Hauptziele. Eines davon ist, Musik, an die wir glauben, in einer besonderen Form zu präsentieren. Die Grenzen zwischen Headliner und Support sollen verschwimmen und deshalb betreten zu Beginn der Konzerte auch alle Beteiligten gemeinsam die Bühne. Jeder, der zu diesen Gigs kommt, läuft Gefahr etwas zu verpassen, wenn er nicht schon zu Beginn vor Ort ist, das steigert die Vorfreude ungemein. Das besondere ist schließlich auch, dass sich nicht nur durch den jährlichen Wechsel der auftretenden Künstler, sondern auch den nicht vorhersehbaren Ablauf der Abende ein besonderes Event entwickelt, das wir alle wahrscheinlich so nicht noch einmal erleben werden.“
Gerade in Deutschland lechzen die Fans nicht zuletzt dank der Teilnahme der Frontleute von The Gaslight Anthem, The Loved Ones und Alkaline Trio danach, die Konzerthallen bevölkern zu können, was Verlegungen in größere Hallen und trotz allem ausverkaufte Konzerte mit sich bringt. Konzerte, bei denen Punkrocker im weitesten Sinne amerikanische Roots- und Folk-Music zum Besten geben. Wäre das vor 10 Jahren möglich gewesen? „Es ist überwältigend! In Deutschland haben wir so viele Freunde, wir sind stolz und glücklich, dass man uns dort so sehr unterstützt. Wir alle machen seit vielen Jahren, ich sogar seit der Zeit vor HWM, Musik dieser Art. Ich bin nicht sicher ob Konzerte in dieser Form vor einigen Jahren funktioniert hätten, aber egal ob die Leute darauf in ein paar Jahren noch stehen, diese Musik war für mich immer da und wird es auch immer sein. Ich kann damit genau so gut ausdrücken, was mir wichtig ist, wie mit lauter Rockmusik.“ Das, was Chuck Ragan bewegt, bringt ihn unentwegt dazu, Songs zu schreiben, Texte zu verfassen und in den meisten Fällen schafft es sein Output auf einen physischen Tonträger, im Notfall sieben Zoll groß und zusammen mit einem guten Kumpel auf der Flip oder gar im Duett. Songwriting ist für ihn Lieblingsbeschäftigung, Werkzeug und Therapie in einem. „Es geht nicht darum, Star zu sein und cool zu wirken, sondern sich besser zu fühlen. Musizieren ist meine Medizin und hilft mir, Probleme zu verarbeiten und sogar zu lösen. Jeder Song, jede Veröffentlichung ist für mich wie eine Seite in einem Tagebuch, in dem ich meine Gefühle ausdrücken kann. Dass Leute daran teilhaben, Platten kaufen und Konzerte besuchen, ist eine schöne Begleiterscheinung.“
Dass sein aktuelles Album sich vor allem mit dem Unterwegssein beschäftigt, ist daher nur logisch, denn nahezu jeder musikalische Tagebucheintrag entstand im letzten Jahr irgendwo auf der Welt. „Ich hatte zunächst überhaupt keine Vorstellung, wovon mein Album handeln würde, geschweige denn ein Konzept oder gar einen Titel. Aber als wir die Songs zusammenstellten während ich tourte, sie abmischten während ich tourte, war auf einmal alles klar und der Titel ergab sich von selbst.“ Und so hören wir als Abschluss des Albums traditionell die Geräusche, die Rauhbein Ragan über die Dauer der Entstehung am meisten begleitet haben. Nach Ozean und Lagerfeuer sind es auf dem dritten Longplayer am Tourbus vorbeifahrende Autos, die auf ihre ganz eigene Weise Romantik versprühen. Bei all seiner Begeisterung für das Leben auf den Straßen der Welt fraglich, ob die Pläne, in Zukunft kürzer zu treten, sich einhalten lassen. In der Pipeline sind noch eine Buchveröffentlichung, ein gemeinsames Album mit Brian Fallon und einiges mehr. Aber seien wir ehrlich: wir wären ja ohnehin nicht unglücklich, wenn Chuck sich die Energie und Produktivität, mit der er derzeit agiert, noch lange bewahren könnte.


Aktuelles Album: "Covering Ground" (SideOneDummy/Cargo)
Weitere Infos: http://chuckraganmusic.com
© 01. Oktober 2011  WESTZEIT ||| Text: Sven Trappen
Oktober 2011

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