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dEUS - Ins Herz der Finsternis geschaut

Eigentlich gab es zuletzt nur positive Wasserstandsmeldungen aus dem Hause dEUS: Alles schien bereinigt, die lange Auszeit Anfang der 2000er gut überstanden und doch plagten die Band arge Selbstzweifel. „Wenn du ein gewisses Alter erreichst, rennst du nicht mehr blindlings über die Straße. Du wiegst ab und manchmal wirft dich das völlig aus der Bahn“, erklärt Frontmann Tom Barman offen und ehrlich. Etwas, dass auch die neue Platte ´Keep You Close´ kennzeichnet – getreu der Devise: Niemand zahlt die Zeche für dich, wenn nicht du es selbst.

Irgendwie passt das Ganze gut zur Gesamtsituation. Bei der Begrüßung am Berliner Ramones Museum stürmt ein Schwarm Wespen auf die Cola von Tom Barman und treibt diesen fast in den Wahnsinn. „Ich bring die Viecher gleich um, wenn die nicht aufhören“, mokiert er sich und schlägt dabei hilflos in der Gegend rum.

Nach kurzem Kampf entschließt er sich die Waffen zu strecken und die Location fürs Interview von draußen nach drinnen zu verlegen: „Wenn ich etwas unbedingt hinbekommen will, dann passt es mir überhaupt nicht, wenn die Dinge nicht so laufen wie geplant“, entschuldigt er sich.

Nicht das er ein Kontrollfreak sei, aber was funktionieren soll, muss funktionieren, fügt er hinzu. Erstaunlich ist eine Erklärung allein deswegen, weil sie wie Ecke auf Kante auf die letzten Jahre seiner Band dEUS passt – in der man nach Außen hin alles im Griff zu haben schien, aber innerhalb der Combo manches im Argen lag:

Bassist Alan Gevaert verbrachte nach den Aufnahmen zum letzten Album „Vantage Point“ krankheitsbedingt viel Zeit im örtlichen Hospital und Barman schien derweil mit dem musikalischen Ergebnis, welches vor drei Jahren auf dem Markt kam, alles andere als happy:

„Es war eine komische Situation: Weltwirtschaftkrise, Probleme mit der Finanzierung und dann hatten wir beim Mischen der Platte nicht wirklich das Gefühl, die Songs so klingen, wie wir das wollen. Um ehrlich zu sein, drei, vier gute Tracks hat ‚Vantage Point’, aber unser bestes Album ist es nicht geworden.“

Prinzipiell nicht schlimm, weil nach „The Ideal Crash“ von 1999 und der daran anschließenden vierjährigen Pause eh niemand mehr erwartet hätte, dass diese Band sich überhaupt wieder aufrappelt: Barman veröffentlichte stattdessen mit seinem Nebenprojekt Magnus ein gefeiertes Debüt, widmete sich dem Film und hatte keinerlei Probleme mit der neuen Lebenslage.

Eine tolle Idee sei das gewesen, bekräftigt er und ergänzt mit halbvollem Glas in der Hand – „eine der besten Erfahrungen meines Lebens“. Ob das anschließende Lachen ernst oder ironisch gemeint ist, lässt sich schwer sagen: Als Pokerface ist er zwar nicht bekannt, aber stets mit allen Wassern gewaschen.

Begonnen hat seine Karriere 1991 in der belgischen Stadt Antwerpen – kein Schmelztiegel der modernen Rockmusik, doch dEUS erspielten sich tatkräftig und mit viel Fortüne eine beachtliche Fankurve, wuchsen bald über die Landesgrenzen hinaus und als 1996 ihr zweiter Longplayer „In A Bar, Under The Sea“ erschien, gab es kein Halten mehr.

Große Musiksender wie MTV sprangen mit Ray Cokes im Schlepptau auf den Hype auf, Barman wurde zum schluffigen Indiehelden Marke „Rotweintrinker mit Hang zur Melancholie“ und gestandene Acts wie Radiohead zierten sich damit, dass sie bereits ein Exemplar der Platte besäßen und es ausgesprochen gut fänden.

Die Euphorie hielt jedoch nicht lange vor, zumindest für die Band kam der Morgen danach schneller als gedacht: Zwar zählen Kritiker das bereits erwähnte ´The Ideal Crash´ zu den besten Platten des belgischen Kollektivs, aber Barman wurde zum Wolf unter Wölfen und dEUS zersetzten sich zusehends selbst.

Mitglieder verschwanden, der Frontmann hatte keinen Bock mehr und Anläufe zu neuen Aufnahmen scheiterten an individuellen Eitelkeiten. Fast fünf Jahre ging das so. Bis irgendwann der Punkt erreicht war, wo man als Musiker dankbar zurückblickt und die gemeinsame Zeit zu schätzen weiß.

Ergo: Neue Besen kehren gut und 2005 erschien mit ´Pocket Revolution´ ein Comebackalbum, dass mit fast komplett neuer Besetzung den alten Charme zu reaktivieren wusste.

„Warum es dann zu ‚Vantage Point’ kam, kann ich dir nicht sagen – es passierte halt und manchmal treibt es mich in den Wahnsinn zu wissen, dass so viel mehr möglich gewesen wäre.“

Womit wir in der Gegenwart angekommen sind – obwohl, noch nicht ganz, denn ein Interview Barmans, welches er letztes Jahr mit Nick Cave fürs belgische Fernsehen führte, brachte die alles entscheidende Erkenntnis mit sich:

„Ich fragte ihn, warum er seine vielen verschiedenen Projekte immer parallel am Laufen hat und er antwortete trocken: ‚Dann kannst du die eigenen Fehler leichter ausmerzen!’“

Spätestens mit diesem Statement im Hinterkopf war der Weg für neue Aufnahmen geebnet, weil Caves simpler Satz jedweden Druck nahm: Offener, demokratischer, ruhiger, in sich geschlossener – all dass sollten die neuen Sachen werden und damit den Worthülsen auch Inhalte folgen, schnappte sich der dEUS-Chef seine Kollegen und schlug ihnen einen Deal vor:

„Ich sagte: ‚Dieses Mal kommen nicht nur Demos von mir im Studio an. Ich will eure Ideen hören, jeder bringt was mit und dann fügen wir das anschließend zusammen. Wir sind eine Band und sollten uns genau so verhalten, als Gemeinschaft, gleichberechtigte Partner und Freunde.’ Die starrten mich an und wussten sofort, der meint das ernst!“

Das Beeindruckende daran ist aber nicht die Zusammenarbeit als solches, sondern das Ergebnis namens ´Keep You Close´ – welches trotz Patchwork-Charakters verdammt homogen klingt und inhaltlich zu den stärksten Momenten in der Karriere von dEUS zählt.

„Warum findest du das?“, fragt Barman plötzlich wie aus dem Nichts heraus sein Gegenüber und gerne erklärt man es ihm – weil der ätherische Pop mit all den wundervollen Arrangements, die niemals enden wollenden Dialoge in den Texten und die vielen kleinen Momente der Hoffnung, ´Keep You Close´ zum mindestens zweitbesten Album der Band machen.

Sofort setzt der Sänger seine Sonnenbrille ab, hält sie mit Schwung in der Hand und schaut ergriffen: „Vielen Dank!“, kommt es freundlich, aber verhalten aus ihm heraus und spätestens jetzt ist klar, dass für dEUS ein neues Album so viel mehr bedeutet – es ist Lebensinhalt, Philosophie und Tagebucheintrag in einem.

„Genau“, nickt Barman, „also nicht wie das eines 14-jährigen Mädchens, aber wenn ich heute ältere Sachen Live auf der Bühne spiele, dann spüre ich, was mir damals beim Schreiben des Tracks durch den Kopf ging. Problematisch ist das für mich nicht, denn vor 5.000 Leuten die Wahrheit zu sagen, ist einfacher als zu einem Freund.“

Doch nicht nur der Offenheit wegen ist ´Keep You Close´ so famos geraten: Die einzelnen Beiträge sind perfekt ausformuliert und erwischen einem keineswegs so unverfroren wie damals ´Vantage Point´. Gedankengetrieben, selbst verloren und doch immer auf dem Weg der inneren Einkehr – in diesem Stile präsentiert sich die Platte von Beginn an, groß und mächtig.

Vielleicht ist dieser Qualitätszugewinn aber auch nur eine Frage des Alters?

„Sicher, wenn du die so genannte ´mittlere Lebensphase´ erreicht hast, siehst du gewisse Dinge in einem anderen Licht: Die Zeit schreitet schneller voran und wenn Nick Cave recht hat, dann musst du flink sein, wenn nicht mehr falsch als richtig laufen soll.“

Richtig gemacht haben dEUS dieses Mal so ziemlich alles und vielleicht erkennen das auch die Kritiker, die dem letzten Werk keine guten Noten attestierten – denn genau das würde Barman glücklich machen: „Ob Journalist oder Fan, den Leuten sollen unsere Platten gefallen und positive Reviews oder Kommentare auf Konzerte sind tolles Feedback.“

Am Ende ist er eben auch nur ein Mensch und gerade weil die Musik in Barmans Leben stets an erster Stelle kommt, kann er es nicht lassen, sie wie eine ruhelose Droge zu betrachten: Weiter, immer weiter, heißt es für ihn und seine Jungs.

Im Blick zurück zeichnet sich ein Bild ab, dass dank ´Keep You Close´ mit einem Happy-End verziert wurde – auf die nächsten zwanzig Jahre voll himmlisch schöner dEUS-Verzweifelung.

Aktuelles Album: Keep You Close (Play It Again Sam / PIAS) VÖ: 16.09.
© 03. September 2011  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Olaf Heine
September 2011

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