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JULIA MARCELL - Von Songs erzogen

Das neueste Pferdchen im Stall des eh schon eklektisch aufgestellten Haldern-Pop-Recordings-Labels ist Julia Marcell aus Polen – was wieder ein Mal beweist, dass Musik eben keine Grenzen kennt. Und schon gar nicht die Macher des Haldern-Pop. Wie dem auch sei: Polnische Musiker sind in der freien Wildbahn im Westen - außerhalb des Jazz und der Klassik - ja eher selten anzutreffen; was wohl auch an der Sprachbarriere liegen mag. Damit hat Julia Marcell allerdings keine Probleme.

“Ich habe sowieso immer ausländische Musik gehört und weniger polnische", erklärt sie ihre musikalische Basis," es gibt zwar einige polnische Acts, die ich auch mag und die ganz gut sind – besonders neuere – aber mich hat immer die Melodie der englischen Sprache angesprochen und mir war von Anfang an klar, dass ich Songs auf Englisch schreiben würde.”

Und ´von Anfang an´ meint hier in der Tat recht früh, denn Julia begann bereits als Teenager, im Alter von 14 Jahren, eigene Stücke zu schreiben, als ihr klar wurde, dass sie mit einer traditionellen Musik-Ausbildung nicht zurecht kommen würde.

“Ich bin jemand, der gerne Dinge für sich selbst ausprobiert. Somit hatte ich immer Probleme mit dem Musikunterricht – etwa an der Schule – den ich eher entmutigend fand. Also habe ich auf der Versuch und Irrtum-Basis begonnen, Musik zu machen.”

Das macht sich bis zum heutigen Tag bemerkbar, denn der Versuch, Julias Musik in eine Schublade packen zu wollen, müsste zwangsläufig scheitern. Sie singt etwa mit der Intensität einer Heavy Metal Sängerin, aber in ihrer Band gibt es nicht ein Mal einen Gitarristen. Sie arbeitet stattdessen mit zwei Drummern, wobei einer für die Elektronik zuständig ist. Die Songs ihrer neuen Scheibe sind um Rhythmen herum aufgebaut, aber andererseits auch sehr melodisch. Vielschichtig arrangierte Stimmen bilden den Kern der Stücke, während die Texte weniger wichtig erscheinen. Es gibt viele elektronische Sounds in ihrer Musik, aber ihre Geigerin Mandy ist integraler Bestandteil des Ganzen. Wie schreibt man eigentlich Songs wie diese?

„Also diese Scheibe habe ich auf dem Computer geschrieben“, verrät Julia, „ich habe als erstes Beats programmiert und dann per Midi Ebene für Ebene andere Ideen darum herum aufgebaut.“

Worüber schreibt Julia Marcell? In einem ihrer Stücke heißt es, dass sie „von Songs erzogen worden sei“ - ist das also autobiographisches Material?

„Ich möchte meine Texte nicht allzusehr erklären“, zögert Julia „weil ich denke, dass die Leute sich ihr eigenes Bild machen sollen. Aber ich kann Dir sagen, dass ich dazu tendiere, eher abstrakte Texte zu schreiben, die aber alle natürlich von einer Erfahrung meinerseits herrühren.“

Dennoch singt Julia aber doch öfters aus der „Ich“-Perspektive?

„Ja, aber die Songs auf 'June' handeln dennoch nicht von mir persönlich. Ich nehme meine Erfahrungen, Ängste, Sorgen, Freuden und im allgemeinen Dinge, die mir zustoßen und verdrehe und verbiege das dann in etwas, das nicht so persönlich ist, sondern lieber universellerer Natur, so, dass sich quasi jedermann angesprochen fühlt.“

Wenn die Texte also dergestalt abstrakt sind, welche Funktion hat dann der Gesang als solcher für Julia?

„Also für die neue Scheibe sind die Stimmen schon wie Instrumente gehandhabt worden – das muss ich einräumen. Wir haben die Stimmen geschichtet und bearbeitet und damit herumgespielt – sie sogar als Rhythmus-Muster verwendet. Natürlich gibt es auch Geschichten zu erzählen – aber dieses Mal wollte ich nicht, dass die Geschichte der Haupt-Fokus ist.“

Das Ergebnis ist freilich eine Musik, die man in weiten Teilen so noch nicht gehört hat. In Zusammenarbeit mit ihren Produzenten, Moses Schneider und Ben Lauber gelang Julia eine zweite Scheibe, die einen großen Entwicklungsschritt darstellt – und das macht am Ende den Charme aus.

Aktuelles Album: June (Haldern Pop Recordings / Cargo) VÖ: 30.09.
© 01. September 2011  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
September 2011

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