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DIE TOTEN HOSEN - in Bewegung

Düsseldorf im September. Das Betreten von Jochens kleiner Plattenfirma mutet an wie der Eintritt in ein kleines Imperium. Mit der Zeit ist hier einiges gewachsen und doch dreht sich hier alles nur um diese eine Band. Dieser Tage gehen Die Toten Hosen zurück zum Glück. Das gleichnamige Album ist gerade erschienen, und auch, wenn es vielleicht nur ein neues DTH-Album ist, ist es eigentlich mehr. Gitarrist Breiti wirkt im Westzeit-Interview gelassen. Man hatte Zeit für Experimente und lebte diese in gesundem Rahmen aus. Klingt eher nach Fort- denn nach Rückschritt...

Warum also „Zurück zum Glück“? Gab es zwischenzeitlich deutliche Tiefs?

„Der Albumtitel kommt vom gleichnamigen Song, in dem es um die allgemeine Situation und die vorhandene Grundstimmung in Deutschland geht,“ erzählt Breiti. „Der Text entstand schon Ende letzten Jahres und die ganze Diskussion um Hartz IV usw. war noch garnicht richtig im Gange, passt aber jetzt gut zu dem, was gerade hier los ist. Wir persönlich hatten wohl sehr großes Glück mit allem, was wir als Band gemacht haben. Sicher gab es auch dunklere Momente, aber so, wie sich alles entwickelt hat, hätte es sich wohl keiner von uns vor 20 Jahren träumen lassen.“

Denn bekanntermaßen wohnt das Glück ja quasi nebenan.

„Das ist ja immer so. Unabhängig von seiner eigenen Situation sieht man immer, was die anderen machen und denkt, dass diese viel besser dran sind. Genau so, wie das Gras auf der anderen Seite des Zauns immer grüner ist, ist es doch auch mit dem Glück. Es ist wohl eine menschliche Neigung, solche unterschwelligen Neidgefühle oder eine Unzufriedenheit mit seiner eigenen Situation herauszulassen, obwohl es eigentlich keinen Grund dafür gibt, wenn man wirklich mal drüber nachdenkt.“

Zur Vorbereitung auf die neue Platte zog es das Quintett erneut in die Ferne.

„Wir haben uns wieder ein Haus auf dem Land in Spanien gemietet, weil sich das letztes Mal ganz gut bewährt hat, da Lieder zu schreiben, wo rundrum nichts ist. Und in der Zeit April/Mai sind auch kaum Touristen dort und alle Discos sind zu. Also hast du da nichts anderes zu tun, als dich um die Musik zu kümmern und dir nachmittags beim Fußballspielen im Garten auf die Knochen zu treten und dich bis aufs Blut zu zerstreiten. Das sind optimale Bedingungen, und auch diesmal ist wieder sehr viel dabei rausgekommen.“

Darunter fällt wohl auch die Experimentierfreudigkeit, die auf „Zurück zum Glück“ durchweg positiv überrascht. „Die Behauptung“ wird gar von einem (teilweise synthetischen) Orchester eröffnet.

„Der Orchestereinsatz war nur für diese Nummer gedacht. Am Anfang hörte sich das an wie der Soundtrack zu einem Horrorfilm, deshalb hat es mir auch auf Anhieb sehr gut gefallen, weil es aus dem üblichen Rahmen voll rausfällt. Und in Kombination mit dem Text ist es eines meiner Lieblingslieder auf der Platte. Einige Leute, denen ich das vorgespielt habe, haben gesagt: Ja, ist gut, aber jetzt mach mal das nächste! Und das ist genau die Wirkung, die der Song erzielen soll, er soll unangenehm sein und nerven.“

Und auch die erste Single „Ich bin die Sehnsucht in Dir“ ist ob der vielen ruhigen Momente eher ungewöhnlich und doch DTH pur.

„Das Lied gefiel uns sehr gut und wir haben auch diesmal wieder geschafft, eine Single auszusuchen, die von 99.9% aller Radiosender nicht gespielt wird, weil es in kein Format passt. Aber es ist halt der Song, der das Album am besten repräsentiert.“

Denn die Bandbreite ist in der Tat groß ausgefallen.

„Lieder wie „Kopf oder Zahl“ oder auch „Im goldenen Westen“ sind die, die für mich den Unterschied zu unseren anderen Alben ausmachen, weil wir da Sachen ausprobiert haben, die wir sonst nicht so häufig machen. Es sind u.a. andere Gitarrenriffs, wir haben mit Drumloops gearbeitet, was wir so in der Form auch noch nie hatten. Kurz nach der Fertigstellung haben mich Leute gefragt, wie denn die Platte geworden ist, da war ich mir aber noch nicht sicher. Jetzt, mit etwas mehr Abstand, werde ich immer zufriedener mit dem Ergebnis, gerade auch mit solchen Songs, in denen uns ein kleiner Schritt nach vorne gelungen ist. Kann sein, dass wir beim nächsten Mal diesen Schritt wieder zurück oder in eine andere Richtung machen, aber wir sind ja nicht bekannt dafür, dass wir mit jedem Album die Musikgeschichte oder nur uns selbst neu erfinden - die Zutaten bleiben im Grunde immer die selben, aber ich finde es schön, wenn über Jahre eine gewisse Entwicklung da ist und man die eigenen Grenzen etwas erweitert.“

Aktuelles Album: Zurück Zum Glück (JKP)
Weitere Infos: www.jkp.de
© 01. November 2004  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen
November 2004

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