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ANTILOPEN GANG - Der Widerspruch im Widerspruch

Wer sich den Bandnamen Antilopen Gang genau anschaut, der findet darin, gar nicht mal so versteckt, das Wort Anti. Und tatsächlich findet sich im Vorfeld der Aktivitäten von Koljah und den Brüder Danger Dan und Panik Panzer die Anti Alles Aktion. Obwohl sich die politisch linke Gesinnung der Gang wie eine roter Faden durch ihr Werk zieht, war das nicht immer so. „Am Anfang der Arbeit der Gang war es eher sehr klar, was wir nicht wollten, also anti sein“, stellt Koljah klar, „das heißt aber auch, dass wir angetreten sind, keine kreativen Sachen zu wiederholen, die schon tausendmal stattgefunden haben.“

Dagegen heißt nicht für etwas

So ist es nur folgerichtig, dass das neue Album, das unter den Fittichen des Die Toten Hosen-Managements entstanden ist, schlicht und einfach ´Aversion´ heißt.

„Wir wissen sehr genau, was wir schlecht finden und das nennen wir auch beim Namen. Wir sagen klar, wogegen wir eine Aversion haben. Wir können alles analytisch auseinander nehmen und kritisieren“, hakt Danger Dan ein , „werden wir aber danach fragen, was wir wollen oder wofür wir stehen, ist diese Frage ganz schwer für uns zu beantworten. Oft bleiben wir die Antwort einfach schuldig.“

Obwohl das Trio nicht allen und jedem gefallen will, gibt es eine gefällige Seite.

„Wenn wir es darauf anlegen würden, rein gar niemand zu gefallen, dann würden wir ja Musik für uns alleine machen. Das ist nicht unser Ziel“, stellt Koljah klar und deutlich heraus, „so packen wir schon mal was Sperriges in ein gefälliges Gewand.“

Wer sich die Platte ´Aversion´ mit ihren16 Titeln von vorne bis hinten durchhört, der wird durchaus auf Pop-Spuren im Klangkosmos der Antilopen Gang stoßen. Und gleich darauf wieder auf wütendes Rap-Geschmetter.

„Wir sind eine Band, die macht, worauf sie Bock hat - eine Band der Widersprüche und wenn es sein muss widersprechen wir dem Widerspruch, noch bevor der angefangene Satz zu Ende ist“, sagt Panik Panzer ganz schnörkellos.



Klassische Rap-Clowns

Genau genommen sind die Jungs der Antilopen Gang wunderbare klassische Clowns - Rap-Clowns eben. Einer von ihnen wollte sogar einmal Clown werden. Nur die in der Clown-Schule geforderte extreme Körperbeherrschung hält ihn davon ab.

„Aber der Clown-Analogie stellen wir uns gerne“, gibt Koljah zu Protokoll, „das lachende und das weinende Auge und der kommentierende prall geschminkte Mund, das alles ist in unseren Texten und unserer Musik. Und ein Trio sind wir schließlich auch. Wenn ein Stück einen traurigen, fast depressiven Unterton hat, dann ist es meist von einem von uns allein verfasst worden. Wenn es aber das große Augenzwinkern in sich trägt, dann ist es meist eine Trio-Kooperation. Dann kommt dieser Wahnsinn zum Tragen, den wir eben nur zu dritt haben.“

Die Stücke der Antilopen Gang sind als richtige Lieder angelegt. Oft arrangementtechnisch so richtig ausgefeilt. Heißt aber auch, mit echten Instrumenten.

„Das liegt auch daran, das wir Instrumente einfach drauf haben“, gibt Danger Dan zu Protokoll, „ich bin etwa Pianist und Organist und habe vorher in verschiedenen Roots Reggae Bands gespielt. Das hat natürlich auch zur Folge, dass wir supergeile Bassisten und Gitarristen kennen. Der rhythmische Part hingegen, der fällt Panik Panzer zu, der übrigens auch Cello spielt. So wird der Prozess des Stückeschreibens deutlich dynamischer.“



Rache von Rechtspopulisten

Wer so auftritt und Themen so radikal und gleichzeitig so zweifelnd angeht, wer sich wie die Antilopen Gang von einer politischen Eindeutigkeit losgelöst hat, das Politische aber nie aufgegeben hat, der muss sich auch mit abstrusen Reaktionen auseinandersetzen. So derzeit mit der des seltsame Reden schwingenden Verschwörungstheoretikers und Rechtspopulisten Ken Jebsen. Er kann es nicht ab, in einem Antilopen Gang-Stück aufzutauchen und beim Namen genannt zu werden. Die umstrittenen Textzeilen lauten: (...) Sie können sagen was sie wollen, sie sind schlicht Antisemiten/All die Pseudo-Gesellschaftskritiker/Die Elsässer, KenFM-Weltverbesserer/Nichts als Hetzer in deutscher Tradition/Die den Holocaust nicht leugnen, sie deuten ihn um (...). „Die Zeilen stammen aus unserem Lied ‚Beate Zschäpe hört U2’“, erklärt Koljah, „Ken Jebsen hat jetzt seine Anwälte in Marsch gesetzt, um es zu verbieten zu lassen, weil er sich dadurch verunglimpft sieht.“

Auch auf ihrer Facebook-Seite äußert sich die Antilopen Gang:

„Es belustigt uns, dass ausgerechnet der Typ, der ständig mit den abenteuerlichsten Anschuldigungen und wildesten Theorien gegen politische Gegner schießt, sofort schwerste rechtliche Geschütze auffährt und mit Strafandrohungen um sich wirft, wenn er sich mal selbst betroffen fühlt. Wir sind uns sicher, dass wir als Künstler in unserer Musik die Freiheit haben müssen, zu sagen, was wir sagen möchten, ohne dass direkt irgendein dahergelaufener Otto oder Ken ankommt, der uns inhaltlich beschneiden will und unseren finanziellen Ruin in Kauf nimmt.“

Aktuelles Album: Aversion (JKP / Warner)
© 01. Dezember 2014  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Thomas Schermer
Dezember 2014

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