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BUNGALOW RECORDS - Wider den tierischen Ernst

Die Lage schien ausweglos. Düsseldorf war innerhalb weniger Jahre durch Kraftwerk zum musikalischen Nabel der intellektuellen Post-Hippie-Avantgarde geworden und dann die Geburtsstätte der Gegenbewegung. Und was hatte Punk hinterlassen? Nichts. Oder zumindest nicht mehr als Ratlosigkeit. Mitte der 80er war die Aufbruchstimmung derer, die alles anders machen wollten, einer nüchternen Eingemeindung zum Opfer gefallen. Die Düsseldorfer Szene dümpelte vor sich hin und versuchte verzweifelt – aber erfolglos – ihrem großen Erbe gerecht zu werden. Für die beiden rheinischen Jungs Holger Beier und Marcus Liesenfeld war die Devise klar: nichts wie weg!

In diesen Zeiten des kalten Krieges hatte die geteilte Stadt für so manchen Szeneflüchtling noch den Ruf des kulturellen Aussteiger-Eldorados. In der Berliner Enklave konnten die Nachwehen von Punk in alle möglichen Richtung weitergedeihen und brachten so immer neue Obskuritäten zu Tage. Holger und Marcus fühlten sich gleich wie zu Hause. Man freundete sich an, weil man sich ständig in den gleichen Läden begegnete und stellte fest, dass man sich ja schon in Düsseldorf in derselben Szene rumgetrieben hatte. Da stimmte offenbar einiges. Genug Gründe also, um die Talente zu vereinigen. Man durchstöberte zusammen Flohmärkte auf der Suche nach alten Soundtracks und schrägen Beat-Platten, die damals zu dem Unangesagtesten gehörten, was man sich überhaupt vorstellen konnte. Vor allem in der deutschen Technometropole Berlin. Doch H & M hatten Spaß und den wollten sie mit anderen teilen. Die beiden fingen an, Partys zu veranstalten und so war der Schritt zum DJ-Team nur noch ein kleiner: Anfang der 90er war Le Hammond Inferno geboren.
Aufgrund des ausgesprochen undeutschen Stils des LHI galten die Propheten bald im Ausland mehr. Vor allem die Japaner lagen den beiden DJs bald zu Füßen. Diese rücksichtslose und jegliche musikhistorische Pietät negierende Mischung aus Beat, Sound und Lifestyle war genau das richtige für das Land des Supermarkt-Pop. Innerhalb kurzer Zeit waren Holger und Marcus fest in einen internationalen Kreis gleichgesinnter Künstler integriert. Was liegt also näher, als eine eigene Plattenfirma zu gründen, um die Vibes des LHI und ihrer Komplizen auch bei Dir zu Hause die Luft zum brennen zu bringen? Die beiden notorischen Linkshänder und Vollblutnichtgeschäftsleute holten sich zum Glück Rat bei ihrem Freund und Fan Christof Ellinghaus, seines Zeichens Chef des legendären Indie-Labels City Slang. Zusammen sah man sich die Angebote einiger Majors an, denn die hatten mittlerweile auch Wind vom guten Ruf und der stets wachsenden Fangemeinde des LHI bekommen und wollten die zwei Eklektiker als Compilation-Compiler an Bord holen. Wie so oft war die beste Lösung: selbe machen. Wir schreiben das Jahr 1995, willkommen Bungalow Records.
Obwohl Bungalow nach wie vor ein kleines Label ist und somit vom harten Wind der Musikindustrie schon so manches Mal fast zum Kentern gebracht wurde, gehören die hier ansässigen Künstler fast allesamt zur musikalischen Allgemeinbildung. Immerhin war eines der ersten Releases auf Bungalow die Wiederveröffentlichung des wichtigsten – weil visionärsten – Soundtracks der deutschen Musik- und Filmgeschichte: Raumpatrouille Orion von Peter Thomas. Ein Statement, das letztendlich den Siegeszug des Easy Listening erst möglich machte. Mit ihren mittlerweile 100 Veröffentlichungen haben H & M dieses Unwort weit hinter sich gelassen, sind Protagonisten eines hedonistischen Pop-Verständnisses geworden und wollen als LHI immer noch nur das eine: das Haus rocken! Zur Feier erscheint mit "Risiko 100" nun das ultimative Fan-Paket: die CD mit neuen Tracks der Bungalow-Helden wie Stereo Total, Maxwell Implosion, Mina oder Yoshinori Sunahara, die erste Bungalow-DVD mit allen Videos (u.a. mit Combustible Edison, Dob, Pop Tarts oder Peter Thomas) und einem ambitionierten Video-Mix und das 40-seitige Booklet mit allem, was man schon immer über den Bungalow wissen wollte.
Was kann da noch kommen? Wird Bungalow das große Alterswerk von Peter Thomas rausbringen – den Soundtrack zum geplanten Orion-Kinofilm? Werden uns H & M in den mexikanischen Beat-Underground einweihen? Man kann noch viel erwarten, denn im Bungalow brennt noch Licht…
www.risiko100.de

Weitere Infos: www.bungalow.de
© 01. November 2002  WESTZEIT
November 2002

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