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AGNES OBEL - Ein auf den Kopf gestelltes Leben

Das berühmte zweite Album ist bekanntermaßen ein besonders schwieriges. Für das erste Album hat der Musiker ein Leben lang Zeit, verglichen damit ist die Zeitspanne für das zweite eher gering. Wenn man dann noch, wie Agnes Obel mit dem Erstling ´Philharmonics´ richtig erfolgreich ist, steht da noch die Schwierigkeit im Raum, sich selbst zu übertreffen.

Unortbar aus dem Irgendwo

Alles Hintergründe, die auch der dänischen Künstlerin nicht unbekannt sind.

„Aber ich war gute Dinge; denn ich hatte von der Tourneen einen Strauss von neuen Ideen mitgebracht“, sagt sie, „genug, um mit dem Schreiben neuer Stücke zu beginnen.“

Getrieben von der puren Neugier, wie tragfähig diese Ideen wohl sein können, probiert Agnes Obel hin und her. Hat zunächst Streichernoten im Kopf, die sie vom Rhythmus her denkt. Die kommen mal hart gezupft und dann wieder leise und fein gestrichen daher. Setzt sich an Klavier und probiert dabei ihre dunkle Stimme, die unortbar und verträumt aus Irgendwo kommt.

„Doch mittendrin in der Arbeit stellte ich fest, dass mich all’ das Erlebte in der jüngeren Vergangenheit verändert hat. Ich spürte, dass ich nicht mehr die war, die vor ‚Philharmonics’ war. Mein Leben stand kopf. Und plötzlich war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich das neue, gerade begonnene Schreibabenteuer zu Ende bringen würde?“

Nach drei Monaten intensiver Arbeit im Heimstudio gibt Agnes Obel auf.

„Ich musste raus. Ich musste weg“, resümiert sie, „einfach woanders hin. Tapetenwechsel.“

Agnes Obels Wahl fällt auf Berlin. Genauer gesagt auf Neukölln. Dort verabschiedet sie sich in eine selbst gewählte Isolation. Der Raum nicht größer, als eine Zelle. Fenster? Fehlanzeige! Dort wird sechs Monate intensiv und völlig zurückgezogen allein arrangiert und produziert, eingesungen und gespielt.

„Und es klappt“, blickt Agnes Obel zurück, „das angefangen herumliegende Stück ‚Words Are Dead’ wird aus dem Stand heraus fertig.“



Meilenstein oder Scheitern

Oft sind es genau diese Initialzündungen, die Dinge vorantreiben. Ein Lied nach dem anderen wird fertig. Und nicht nur fertig. Die Stücke werden auch üppiger. ´The Curse´ ist ein sehr schönes Beispiel für diesen – auch für Agnes Obel- neuen Klangreichtum. Da findet sich das wunderbare Cello, gespielt von Anne Müller, die Violine und die Viola von Mika Posen und nicht zuletzt die schottische Harfe von Gillian Fleetwood, die dem Stück ´Fuel To Fire´ eine ganz eigene Tiefe verleiht. Aber es gibt sie auch auf ´Aventine´, die melancholischen, verträumten, gedämpften und völlig unaufgeregten reinen Klavierstücke. Und was Agnes Obel dem Hörer natürlich nicht vorenthält, ist ihre Stimme, die für jedes der aufgenommenen Stücke der pulsierende Herzschlag ist. So intensiv. So prägend, wie es nur die Stimme von Agnes Obel kann. Und schon schließt sich der Kreis. Nämlich, wenn es darum geht, ein Urteil über Agnes Obels zweites Album ´Aventime´ zu fällen. Dabei kann es nur Zwei geben – entweder kann das zweite Album als Meilenstein einer Musikerkarriere beschrieben werden oder aber die Künstlerin ist an den Erwartungen gescheitert. Bei Agnes Obels Zweitling muss man sich einfach für den Meilenstein entscheiden. Ohne wenn und aber.

Aktuelles Album: Aventine (PIAS / Rough Trade)
© 01. Oktober 2013  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Frank Edel
Oktober 2013

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