interviews
kunst
artexpo
cartoon
konserven
liesmich.txt
filmriss
dvd
vorlesungs-
verzeichnis

cruiser
agenda
live reviews
stripshow
lottofoon
kontakt
MINT - Das Imperium schlägt zurück

Belgiens Rockszene hat einen guten Namen. Die östlichste Provinz des Landesteils Flandern wird von der Journaille jedoch gern als „Hinterland“ abgekanzelt. Das Limburger Quintett Mint nahm diesen Faden auf, betitelte das dritte Album wie oben bemerkt und rückte somit scheinbare Nachteile in ein positives Licht.

Das „Hinterland“ wird auch in Deutschland für Furore sorgen. Erstens ist auf der deutschen Version als Bonus „Your Shopping Lists Are Poetry“ vertreten. Dieser Track untermalt seit Monaten die TV- und Radiospots des Karstadt-Konzerns.

„Für uns als Band bedeutet es viel Promotion, denn auf diesem Weg erreichen wir viele Leute mit unserer Musik,“ sagt Mint- Mastermind Erwin Marcisz. Er komponierte die Songs, sang, spielte Gitarre, Banjo, Synthesizer. Kim Windmolders arrangierte Streicher und weitere Synthesizer. Steve Janssens zupfte die Lead-Gitarre, Tim Claes (Drums) und Bruder Phil Marcisz (Bass) erarbeiteten den Rhythmus.

„Ich denke, wir sind als Band gewachsen,“ erklärt Erwin Marcisz, auf die ersten CDs „Echoes From The Engine Room“ und „Magnetism“ zurückblickend.

„Auf dem neuen Album konnten wir mehr mit verschiedenen Sounds experimentiert, weil es uns gelang, das Studio zu einer Schall-Spielwiese umzufunktionieren. Diese Herangehensweise möchten wir in Zukunft mehr für uns entdecken.“

Die Krönung dieser neuen Arbeitsweise dürfte „Brand New Toy“ darstellen. Die prachtvolle Pop-Hymne wird vom Middle School Choir der St. John´s International School aus Brüssel opulent eingeleitet.

„Als ich ´Brand New Toy´ komponierte, dachte ich sofort an einen Kinderchor. Ich empfand es als cool, unordentlich, die Worte von Kindern singen zu lassen. Es dauert eine Weile, bis ich einen geeigneten Chor gefunden hatte. Aber als wir den Part einspielten, wusste ich, dass etwas Großes daraus entstehen würde.“

Diese Klangexzentrik erinnert teilweise an Elemente der Flaming Lips. Sie vermengt psychedelische Strukturen mit Sounds, die ´Gute Laune´ auslösen.

„Dem kann ich zustimmen, allerdings muss ich sagen, dass unsere Musik immer auch etwas dunkles in sich birgt. Natürlich lieben wir ´Psychedelica´, schließlich sind wir große Beatles-Fans. Sie waren die Meister des Genres!“

„IVR The Friendly Voice“ erinnert latent ebenfalls an die sechziger Jahre, wenngleich nicht an die Fab Four.

„Für mich ist es einfach eine Folk-Ballade über eine traurige Maschine. Das Ende mit dem Casio-Outro entfacht vielleicht Retro-Atmos- phäre. Ich vermute aber, der Song hat eher einen `Achtziger-Touch´.“

Was der musikalischen Vielfalt auf „Hinterland“ nur eine weitere Nuance hinzufügen würde. Mint-Einflüsse reichen von Arcade Fire über Belle & Sebastian bis zu Sparklehorse und Yo La Tengo. Erwin Marcisz ist zudem ein großer Fan von Leonard Cohen, der gerade (nach jahrelanger Pause) wieder ´on the road´ ist.

„Ich habe ihn nie live gesehen. Doch ich glaube, dass er die Musik immer noch super performen kann. Seine Songs sind zeitlos. Das verleiht ihnen eine besondere Qualität.“

Die Songs von David Bowie entsprechen ebenfalls diesem Kriterium. Auf dem Album „Lodger“ nahm Bowie bereits 1979 in „Red Sails“ den Mint-Titel vorweg. Zitat: „The hinterland, the hinterland; We´re gonna sail to the hinterland; And it´s far far far far far far far far away, it´s far far far far faa faa da-da da-da da- 1 2 3-4 0000.“ ´Dada´, oder nicht - Die Frage nach einem Zusammenhang drängt sich auf.

Erwin Marcisz: „Den Song kenne ich überhaupt nicht. Interessant! ´Hinterland´ war ein Wort von vielen, die ich in mein Notebook geschrieben hatte. Ich mag die mysteriöse Qualität des Wortes. Es könnte ein vergessener Ort irgendwo in Zentral-Europa sein. So wie der Mini Staat Moresnet (Anmerkung: Neutral-Moresnet; deutsch: Altenberg; existierte von 1815-1919 und war, 7km südwestlich von Aachen gelegen, ein 270 Hektar großes neutrales Territorium zwischen den nachfolgend genannten Ländern), der einmal zwischen Deutschland, Belgien und Holland existierte...“

Sprachlos über das geographische Fach-Wissen des Künstlers bleibt uns als Fazit nur noch ein Wort als Verweis auf die Paralelle zu seiner Musik: Außergewöhnlich!

Aktuelles Album: Hinterland (India Records)
Weitere Infos: www.mintonline.be
© 01. September 2008  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe
September 2008

Links

suche