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PETERLICHT - Tittenposter machen traurig

Tage wie dieser sind nicht seine liebsten. PeterLicht ist eher ein unöffentlicher Typ, wenngleich er mittlerweile für seine Verhältnisse schon fast zu einer Art Rampensau mutiert ist. Denn er, das ehemalige Phantom, ist anwesend, spricht und beantwortet Fragen zu seinem neuen Album „Melancholie und Gesellschaft“. Spannend ist das allemal, wenn der schlaue Kopf sein Gesicht zeigt und über die Sammlung seiner Liebeslieder-Versuche redet.

Es war natürlich ein beinhartes Konzept. Keine Pressefotos, kopflos bei Fernsehauftritten und das plakative Statement: Der Bürostuhl ist PeterLicht. Viel mehr gab es nicht fürs Volk. Ein Konzept, in dem man so wenig wie möglich über den kreativen Künstler, der hinter all dem steckte, erfahren sollte. Derartiges macht natürlich neugierig: Was ist das für ein Typ? Wie sieht der aus? Wie heißt er eigentlich wirklich? Sitzt der Licht überhaupt vor mir oder hat er jemand anderen zum Interview geschickt?

„Ich finde diese Fragen gut. Natürlich ist das eine Art von Inszenierung oder Verstellung, aber das ist doch nicht schlimm. Ich empfinde das als interessant. Wie die Suche nach einem wahren Moment.“

Keine Frage, es ist der Licht! Über die letzten Jahre hinweg tauchte dieser immer weiter auf, sukzessive vom mysteriösen Phantom zum greifbaren Poeten, der den Kapitalismus in die Mangel nahm, schief gewickelte Gesellschaftsstrukturen aufdröselte und all dies in Popmusik und -Literatur zum Ausdruck brachte. Aber, trotz des Outings, sind vollgestopfte Interviewtage nicht seins.

„Ich erkläre mich und das, was ich mache, eigentlich nur sehr ungern. Als Beispiel: Ich habe mit meinen Texten etwas ausgesagt und mehr will ich dazu gar nicht sagen. Ja, genaugenommen gibt es dazu einfach gar nichts mehr hinzuzufügen!“

Der Texter hat seine Bedeutung, der Rezipient seine eigene. Das Wissen der anderen Position ist oftmals ernüchternd, meist sogar irrelevant. Ähnlich rigoros hielt und hält PeterLicht es auch, wenn es um biografische Fragen rund um seine Person geht.

Aber ganz gleich was man wissen möchte, gern überlegt er vor der Antwort ganz genau. Frage. Stille. Kurze Antwort. In jener Stille scheint viel in ihm vorzugehen. Denn bei all den Fragen, gesteht er, setzt man sich selbstredend auch mal mit der eigenen Sache auseinander. Resonanz und Verständnis sind ja oftmals durchaus unterschiedlich und so hinterfragt man an Interviewtagen recht vehement das eigene Tun:

„Das ist gut, auch wenn diese Fragestunden schon eine echte Rosskur sein können. Es ist gut, wenn die Rezipienten meine Lieder grundlegend anders sehen: Ist es ein Liebeslied? Ist es ein Todeslied? Es gibt in meinen Sachen oftmals eine Art Kippmoment. Und da kann man dann etwas so oder auch so für sich verstehen, wie ein Pendeln zwischen „entweder“ und „oder“.“

So pendelt sein neustes musikalisches Werk - wie der Name unschwer erkennen lässt - zwischen Melancholie und Gesellschaft. Aber was heißt das nun im Klartext?

„Es geht um das Wir und das Ich, die Außenperspektive und Introspektive. Ich mache die Augen auf und beobachte das, was mich umgibt. Dann bin ich Betrachter, das ist meine Außenperspektive. Aber ich bin auch Teil dieser Umgebung und damit mitten drin; das ist eine Art Innenperspektive. Ganz banal gesprochen: Ich bin Teil des Tittenposters, das ich an der Wand hängen sehe.“

Diese Erklärung klingt weniger melodramatisch, als man vermutet hätte. Aber PeterLicht sieht darin eine kolossale Tragik. Denn Gesellschaft, so seine Grundaussage, produziert Melancholie - und das will erstmal verdaut werden.

„Der Stellenmarkt in der Zeitung zum Beispiel haut dir für mein Empfinden eine Handvoll Traurigkeit vor den Latz. Diese Möglichkeiten, diese Anforderungen, dieses Versagen, diese Lebens- und Sinnfragen. So etwas hat ganz viel Melancholie für mich. Ich finde es auch melancholisch, durch eine Aldi-Filiale zu gehen oder in einem Solarium zu liegen.“

In all diesen Gedanken der Tristesse schlummern Licht'sche Liebeslieder. Sie sind und bleiben aber nach seiner eigenen Einschätzung bloße Versuche.

„In den Liedern geht es zwar viel um Liebe, aber es sind keine absolut reinen Liebeslieder. Es stecken zu viele melancholische und gesellschaftliche Aspekte darin. Deshalb habe ich das neue Album auch nicht wie ursprünglich angedacht „Liebeslieder“ genannt. Mir war wichtig, dass auf der Platte steht, was drin ist.“

So gesehen erfährt man auf dem neuen Album mehr als je zuvor vom Licht, auch wenn er sich und sein Schaffen merklich ungern erklärt. Aber genau das macht ihn wiederum auch zu einem so interessanten und spannenden Vogel.

Aktuelles Album: Melancholie und Gesellschaft (Motor / Universal)
© 01. September 2008  WESTZEIT ||| Text: Björn Bauermeister ||| Foto: Christian Knieps
September 2008

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