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TILL BRÖNNER - Respekt + Verehrung

Wer so produktiv ist wie der aus Viersen stammende Trompeter Till Brönner, der darf schon eine klare Sprache sprechen. Und einen gewissen Stellenwert für sich und andere innovative Jazzmusiker in Deutschland einfordern. Dieses Selbstbewusstsein spiegelt sich in seinem neuen Album wieder.
Man kann es kaum glauben, aber "Blue Eyed Soul" ist Ihr achtes Album. Woher kommt diese Produktivität?

Die kommt daher, dass ich relativ früh angefangen habe. Es gibt Musiker, die lange warten, bis sie sich ins Studio begeben. Ich hatte schon beizeiten den Drang, mich in irgendeiner Form zu dokumentieren.

Die neue CD ist sehr hip mit Elementen verschiedener Stile. Haben Sie keine Angst, sich vom Jazz zu entfernen?

Nein, überhaupt nicht. Vor allem, weil ich viele reine Jazzprojekte verwirklichen kann, die gar nicht so in der Öffentlichkeit stehen. Ich meine allerdings, dass sich Musiker heutzutage mehr als früher darüber Gedanken machen müssen, was Jazz in unserer Zeit bedeuten kann. Jazz besaß immer die Freiheit, sich mit aktuellem Zeitgeschehen auseinander zu setzen. Er war immer eine Reflexion dessen, was gerade passiert ist. Das gibt es heute in seiner ureigenen Form nicht mehr.

Was bedeutet die Arbeit mit einem DJ wie Samon Kawamura?

Auf jeden Fall ist dieser Mann eine große Bereicherung. Ich kenne ihn schon seit meiner Zeit mit Hildegard Knef, da hat er sich, un-DJ-typisch übrigens, mit ganz pfiffigen und sehr respektablen Ideen hervorgetan. Es lag nahe, dass er, der in seinem Sektor nicht der Hardcore-Hiphopper ist und ich in meinem nicht der Hardcore-Jazzer, sich einmal zusammensetzen.

Neben Ihrem Trompetenspiel fällt der häufige Einsatz der Hammond B 3-Orgel auf, die eigentlich ein Instrument vergangener Tage ist.

Ich bin ein großer Fan der Hammond B 3. Bis heute ist es bei der ausgereiften Technik der Synthesizer immer noch nicht möglich, die Hammond-Orgel eins zu eins zu kopieren. Ich glaube, dass sie fälschlicherweise in den 80er Jahren dem Synthesizer weichen musste, aber eines der zeitlosesten Instrumente überhaupt ist.

Im Booklet steht: "Nenn’ es, wie Du willst". Ich glaube nicht, dass es Ihnen egal ist, wie Ihre Musik genannt wird

Ich bin jemand, der gerne die Diskussion einläutet. Es gibt eine Menge Produktionen, die darunter leiden, dass sie fälschlicherweise trotz vieler umfassender Qualitäten in den Länden in der Jazzecke landen und deswegen nicht zugänglich gemacht werden. Dieses Spartendenken empfinde ich als extrem gefährlich.

Sie haben eine CD mit Musik von Chet Baker veröffentlicht, andererseits Schlager und Chansons wie "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt". Womit hängt diese Vielfalt zusammen?

Sicher mit der Frage, was eigentlich Wert ist, analysiert zu werden. Und mit meiner eigenen Identität und der von Jazzmusikern aus Deutschland. Wenn man sich international bewegt, erkennt man, dass wir uns immer noch auffällig befangen verhalten, wenn es darum geht, hauseigenen Künstlern den Platz einzuräumen, den sie eigentlich einnehmen sollten. Damit haben wir unglaubliche Probleme, daran müssen wir arbeiten.

Sie haben mit Rolf Kühn auf dessen CD "Inside Out" gearbeitet. Was bedeutet es für Sie, mit einem traditionell ausgerichteten Altmeister der deutschen Jazzszene zu spielen?



Für mich ist das eine große Ehre: mit jemanden zu spielen, der eine Vision hat, egal wie alt der ist. Rolf Kühn war von Anfang an dabei, wo Weichen gestellt worden sind. In Amerika spielte er mit Benny Goodman und Donald Byrd. Eine zeitlang bin ich ein wenig verteufelt worden, weil ich mich ungezwungen mit Altmeistern umgebe anstatt mich dem Jazz der Neuzeit zuzuwenden. Das hat sich interessanter Weise über die Jahre geändert. Auf einmal sagen junge Musiker, erzähl’ doch mal von Ray Brown, zum Beispiel.

Auf "Tub Of Love" singen Sie. Für einen Trompeter erstaunlich gut. Gibt es mehr Gesang von Ihnen zu hören?

Das ist noch nicht ganz raus. Ich wollte auf dieser Platte nur eine Nummer singen, weil die musikalische Tradition eine soulorientierte ist. Das ist mir eigentlich gar nicht gegeben.

"Der Soundtrack zum Seelenleben" steht im Begleittext. Die CD widmeten Sie dem deutschen Jazzmusiker Helmut Brandt, der im Juli 2001 gestorben ist. Was war Helmut Brandt für Sie?

Helmut Brandt steht für eine Ära die ich in ihren letzten Ausläufern beim RIAS noch miterleben durfte. Ich bin 1991 zum RIAS gekommen und stoße auf diesen Baritonsaxophonisten, von dem ich über die Jahre immer mehr erfahren habe, der ein unglaublich warmherziger Mensch war, von dem ich sehr viel gelernt habe. Ich war geschockt, als er plötzlich nicht mehr da war. Ich hatte noch viel vor mit ihm und es hat mich kalt erwischt. Vieles auf diesem Album ist in der harmonischen Anordnung deutlich auch ein Einfluss von Helmut Brandt. Dem gebührt Respekt erwiesen.



Aktuelles Album: Blue Eyed Soul (Universal)
© 01. März 2002  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
März 2002

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