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Fink - Spielplatz der Ungereimtheiten

Ein "Haiku" ist ein traditionelles japanisches Gedicht mit einer bestimmten, gestaffelten Silbenanzahl. Eine "Ambulanz" ist die Notaufnahme im Krankenhaus. Was das allerdings mit dem neuen Fink-Album namens "Haiku Ambulanz" zu tun hat, bleibt ein Rätsel. Das ist allerdings ganz im Sinne von Nils Koppruch – seines Zeichens Sänger und Songschreiber der Hamburger Band, der die Zuhörer mit seinen Texten auf der neuen CD quasi auf einer Need-To-Know Basis hält.

Und das, nachdem die Band gerade mit dem Schauspieler Peter Lohmann zusammen eine Protest-Rock-Single namens "Bagdad Blues" aufgenommen hatte. "Wenn überhaupt, dann war das Protest-Country", schmunzelt Nils, "es war Peter´s Idee, zum Thema Irak auf diese Weise Stellung zu nehmen. Für mich war das eine interessante Aufgabe einmal einen Event-Song zu einem bestimmten Thema in einem bestimmten Zeitrahmen zu schreiben. Was die neue Scheibe betrifft, ging es mir bei ganz vielen Songs auf der Platte inhaltlich darum, eine Unsicherheit beim Hörer auszulösen, damit sich niemand sicher sein kann, worum es eigentlich geht. Die Sache mit dem Titel beruht auf einem Haiku Richard Bräutigans, eines Hippie Dichters, der sich 1984 erschossen hat. Ich bin eigentlich zufällig auf Bräutigan gestoßen und es geht auch gar nicht um das eigentliche Gedicht ("A Piece Of Green Pepper Fell Off The Wooden Bowl So What") aber der Titel ist grandios. Wir haben einfach den Titel und die Scheibe zusammengeführt." Was auch nichts so recht erklärt. Vielleicht versuchen wir es einmal von der musikalischen Seite her: Die neue Fink-CD klingt lockerer, frischer und spontaner als alle vorhergegangenen. Gerade so, als sei sie aus fröhlichen Jam Sessions heraus entstanden. "Das ist auch so", stimmt Nils zu, "diese Aufnahmen waren zunächst mal als Demos gedacht. Dann waren sich Andreas Voss (der Fink Bassist) und ich uns aber einig, daß dieses Material doch eine gewisse Atmosphäre hatte und wir damit weiterarbeiten sollten. Das Problem war dann aber, daß über das Jahr die Band auseinanderfiel. Zunächst verließ uns Gitarrist Dinesh Ketelsen, um sein Studio aufzubauen und dann Drummer Henning Wandhoff." Ist das auch der Grund, warum im Booklet nur Nils und Bassist Andreas Voss abgebildet sind? "Ja – denn es ist nicht unbedingt geplant, wieder ein festes Bandgebilde aufzubauen", erklärt Nils, "ich will mich nicht dagegen sperren, aber es auch nicht erzwingen. Die Erfahrungen haben aber gezeigt, daß das mit der Band bei uns immer in eine Art Basisdemokratie ausartete, bei der jeder gleichberechtigt war, was dann aber bei der Entscheidungsfindung zu Kompromissen führte. Wir haben jetzt einen Pool von Leuten, mit denen wir zusammenarbeiten können und wollen es erst einmal so versuchen." Wie bereits angedeutet, ist die neue Musik wesentlich rhythmusbetonter als die alten Sachen – hat sich das auch auf die Texte ausgewirkt, die dieses Mal ja von vergleichsweise uninteressanten Dingen handeln – wie Fliegen, die um eine Lampe kreisen, ein Mann, der im Regen steht oder einem Hund, der seinen Schwanz jagt. "Ich habe mich auf jeden Fall bemüht, die Texte auch im Sprachrhythmus anzugleichen", sagt Nils, "was aber nicht bedeutet, daß ich mir mit dem Inhalt keine Mühe gegeben habe. Es war nur so, daß ich dieses Mal keine Geschichten erzählen wollte." Obwohl Nils die Scheibe als Expermentierfeld und Spielplatz sieht, ist sie unter dem Strich doch besonders rund und schlüssig geworden – was beweist, daß sich Weiterentwicklung und Kontinuität nicht unbedingt ausschließen müssen.

Aktuelles Album: Haiku Ambulanz (Trocadero/Indigo)
© 01. September 2003  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
September 2003

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