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PHILLIP BOA & THE VOODOO CLUB - Der gelebte Widerspruch

Mitte der 80er war es soweit. Nachdem es Düsseldorf und Berlin schon einige Jahre früher vorgelebt hatten, forderte nun auch das Ruhrgebiet seinen festen Eintrag auf der musikalischen Landkarte. Ohne lebendige Szene und ohne jegliche Infrastruktur verschafften sich ein junger Mann und seine blonde Freundin massiv Gehör: Phillip Boa und Pia Lund aus Dortmund. Der Pott, bzw. das subkulturelle Pendant, hatte endlich seine eigene Identifikationsfigur. Denn Boa und seine Band The Voodoo Club waren nicht nur Lokalhelden, sondern wurden vor allem im Mutterland der musikalischen Coolness gefeiert. Schon ihre ersten Singles waren regelmäßig „single of the week“ im Melody Maker, dem NME oder Sounds. Innerhalb kurzer Zeit wurde eine ganze Region aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt. Szenen, wie die damals extrem fertile in Waltrop, wären ohne Boas Initialzündung wahrscheinlich so nie entstanden.
Doch kaum rollte der Rubel und der Major-Vertrag war in trockenen Tüchern, kehrte der Meister seiner Heimat den Rücken und schickte uns aus dem maltesischen Exil seine immer langweiligeren, doch gleichzeitig immer erfolgreicheren Werke. Boa hatte sich über ein eigenes Werk erhoben, war quasi transzendent und sprach nur noch medial zu seiner Gemeinde. Eine Entfremdung, an der er fast zerbrochen wäre, denn ohne Bezugspunkte kann man das eigene Opus nicht aus der Ferne betrachten. Es folgte die schrittweise Dekonstruktion; Metal-Experimente, Soloplatte, Katalog verramschen, Frau abgehauen. Aber Boa wusste, was Andi Möller recht, konnte ihm nur billig sein: der verlorene Sohn kehrte vor zwei Jahren in den Schoß seiner Heimat – zumindest größtenteils – zurück. Mit neuer Plattenfirma, neuem Produzenten, neuer Band und vor allem einer neuen Idee: die Inszenierung des eigenen Untergangs.

„Zusammen mit meinem neuen Produzenten Olaf O.P.A.L. habe ich „The Red“ gezielt als Selbstzerstörung geplant. Wir haben uns bewusst gegen den kommerziellen Erfolg entschieden, haben keine radio-taugliche Single gehabt und auch sonst alles getan, das Ding richtig vor die Wand zu fahren. Der Widerspruch, diesen Neuanfang gleichzeitig als Endpunkt zu sehen, ist mir natürlich auch bewusst, aber dieses Muster zieht sich durch mein ganzes Leben. Ich bin ein einziger Widerspruch – das ist doch erst das Interessante am Leben, die Widersprüche. Finanziell ist das Konzept auch wunderbar aufgegangen, „The Red“ war ein echter Flop. Andererseits wurde ich mit dieser Platte plötzlich wieder überall respektiert. Medien, die jahrelang nichts mit mir zu tun haben wollten, fanden mich wieder cool, Musiker und Künstler, die nur meine Anfangsphase mochten, klopften mir auf die Schultern. Der Schritt zurück und auf die Leute hier in Deutschland zu hat mir persönlich sehr gut getan. Unerklärlicherweise wollte meine Plattenfirma dann aber tatsächlich noch eine weiteres Album von mir.“
Für „C 90“ setzte Boa wieder auf sein alt bewährtes Prinzip der Veränderung. Wenn er sich verändern wollte, musste das sein Umfeld auch tun. Eine junge Band musste her, ein neuer Produzent und ein neuer Mentor: Carol von Rautenkranz, Lado-Chef und Hamburger Indie-Gott.
„Carol hat mir die Angst vor Pop genommen. Ich hatte mich seit Jahren in die Idee verrannt, alles Harmonische, was mir in den Sinn kam, sofort zerstören zu müssen. Ich glaubte, dass man genau das von Boa erwarte. Durch ihn fing ich wieder an, das Schöne in meiner Musik wieder zuzulassen.“
Genau diese Schönheit ist es, die nach einer klassischen Umsetzung geradezu verlangte. Pia Lunds Stimme war immer das Markenzeichen des Boa-Sounds und die beiden waren die Cindy & Bert des deutschen Indierocks. Doch die Zeiten der trauten Zweisamkeit waren schon lange vorbei und Pia hatte mit Soloprojekten die Schattenseiten des Business erfahren.
„Ich wollte sie unbedingt wieder in der Band haben. Die neuen Stücke atmen alle den Spirit unserer Anfangstage und ihre Stimme hat die Atmosphäre meiner Stücke immer perfekt vollendet. Nach dem Reinfall mit ihren Soloplatten wollte sie eigentlich nichts mehr mit der Musikindustrie zu tun haben. Ich habe dann versucht, mich langsam anzunähern und habe ihr versprochen, dass sie nur bei einem Drittel der Songs singt. Sie ist also nicht wieder die alleinige weibliche Projektionsfläche des Voodoo Club. Auch an die Live-Proben haben wir uns erst wieder rantasten müssen. Aber je mehr wir zusammen machen, umso klarer wird uns, dass das genau der richtige Schritt war.“

Aktuelles Album: C 90 (RCA/BMG)
© 01. September 2003  WESTZEIT ||| Text: Dennis Behle
September 2003

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