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KAPELLE PETRA - Sagt JA zum Leben!

Derzeit scheint sich unsere Welt selbst aus den Angeln heben zu wollen. Um in einer derart schwierigen Ära Positiv in die Zukunft blicken zu können, braucht es Verschnaufpausen. Entweder geht man Angeln, oder man genießt erhebende Momente mit der Kapelle Petra! „Der Opa soll sich zu Wort melden. Aus seinem Hirn sind die Texte gesuppt, also soll er in der Suppe baden“, überlässt Schlagzeuger Ficken Schmidt dem singenden Kapelle Petra-Gitarristen Opa die verbale Brühe, um das Meisterwerk ´The Underforgotten Table´ zu diskutieren.

Bassist / Sänger Siepe ist außen vor, und ´Bandmitglied´ Gazelle eh nur eine Bühnenskulptur! Opa: „Es fällt schon auf, dass - je älter man wird - man eher Sachen mag, die man kennt und schon lange schätzt. Sich mit all den geliebten Ritualen ins warme, heimelige Nest setzt. Dort gammelt und alt wird. Prinzipiell lieben wir es auch so. Aus dem Grund wird aber alles Neue - was das Altbekannte und Geschätzte auch nur irgendwie in Unruhe bringen könnte, grundsätzlich erstmal äußerst kritisch betrachtet, meistens mit irrationalen Verschwörungstheorien abgelehnt - bei mir wenigstens. (Der CD-Opener) `Ja´ ist also eher ein bejahender, selbstermahnender `Arsch-hoch-Klingelton´.“

Hätte Yoko Ono seinerzeit anstatt der ´Ja´-Beschilderungen ein ´Nein´ in ihrer Ausstellung ausgehängt, John Lennon hätte sie damals nicht angesprochen! Im übertragenem Sinn ist der CD-Track „Ja“ also die bestmögliche Variante, neue Freunde zu gewinnen. Die Kapelle Petra geht jedoch noch einen Schritt weiter. Sie fordert nicht lapidar ´Give Peace A Chance´, sondern sie fordert offen einen richtig fetten Frieden!

Selbstredend, ohne Ironie oder Sarkasmus, sind wir ebenfalls für einen richtig fetten Frieden! Autor und Musiker haben nicht nur politisch einen Nenner gefunden. Auch der Humor ähnelt sich. Ist die Kapelle Petra trotz ihres Humorpotentials politischer, direkter als John Lennon & die Plastic Ono Band? Oder gerade deswegen? Wie entstand der (subjektiv geniale) Text von ´Frieden´? Die Kapelle Petra als Bindeglied zwischen Nicole (gewann 1982 mit ´Ein bisschen Frieden´ den ESC) und Lennon!

Opa: „Ich habe den Song zusammen mit Tobias Röger (Songtexter auch für Udo Lindenberg, Christina Stürmer, Cassandra Steen u.a.) geschrieben und …Hui… textlich war das wirklich die Königsdisziplin! In dreieinhalb Minuten ein globales, jeden gerade wirklich berührendes Thema in den authentischen Kapellekosmos zu packen, auf den Punkt zu bringen, ohne dabei pathetisch-kitschig zu werden. Das war tatsächlich ne unglaublich schwierige Nummer. Wir haben hier alles `zig mal´ umgeschrieben. Infrage gestellt. Aus Angst davor, den ewig peinlichen Kack-song zu schreiben. Im Endeffekt sind wir mit dem Lied jetzt so richtig glück-lich. Sogar ziemlich stolz drauf! Falls wir ein Video dazu machen, fragen wir Nicole, ob sie die Café-Bedienung spielt.“

Warum hört ihr selbst nicht hin, wenn die ´Arbeit´ (= Songtitel) ruft?

Opa: „Ein Hoch auf die Dekadenz! Eigentlich ist das Lied eine rundum lustig gemeinte `Ode an die Faulheit´, mit bunten Bildern und einer Aussage zum `drüber Nachdenken´. Aber nicht unbedingt zum ernst nehmen. Da wir selbst gar nicht sooo faul sind und somit auch Barbiturats-Kandidaten wären.“

Wir hören schön den Chorus eines fiktiven neuen Kapelle Petra-Songs: ´Gebt den Menschen der großen Tat - ein bisschen mehr Barbiturat´.

Die Kapelle Petra hat scheinbar nicht den Anspruch, gesellschaftskritische / intellektuelle Themen zu bearbeiten. Subjektiv betrachtet, tut sie auf humorvolle Weise jedoch nix anderes. Oder?

Opa: „In der Anfangszeit ging es vor allem darum, dass die Stimme was zu singen hatte. Die Aussage dahinter war häufig zweitrangig. Oftmals haben wir irgendwelche intelligent klingenden Worte zu einer undefinierbaren Masse geformt, so dass es philosophisch klang, aber eigentlich ziemlich naiv-billig war, man nur mit sehr viel Mühe einen selbstinterpretierten Sinn finden konnte. Das hat sich im Lauf der Zeit wirklich anders entwickelt. Mittlerweile geht es in den Texten mehr um selbst- und gesellschaftskritische Themen. Aber immer etwas verschroben. Mit Banalitäten, einem Batzen Humor und Ironie im Kapellestyle.“

Dieser Wortwitz trifft scheinbar genau den Geschmack von Joko Winterscheidt & Klass Heufer-Umlauf. Warum sonst zählt die Kapelle Petra zu den Stammgästen von deren ´Circus Halligalli´? Man sieht förmlich des Opas Schalk im Nacken:

„Wir haben Joko vor etlichen Jahren auf einem Festival kennengelernt, uns dort gegenseitig ineinander verknallt. Seitdem dürfen wir auch regelmäßig Gast der beiden Buben sein.“

Hauptsache, der Circus stürzt nicht wie ein Kartenhaus ein. Apropos: Nach den Einstürzenden Neubauten ist die Kapelle Petra eine der bekannteren Bands, die ihre Arbeit/VÖs durch Crowdfunding finanziert. Doch wo die Neubauten persönliche Unterstützer, Supporter, hatten, erscheint das Geldsammeln bei der Kapelle Petra etwas anonymer.

„Wir wissen nicht genau, wie das bei den Einstürzenden Neubauten war, aber wir empfanden unsere `Kraut´ (Crowd) in gewisser Weise auch ziemlich familiär - soweit das bei 500 Supportern möglich ist. Wir hatten regen Austausch über unsere Plattform, viele sehr persönliche `Dankeschöns´ und auch persönliche Kontakte zu vielen unserer `Krautis´, da es oft individuell einiges zu klären gab.“ (- die Kapelle Petra gibt als Dankeschön viele Wohnzimmerkonzerte!).

Zu klären wären weiterhin Parallelen in der Gestaltung des CD-Titels. Auf dem Cover von ´The Unforgettable Fire´ posierten die Musiker von U2 ebenfalls vor einem Gebäude.

„Wir mussten die Platte einfach so nennen. Die wirkliche Geschichte dazu ist eigentlich mindestens eine halbe Seite wert. Man darf es aber auch so interpretieren, dass wir - ähnlich wie U2 - bombastisches, monumentales, kosmopolitisches vorhaben, aber im Prinzip schon am Plattennamen scheitern. Das allerdings, so gut wir können. Wir fanden es irgendwie grundsympathisch.“

Na ja, „wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht (Song-Zitat).“ Die Kapelle Petra – eine Formation der Denker und Dichter? „… und wenn alle klauen, geht nichts verloren. Hat aber auch keinen wissenschaftlichen Denker/Dichter-Anspruch, sondern eher die Aussage, dass wir uns alles schön reden können. Und sei es noch so scheiße. Dank des Internets gibt es für alles und jeden mit wenigen Klicks 'ne passende Lobby! Juhu! … oder auch nicht.“

Tocotronic thematisieren auf ihrem aktuellem Album im ´Prolog´ Sponge Bob. Besingt die Kapelle Petra ´Godzilla´, um nicht schwammig daher zu kommen?

„Ehrlich gesagt, ist uns kein passender Songtitel eingefallen. Bei der prägnanten Textzeile, die wahrscheinlich fast jeder unterschreiben würde, blieb auf jeden Fall bei uns am meisten `Godzilla´ hängen. Und Ficken Schmidt wollte dann unbedingt, dass es so heißt (Song-Zitat: Jede Dis kussion artet aus, bis das es brennt - Ich will Godzilla sehen und Du so ’n Kackfilm mit Hugh Grant).“

Kann die Kapelle Petra den hohen Anspruch, die Beatles (bzw. John Lennon), U2, und international anerkannte deutsche Acts wie Nicole oder Einstürzende Neubauten zu verbinden, erfüllen? Oder sieht man sich eher in der Tradition regionaler Attraktionen wie Tocotronic?

Opa: „Ha! Eigentlich haben wir diesen Anspruch gar nicht! Aber wenn es überhaupt einer kann, dann ganz bestimmt nicht wir!“

Ficken Schmidt: „Wer nun alles ein international anerkannter deutscher Künstler ist oder in der regionalen, wenn auch feinen Gesellschaft deutscher Musik wohnen bleibt, liegt sicherlich im Auge des Hörers (intensives rapid eye movement). Ob das nun Nicole oder die Einstürzenden Neubauten sind, lassen wir mal so stehen. Obwohl Nicole auch ein paar Mal verkackt hat. Aber das ist eine andere Baustelle. Sicherlich verbindet uns das Thema. Die Attitüde, der nicht mehr vorhandene Einfluss auf die Jugendkultur, die prima Live-Darbietung sowie der gesellschaftskritische (wenn auch nicht immer offensichtliche) Anspruch. Sei´s nun regional begrenzt oder in die Welt hinaus posaunt. Und JA, irgendwie verbinden wir alles miteinander!“

Ein weiteres Augenzwinkern beendet das Statement. Auch das Interview ist vorbei. Der Zenit der Kapelle Petra wird jedoch erst noch kommen!

Aktuelles Album:The Underforgotten Table (Skycap / Rough Trade) VÖ: 05.02.
Weitere Infos: www.kapelle-petra.de
© 03. Februar 2016  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe
Februar 2016

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