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TINDERSTICKS - Ich, der Kritiker wider Willen

Angeblich können Tindersticks machen was sie wollen. So oder so würden sie stets für ihre Alben gefeiert und gehuldigt werden. Der Mythos vom Kritikerliebling, auf kaum jemanden passt er besser – was allerdings viele vergessen: Dem eigenen Qualitätsanspruch gerecht zu werden, ist keinesfalls eine lockere Fingerübung. „Wir nehmen Platten nicht mit dem Hintergedanken auf, dass sie jedem gefallen sollen – aber überhaupt keine positive Resonanz mehr zu bekommen, das würde uns schon verwundern“, erklärt ein sichtlich entspannt wirkender Stuart A. Staples in seiner Rolle als Frontmann, der seit jeher Stellung zu den Dingen bezieht und die aktuelle Interviewreise zum neuen, elften Werk ´The Waiting Room´ zur ‚Chefsache’ ausruft.

Klar sei es eine komfortable Situation. Meint Stuart A. Staples gleich bei der Einstiegsfrage zur musikalischen Verortung seiner Band anno 2016. Manch andere Combo habe es da nicht so leicht beim Publikum auf offene Ohren zu stoßen.

Was u.a. daran liegt, dass die Briten bereits auf ihrem gleichnamigen Debüt ´Tindersticks´ von 1993 weise vor den Jahren wirkten und so gar nicht wie die Teenager, die sie damals waren.

„Den Vorteil dieses frühen ‚Erwachsen-seins’ erkannten wir erst später: Fast nie gab es Diskussionen, ob man die Sachen heute noch spielen sollte, da sie sich wie von selbst in die Setlists unserer Konzerte einfügten und gerade auf Tour merke ich regelmäßig, wie organisch die Entwicklung von Tindersticks voranging.“

Die typischen Veränderungen gab es trotzdem: Graue Haare, Mitgliederwechsel und sogar kurze Auflösungserscheinungen. Was ganz normal sei, wie Staples betont und deswegen glaubt man ihm auch, dass sich die Band aktuell pudelwohl fühle und all die verschiedenen Stationen ihrer Laufbahn bis hier hin zu schätzen gelernt habe.

Mit „hier hin“ meint er übersetzt ´The Waiting Room´ – dass neue Album des Fünfergespanns aus Nottingham. Über die gerne gesagt wird, dass sie der Presse selbst leere LP-Hüllen schicken könnten und trotzdem Begeisterung entfachen würden. Getreu dem Motto: Egal was kommt, ihr liebt uns trotzdem.

„Ganz so ist das nicht“, lächelt Staples geschmeichelt. In den letzten Jahren habe er oft gesehen, wie schwierig es sei Journalisten und Publikum am eigenen Schaffen teilhaben zu lassen. Da er in seiner Rolle als Juror bei diversen Independent Filmfestivals eingesehen musste, dass ´Kunst zu bewerten´ nicht leicht von der Hand geht.

„Ich muss eigentlich nur sagen, welcher Beitrag der spannnendste ist und selbst das stresst mich total. Da jeder, der einen Film einreicht, ihn selbst für den besten hält – obwohl er vielleicht gar nicht meinen Geschmack trifft“, resümiert Staples und pustet sacht über seinen Soja-Latte Macchiato.

Wohingegen es Tindersticks mal wieder gelang, den eigenen Ansprüchen mit ´The Waiting Room´ gerecht zu werden. Gerade weil die Songs mehr nach vorne gehen und nicht nur in-sich-gekehrte Selbstreflexionen sind.

„Wir fühlten uns mit den teils überbordenden Momenten des Vorgängers ‚The Something Rain’ sehr wohl und wollten diese Marschrichtung weiter verfolgen. Was aus meiner Sicht kein berechenbarer, sondern ein logisch konsequenter Plan ist.“

´The Waiting Room´ präsentiert sich in absoluter Bestform: Das gerne genommene Verdikt der angeblich ´Rotwein-trinkenden Melancholiker´ bestätigt sich nur in weinigen Momenten. Vielmehr wirken die Gedanken und damit verbundenen Lyrics hoffnungsvoller und irgendwie – nun ja, fröhlicher.

„Bei einigen von uns geht es nicht mehr um die Suche nach privatem Glück, Familien sind entstanden und dieser Umstand wirft ganz andere Fragen auf. Das Leben schreitet voran und neue Probleme bestimmen deinen Alltag. Was für mich persönlich mindestens genau so spannend ist.“

Autobiographisch zu Texten sei für ihn weiterhin der gangbarste Weg und so unmittelbar wie ´The Waiting Room´ den Hörer vereinnahmen möchte, so sehr zeigt es den Ist-Zustand einer Band, die sich dann doch ein bisschen weiter als der Rest aus dem Fenster lehnen darf.

Staples hält den Ball angenehm flach: „Schön, dass Journalisten das so sehen. Der eigentliche Richtwert ist und bleibt das Publikum für uns.“

Verstanden. Ein Meisterwerk, mal wieder.

Aktuelles Album: The Waiting Room (City Slang / Universal)
© 01. Februar 2016  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Richard Dumas
Februar 2016

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