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HELGE SCHNEIDER - Von gebündelter Sinnlosigkeit zu geballter Sinnhaftigkeit

Vor 1994, also vor ´Katzeklo´ ist Helge Schneider ein gern gesehener Gast bei Jazzsessions. Aufgrund seiner Musikalität. Aufgrund seiner Multiinstrumentalität. Aufgrund seiner musizierenden Freunde, die er gern zu den Sessions mitbringt. Und auch aufgrund seines Humors. Er weiß damals schon, Humor und Jazz sind keine Todfeinde. Also kultiviert er beides und hat plötzlich mehr Lacher auf seiner Seite, als Jazzer. Nach ´Katzeklo´ erst recht.

Beinharter Anhänger des Musenkusses

Wenn jemand die große Kunst des Musikclowns beherrscht, was Helge Schneider nun mal tut, dann provoziert das sofort die Frage, wie entstehen diese schalkhaften Miniaturen aus Musik, Text und Aufführung?

„Die Muse küsst“, gibt Helge Schneider zu Protokoll, „aber sie küsst sehr, sehr selten.“

Selten? Ist das nicht zu selten?

„In meinem Fall nicht, ich muss nicht immer funktionieren und ich muss auch nicht andauernd etwas voran treiben“, stellt der Künstler klar, „ich muss auch nicht immer komponieren. Doch wenn ich auf die Bühne gehen will, fange ich an zu komponieren. Doch vorher, bevor ich das tue, nehme ich mir die Zeit, etwas ganz anderes zu tun. Ich genieße dann die Muße. So spielen sich bei mir Muße und Muse wechselseitig in die Hände.“

Und es bei Helge Schneider passiert auch viel Ungeplantes. Beispielsweise durch Spielerei und Rumprobiererei in seinem kleinen Studio.

„So etwa bei der Entstehung des Stückes ‚Sommer, Sonne, Kaktus!’ Da habe ich die drei Worte vor mir her gesagt und gedacht, das klingt gut, daraus mache ich jetzt ein Stück. Und das habe ich dann auch gemacht.“, fährt er fort, „und dann hängt der Musenkuss auch damit zusammen, dass man von der Muse geküsst werden will.“

Die Kunst des Auftrags-Stückemachens ist aber auch eine, die Helge Schneider beherrscht.

„Als der Mülheimer Experimental-Filmer Werner Nekes am Film ‚Johnny Flash’ gearbeitet hat, kam er zu mir und bat mich, ich solle doch mal für den Streifen ein paar Schlager komponieren“, erinnert sich Helge Schneider, „da habe ich mich dann einfach hingesetzt und die gemacht. Fertig. In genau diesem Moment muss einen auch die Muse küssen und wie gesagt, ich muss es auch zulassen, dass sie es tut. Eigentlich ist sie bestellt. Sonst kannst du keine Lieder erfinden, wie etwa ‚Es hat gefunkt bei mir.’“



Flexibel bis zum Gehtnichtmehr

Um diesen Spagat zwischen genialem Musikclown und famosem Auftrags-Stückeschreiber überhaupt hinzukriegen, muss Helge Schneider über eine unglaubliche kreative Wendigkeit verfügen. Bereits in der Zeit des Sessionmusikers, besonders dann, wenn er mit dem leider viel zu früh verstorbenen Schlagzeuger Charly Weiss unterwegs ist, stellt er diese permanent unter Beweis. Stücke beginnen und nehmen versehen mit einem breiten, schelmischen Grinsen beider Protagonisten fast physisch spürbar einen komplett anderen Verlauf, als angenommen. Zur Verblüffung des Publikums. Zur Verblüffung der Musiker selbst.

„Manchmal muss man sich als Musiker einfach einlassen, auf den jeweils Anderen hören und dann zusammenspielen“, sagt Helge Schneider, „und ist es aber nicht genau das, was einen echten Musikanten ausmacht? Erst Hören, dann Machen.“

Flexibel bis zum bis zum Gehtnichtmehr und von der aus dem Moment geschaffenen Musik einmalig, sagen die einen und das ganz große Chaos, sagen die anderen. Bei der Eröffnung des umgebauten Zakk in Düsseldorf tritt Helge Schneider erstmal in einem komischen Anzug mit Schlaghosen und Plateauschuhen auf und bringt ´Tulpen aus Amsterdam´ zu Gehör - zum Erstaunen aller Umstehenden.

„Das war die Experimentierphase vor der ‚Singenden Herrentorte’“, bekennt sich Helge Schneider, „aber es hätte gar nicht unbedingt auf den Comedy-Jazz hinauslaufen müssen. Da war auch Zufall im Spiel. Meine erste Besetzung damals mit Buddy Casino an der Orgel und Peter Thoms am Schlagwerk, die war ja geprägt von Geholper in jeder Beziehung. Ich musste damals nicht nur mein Publikum unterhalten, sondern auch die beiden Mitmusiker. Das hat dann auch die ganze Aufführung geprägt. Und zwar in Richtung Dilettantismus und vielleicht unfreiwilliger Komik.“

Aber genau das bereitet dem Publikum unbändigen Spaß. Und Kultur muss Spaß machen. Das ist auch die felsenfeste Überzeugung von Helge Schneider, dessen Wirkung schlichtweg darin besteht, dass er sowohl musikalisch, als auch textlich in Windeseile von gebündelter Sinnlosigkeit zu geballter Sinnhaftigkeit zu wechseln imstande ist. Und dabei ob der Geschwindigkeit, in der sich diese Wechsel vollziehen, auch heute noch mindestens genau so viel verstörte Hörer zurücklassen, wie rundum begeisterte. Wie damals, 1994 bei ´Wetten dass, ...“, als „Katzeklo´ nach der Showeinlage von Take That gespielt wird. Bei der vorliegenden Live-CD aus der Grugahalle in Essen hingegen, praktisch dem Wohnzimmer Helge Schneiders, findet offensichtlich eine Helge Schneider-Fan-Vollversammlung statt. Da wird nur gefeiert und abgefeiert.

Aktuelles Album: Live At The Grugahalle - 20 Jahre Katzeklo (Evolution!)(Polydor/Island/Universal Music)
© 01. Juli 2014  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
Juli 2014

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